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© Österreichische Ärztekammer
Dr. Harald Mayer 2. Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer
© Picture alliance/Willfried Gredler-Oxenbauer

Suchfunktion soll Befundsuche erleichtern.

 
Praxis 14. September 2015

Die große Bewährungsprobe

Wunsch an ELGA: Userfreundliche Bedienung, die Spitalsärzte nicht behindert.

Die Ausübung der Medizin ist Heilkunde und kein „Produkt“ oder bloße „Dienstleistung“ und auch kein „Objekt“ ökonomischer Maximierung.

Wenn Patienten ein Spital aufsuchen, erwarten sie nicht nur eine gewissenhafte Behandlung ihres Krankheits- und Beschwerdebildes im Rahmen der ärztlichen Fachkompetenz, sondern vor allem auch Zeit und Zuwendung. Im Zentrum der Arzt-Patienten-Beziehung steht neben Diagnostik und Therapie das Ärztliche Gespräch, welches einen erheblichen Beitrag zum Behandlungserfolg leistet. Ärzte setzen sich in hohem Maße für die Gesundheit der Patientinnen und Patienten ein.

Die ärztliche Tätigkeit ist individuell auf die Voraussetzungen und Bedürfnisse der Patienten abgestellt, sie passt sich fortlaufend an die Situation und den Genesungsfortschritt an. Ärzte sind im Spital grundsätzlich rund um die Uhr erreichbar. Die Ausübung der Medizin ist Heilkunde und kein „Produkt“ oder bloße „Dienstleistung“ und auch kein „Objekt“ ökonomischer Maximierung. Ärztinnen und Ärzte sind stets bemüht, die Qualität der medizinischen Versorgung und das Wohl der Patientinnen und Patienten in den Vordergrund zu stellen. Diese Freiheit, das Bestmögliche zu tun, ist eine Grundvoraussetzung für den ärztlichen Beruf.

In den vergangenen Jahren ist aber ein starker Einfluss der Politik, Ökonomie und der Verwaltung auf die ärztliche Tätigkeit spürbar. Bürokratie, Administration und Rationalisierungen stellen für die ärztliche Tätigkeit oftmals unüberwindbare Hindernisse dar. Dabei werden Regeln, Einsparungs- und Finanzpläne, etc. von jenen aufgestellt, die wenig Bindung zum Patienten bzw. Kenntnis der Heilkunst haben.

Dennoch ist im Sinne der Effizienz jedes Hilfsmittel, das mehr Zeit für die Patientenbehandlung bringt, grundsätzlich positiv zu beurteilen. Dies gilt auch für den unterstützenden und sinnvollen Einsatz von elektronischen Kommunikations- und Informationssystemen.

In diesem Sinne sind die Erwartungen an die elektronische Zurverfügungstellung medizinischer Informationen, d. h. elektronische Gesundheitsakte (ELGA) zur Verbesserung der Arbeitsabläufe hoch, weshalb sich die Bundeskurie der angestellten Ärzte auch immer für den Einsatz einer sinnvollen Krankenakte ausgesprochen hat.

Nicht gewollt ist hingegen eine untaugliche oder zwecklose Gesundheitsakte, die ein Mehr an Arbeits- und Dokumentationsaufwand oder Bürokratie verursacht. Zusätzliche Belastungen würden die schon jetzt stark belasteten Arbeitsbedingungen in den Spitälern nochmals verschlechtern. Damit wären die Spitalsärzte dem eingangs erwähnten Ziel nämlich mehr Zeit für die Behandlung der Patienten nicht einen Schritt näher gekommen, sondern würden sich davon entfernen.

Wie eine Unterstützung und Entlastung der ärztlichen Tätigkeit im Spital erfolgen kann, kann nur von jenen beurteilt werden, die damit tagtäglich arbeiten. Für einen sinnvollen Einsatz ist Wert zu legen auf:

• Usability: Um den besonderen Anforderungen und Prozessen in den Krankenanstalten gerecht zu werden, benötigen wir höchstmögliche Gebrauchstauglichkeit und Anwenderfreundlichkeit. ELGA muss in die Krankenhaus-Informationssysteme so integriert werden, dass ELGA im Hintergrund läuft und sämtliche Abläufe durch ELGA keinesfalls verzögert werden.

• Permanente Verfügbarkeit der ELGA-Dienste und geringe Antwortzeiten, um die Arbeitszeit des bedienenden Personals nicht am Bildschirm zu vergeuden.

• Strukturierte Dokumentenarchitektur bzw. hohe Interoperabilitätsstufe: (EIS 3 Full Support samt Freitextmöglichkeit; keine eingescannten pdf-Dokumente). Damit ist eventuell die Anpassung/Neuaufsetzung der EDV-Systeme/Integration ins KIS verbunden; die Setzung von Prioritäten, die Aufnahme externer Befunde; die Achtung auf Datenqualität und Aktualität. Wie eine Umfrage der ELGA-GmbH zeigte, waren im Sommer 2012 nicht einmal die Hälfte der Krankenanstaltenträger EDV-mäßig imstande, selbst einfache CDA-Dokumente zu generieren und zu verarbeiten. Dieses Defizit gehört aufgelöst.

