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HNO 9. Mai 2012

Hörverlust: Leiden vermeiden

Die Österreichische Ärztekammer startet die Initiative „gut hören – dazugeHören“.

Rund eine halbe Million Österreicherinnen und Österreicher hören schlecht. Die Dunkelziffer ist nach Expertenschätzung allerdings noch weit höher. Ausgehend von Studien aus vergleichbaren Ländern könne man annehmen, dass bis zu einem Fünftel der heimischen Bevölkerung, jedenfalls aber 1,2 Millionen, unter Hörstörungen leiden, erklärte der Präsident der Österreichischen Ärztekammer, Walter Dorner.

„Wenn ich ‚leiden‘ sage“, so Dorner, „dann meine ich das in einem umfassenden Sinn. Denn eine unbehandelte Hörstörung schadet langfristig dem ganzen Menschen in seiner seelischen, geistigen und körperlichen Gesundheit.“

Mit der Initiative „gut hören – dazugeHören“ will die Ärztekammer dazu beitragen, die Dunkelziffer zu erhellen und Betroffene durch umfassende Information dazu ermutigen, sich ihrer Beeinträchtigung zu stellen.

Ärzte aufmerksam machen

Gleichzeitig soll die Sensibilität der Ärzteschaft für das Thema geschärft werden: Neben HNO-Fachärzten sollen vor allem Allgemeinmediziner, Internisten und Kinderärzte in der Lage sein, ihre Patientinnen und Patienten behutsam, aber unmissverständlich auf das Problem anzusprechen. Mehr als 10.000 Ordinationen erhalten Informationsmaterial zur Weitergabe an Betroffene.

Kommunikationsprobleme

In der Gruppe der 60- bis 70-Jährigen leidet jeder Dritte unter einer ausgeprägten Hörminderung (Presbyakusis). Die meisten lehnen es ab, ein Hörgerät zu tragen. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 80 Jahren nehmen die Betroffenen damit in Kauf, ein Viertel ihres Lebens mit einer fortschreitenden Beeinträchtigung zu leben, die sie körperlich, geistig und seelisch belastet. So verschlechtert Bluthochdruck zwar das Gehör – er ist aber umgekehrt auch oft eine Folge von Schwerhörigkeit. Denn durch das stete Bemühen, die Hörminderung zu verschleiern, stehen viele Menschen unter Dauerstress. Eine Hörhilfe wird häufig abgelehnt, weil man „noch nicht so alt“ oder gar „senil, dement“ sei. Das Gehör kann durch eine Demenzerkrankung beeinträchtigt werden. Die eigentliche Tragik ist aber, dass das Demenzrisiko steigt, wenn schlecht Hörende resignieren und sich von Freunden und Familie zurückziehen. Groß ist auch die Gefahr, durch die Vereinsamung psychisch zu erkranken – bis hin zu schweren Depressionen.

Hörbeeinträchtigung bei Kindern

„Pro Jahr kommen in Österreich ein bis drei von tausend Kindern mit unterschiedlich schweren Hörschäden zur Welt“, erklärte Prof. Wolfgang Gstöttner, Vorstand der HNO-Klinik an der MedUni Wien. Viel häufiger als angenommen sei das Problem vererbt. Im Kindesalter lösen aber auch akute Erkrankungen wie Mittelohrentzündungen Hörstörungen aus. Liegt ein chronischer Mittelohrkatarrh vor, kann es zu einem Flüssigkeitsstau kommen, der durch einen kleinen operativen Eingriff zu beheben ist.

Eine Erfolgsgeschichte ist das in Österreich bereits 2003 im Mutter-Kind-Pass verankerte Neugeborenen-Hörscreening, das 90 Prozent aller Babys erfasst. „Heute behandeln wir zehnmal mehr Kinder noch vor einer für die Sprachentwicklung entscheidenden Phase, sodass sie fast oder ganz wie andere Kinder hören und sprechen“, erklärte Dr. Charlotte Rottensteiner-Grohsmann von der HNO-Abteilung am Wiener Donauspital/SMZO. Selbst gehörlose Babys hätten gute Chancen auf eine annähernd normale Entwicklung, so die Expertin. Voraussetzung sei eine frühzeitige Diagnose, damit noch in den ersten Lebensmonaten ein Cochlea-Implantat eingesetzt werden könne.

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