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© FH JOANNEUM (Sissi Furgler, Foto Fischer, Werner Krug)

Prof. Karl Peter Pfeiffer Rektor und wissenschaftlicher Geschäftsführer der FH Joanneum, Graz

 
Gesundheitspolitik 29. November 2012

Das e-Gesundheitspuzzle

E-Health findet längst statt – vor, nach, mit oder auch ohne ELGA. Viele Erfolg versprechende Puzzleteile sind bereits im Spiel. Noch fehlt aber die Strategie, um die einzelnen Teile zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenzufügen.

Auf dem Papier hat Österreich bereits seit dem Jahr 2005 eine eigene e-Health-Strategie. Weil dieses aber bekanntlich geduldig ist, gibt es zwar in heimischen Krankenhäusern und Ordinationen bereits vielerorts – zum Teil bestens etablierte – e-Health-Insellösungen, dazu aber nur wenige verbindende Brücken. Man könne e-Health zwar durchaus als Puzzle aufbauen, meint etwa der e-Health-Vordenker Prof. Karl Peter Pfeiffer, langfristig müsse man aber versuchen, die Einzelteile im Sinne einer integrierten Versorgung zu vernetzen. Dazu bedarf es jedoch eines Masterplans. Dieser aber fehlt nach wie vor.

Seit Monaten sind wir Zeugen einer Art „Boxkampf“ zwischen Politik und Ärztekammer um Sinn und Unsinn, Chancen und Gefahren, Kosten und Einsparungspotenziale von ELGA – beidseitig natürlich immer ausgefochten im Namen der Patienten. Um dem Bild treu zu bleiben: Zeitweise waren beide Kontrahenten mehr im unproduktiven Clinch verstrickt, als sich im fairen, offenen Wettstreit um die besseren Argumente zu messen. Nun hat vorerst die Politik die Oberhand gewonnen und das ELGA-Gesetz trotz massiven Widerstands der Ärztekammer beschlossen. Diese sitzt Wunden leckend in der Ringecke, erholt sich vom Niederschlag und ergreift erste Kampfmaßnahmen und ersinnt Gegenstrategien, möglichst erfolgreichere, als ihr bisher eingefallen sind. Von einem Sieg sind Stöger, Schelling & Co dennoch weit entfernt.

ELGA-Pleite, wenn Ärzteschaft nicht mit geht?

Das wissen sie selbst am allerbesten, denn ohne aktive Mitwirkung der Ärzte wird ELGA niemals funktionieren und zu einer Millionenpleite werden, oder auch zu einer Blamage, die sich Österreich nicht leisten kann.

Das ELGA-Gesetz setzt jedenfalls einen absoluten Meilenstein in der heimischen e-Health-Entwicklung. Aufzuhalten ist die weitere Implementierung und Verbreiterung von e-Health-Anwendungen im Gesundheitsbereich allerdings so oder so nicht, dazu ist man schon viel zu weit am Weg – unumkehrbar.

Zudem gibt es bei allen Querelen und Streitigkeiten um ELGA im Grunde niemanden, der sich grundsätzlich dagegen sträuben würde. Die Ärzte nicht, die Politik auch nicht und die Industrie mit ihren Innovationen erst recht nicht.

„Wir lehnen die Informationstechnologie in der Medizin sicher nicht ab, das wäre ja geradezu wahnwitzig“, sagt etwa der Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer und Salzburger Ärztekammerpräsident Dr. Karl Forstner. Er weist alle Kritik von sich, wonach Ärzte als die großen „Reformbremser“ dargestellt werden.

Nicht verhindern, sondern Kostenfrage und Nutzbarkeit klären

Es gehe der Ärztekammer ja nicht um das prinzipielle Bremsen oder Verhindern, versichert Forstner, sondern um die Nutzbarkeit und Kostenfrage: „Wir haben Zweifel, dass der Weg in seiner Komplexität der richtige ist, nicht aber in seiner grundsätzlichen Richtung.“ Als langgedienter Spitalsarzt habe er bisher jedenfalls noch keine Vereinfachung oder Beschleunigung der Abläufe durch die EDV im Krankenhaus bemerkt, meint Forstner und bemüht sich, das öffentliche Bild des Bremsers zu relativieren: „Es sterben viel mehr Menschen durch eine Fehlbedienung des Gaspedals als des Bremspedals.“

Von E-Health bis P-Health

„e-Health wird die Probleme des Gesundheits- und Sozialwesens allein nicht lösen, aber ohne e-Health werden die Probleme nicht zu lösen sein“, lautet das Credo von Prof. DI Dr. Karl P. Pfeiffer. Der Rektor der Fachhochschule (FH) Joanneum Graz hält die Informationstechnologie neben der Molekularbiologie für die „entscheidenden Faktoren der Zukunft im Gesundheitswesen.“

Für Pfeiffer bedeutet e-Health „vernetzen, kommunizieren, kooperieren“, ein Begriff der viele unterschiedlichen Dimensionen hat.