• Systematische, punktegenaue und vor allem effektive Suchfunktionen zur Recherche von medizinischen Inhalten in Dokumenten. Möglichkeit von Suchanfragen über Schlüsselwörter mit einer nach Relevanz geordneten Trefferliste (z.B. spezielle Suchfunktionen nach Diagnose, Medikamenten, Laborwerten und einzelnen Parametern, sowie Vorkehrungen für das Filtern von Suchergebnissen und die Darstellung der Resultate mit Gewichtung nach Relevanz). „Mehr“ an Informationen soll „mehr“ Qualität bringen. Genaue Anforderungen zu diesem Thema werden gerade in einer Arbeitsgruppe „ELGA Suchfunktion“ erarbeitet.

• Datensicherheit/Datenschutz und Aufbau einer entsprechenden Informations- und Ablaufstruktur - verbunden mit klaren Verantwortlichkeiten (Vertraulichkeit/Verfügbarkeit/Zugriffs-Berechtigung): Im Krankenhaus wird der Zugriff vieler Personen auf die ELGA-Daten (höchst sensible, persönliche gesundheitsbezogene Daten) notwendig sein. Der Patient/die Patientin soll wissen, wer auf seine/ihre Akte zugegriffen hat. Patientenrecht „Opt-Out“ : Wie kann der Patient seine ELGA-Rechte im Krankenhaus ausüben?

• Klärung der Nutzungsbedingungen: Strukturierung der Arbeitsabläufe und Herstellung der entsprechenden IT-Sicherheit, insbesondere bei Nutzung eines PCs durch mehrere Ärzte. Zudem müssen benutzerfreundliche Arbeitsumgebungen für Spitalsärzte geschaffen werden. Klärung schon vorab, wer im Spital wann Einsicht in ELGA hat. Sicherstellung, vor allem bei verpflichtender Verwendung dass ausschließlich jene Einsicht nehmen, die die notwendige Information benötigen.

• Datenvollständigkeit und Aktualität. Damit hängt auch die Frage zusammen, wer für nicht aktuelle, nicht vollständige, nicht verfügbare und falsche Daten haftet.

• Aufrechterhaltung der vollständigen Dokumentation in der Krankenanstalt bei gleichzeitiger Möglichkeit der Ausblendung des Entlassungsbriefs beziehungsweise bestimmter Teile des Entlassungsbriefs.

• Einsatz von Dokumentationsassistenten: Damit Ärzte, die in Ausbildung zum Allgemeinmediziner oder Facharzt stehen nicht vermehrt für ELGA- und Verwaltungstätigkeiten herangezogen werden, sondern sich einer qualitätsgesicherten Ausbildung unterziehen können.

Die verpflichtende Teilnahme an ELGA für bestimmte Krankenanstalten wurde auf den 1. Dezember 2015 verschoben. Bleibt zu hoffen, dass bis dahin die Funktionstüchtigkeit von ELGA hergestellt ist und damit ein Nutzen im medizinischen Alltag bewiesen wird, damit die veranschlagten Kosten (Gesamtkosten von 130 Mio. € in den Jahren 2010 bis 2017; laufende Kosten von 18 Mio. € pro Jahr ab 2018) gerechtfertigt werden.

Spitalsärzte müssen ELGA als unterstützendes Tool wahrnehmen, damit ELGA die entsprechende Akzeptanz erhält und die vom BMG prognostizierte Kostendämpfung von 129 Mio. € pro Jahr ab 2017 (!?) erbracht werden kann.

Dr. Harald Mayer ist Bundeskurienobmann Angestellte Ärzte.

E-Erinnerung

Heute ist die elektronische Gesundheitskarte selbstverständlich, doch vor elf Jahren, bei ihrer Einführung, war das Kartenstecken in der Ordination noch eine Zitterpartie: Dienstag, 14. Dezember 2004: Das System stürzte nicht ab. Der damalige Projektleiter Walter Bugnar: „Darauf stoßen wir mit einem Glaserl Sekt an.“ Den ganzen Vormittag hatten Fotografen und Kameraleuten zugesehen, wie sich alte Damen, Ortspolitiker und Arbeiter ihre E-Cards abholten. „Ich bin stolz, dass wir die Ersten sind,“ sagte Marko Baric, Fernfahrer. Hermine Schick äußerte die Befürchtung, dass sie ihre neue Chipkarte gleich wieder verlieren könnte. Johann Schumich war „feierlich“ zumute. Drei von 2500 Test-Patienten in zwei burgenländischen Ordinationen.

Jahrelange Vorlaufzeit

Die meisten waren sind einig: Alles werde einfacher, man müsse sich seinen Krankenschein nicht mehr in der Firma holen. Ängste gab es auch: „Ich will nicht, dass jeder weiß, welche Medikamente ich brauche“, meinte eine Patientin. Bugnars Replik damals: Auf den Karten seien „nur der Name und die Versicherungsnummer verzeichnet“. Nach diesem Start wurden die rund acht Millionen mintgrünen Chipkarten nach und nach von den Krankenkassen an alle Versicherten verschickt.

Die E-Card galt schon 2004 als unendliche Geschichte. Im Jänner 1993 hatte es den ersten Feldversuch mit 5.000 Patienten in Niederösterreich und dem Burgenland gegeben, 1996 hatte der Nationalrat die Einführung beschlossen.MB

Harald Mayer, Ärzte Woche 38/2015

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