Es gehe dabei nicht nur um die Vermittlung von Informationen an Gesundheitsdienstleister, sondern etwa auch um Informationen über Gesundheitseinrichtungen, die Erleichterung der Integration von Prozessen für institutionsübergreifende Gesundheitsdienstleistungen oder die Unterstützung der Steuerung und Finanzierung von Sozial- und Gesundheitssystemen.

Vor allem geht es laut Pfeiffer jedoch um die „Unterstützung des persönlichen Gesundheitsmanagements“ jedes einzelnen Patienten und damit letztendlich um Stärkung der individuellen Gesundheitskompetenz. Der Bürger, sagt Pfeiffer, sollte selbst Eigentümer seiner Gesundheitsdaten sein: „Meine Vision: Im Gesundheitssystem von morgen stehen den berechtigten Personen alle gesundheitsrelevanten Daten, Information und medizinisches Wissen in einer optimal aufbereiteten Form basierend auf internationalen Standards für die Dokumentation, Kommunikation und Archivierung zur Verfügung.“

Persönlicher Gesundheitsakt

Genau in diese Richtung zielt das Projekt Personal Health Record (PHR). Bei diesem persönlichen elektronischen Gesundheitsakt handelt es sich um eine digitale Applikation, mithilfe der Patient in einem sicheren und vertrauenswürdigen Umfeld auf seine eigenen Gesundheitsinformationen zugreifen, diese Daten verwalten oder weiter geben kann. Der PHR enthält Daten bzw. Informationen, welche der Patient selbst erfasst hat. Der PHR unterscheidet sich von einem klassischen elektronischen Gesundheitsakt dadurch, dass der Patient und nicht die Institution die Kontrolle darüber hat. Ergänzend zu e-Health, so die Prognose Pfeiffers, entwickelt sich mit atemberaubender Geschwindigkeit der m-Health-Sektor.

Mobile e-Health-Applikationen gehören längst zum Standardrepertoire von Ärzten und Patienten gleichermaßen. Immerhin 36 Prozent der Bevölkerung in Österreich besitzen ein Smartphone, bei Ärzten sind es sogar 81 Prozent.

Gesünder mit der App

Mehr als 11.000 Gesundheits-Apps sind bereits am Markt. Sie leisten heute vor allem bei chronischen Erkrankungen, der Rehabilitation und der Vorsorge einen wichtigen Beitrag. Beispiele dafür sind etwa Diabetes-Monitoring, Patiententagebuch, Erinnerungsfunktionen oder Programme zur individuellen Gesundheitsförderung.

Der nächste Schritt geht in Richtung p-Health oder personalized Health. Dazu zählen einerseits persönliche, tragbare Mikro- und Nanotechnologien für die eigene Gesundheitsversorgung, die messen, verarbeiten, kommunizieren und steuern können, und andererseits smarte Assistenzsysteme. Das können smarte Textilien oder Implantate sein oder auch Mikrosysteme, von Sensoren kontrollierte medizinische Geräte, Telemedizin- und Monitoring-Systeme für die Behandlung stationärer und ambulanter Patientinnen und Patienten.

Eine Herausforderung

Sämtliche aktuellen Diskussionen, wie auch die bereits realisierten e-Health-Projekte, belegen, dass der Erfolgsfaktor weder medizinischen noch technologischen Ursprungs ist. Entscheidend ist vielmehr die organisatorische Neugestaltung der dahinterliegenden Prozesse und Abläufe, um das Gesundheitssystem überhaupt „e-tauglich“ zu machen. „Nicht die Medizin ist das Problem“, attestiert auch Pfeiffer, sondern die Organisation der medizinischen Versorgung.“ Absolute Voraussetzung dafür, dass e-Health-Lösungen angenommen werden, sind zudem hohe Usability sowie das optimale Filtern und Aufbereiten der relevanten Daten. Und spätestens an dieser Stelle schließt sich auch wieder der Kreis zwischen e-Health-Befürworter Pfeiffer und ELGA-Skeptiker Forstner. Denn genau auf diese beiden Punkte bezieht sich im Wesentlichen die Kritik der Ärztekammer am aktuellen ELGA-Entwurf.

e-Health-Strategie

Die österreichische e-Health-Strategie basiert auf einer Initiative des Bundesministeriums für Gesundheit aus dem Jahr 2005. Die Strategie hat sich zum Ziel gesetzt, „Rahmenbedingungen für eine koordinierte, systematische Entwicklung eines österreichweiten Informations- und Kommunikationssystems im Gesundheits- und Sozialwesen“ zu definieren. Das System soll auf europäischen beziehungsweise internationalen Standards basieren und dabei die Rechte der Bürger wahren.

V. Weilguni, Ärzte Woche 48/2012

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