zur Navigation zum Inhalt
Copyright 2012, Austria Presse Agentur, Wien, Österreich, alle Rechte vorbehalten
 
APA-Artikel 11. Jänner 2012

Ärztekammer fürchtet Medizin-Rationierung

Österreichische Medizinethiker und die Ärztekammer sehen am Horizont die Gefahr einer zunehmenden "kalten" Rationierung der Leistungen im österreichischen Gesundheitswesen. Dies könnte vor allem durch die verordnete Diagnose- und Behandlungsrichtlinien geschehen, hieß es am Mittwoch bei einem Hintergrundgespräch der Wiener Ärztekammer.

Der Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer, Günther Wawrowsky: "Ich mache mir keine Sorgen um die Ärzte, ich mache mir nur Sorgen um die Patienten." Der Hintergrund: Zunehmend setzen - so die Kritik - Gesundheitsministerium, Krankenkassen und Spitalserhalter auf die Durchsetzung von Leitlinien auf der Grundlage der evidenzbasierten Medizin (EBM), in der vor allem zählt, was in verblindeten Studien mit zufallsbedingter Auswahl der Probanden etc. als wirksam erkannt wurde. Doch längst nicht die Mehrheit medizinischer Handlungen ist auf diese Weise untersucht bzw. kann überhaupt erprobt werden.

"Wir haben in letzter Zeit eine alte Forderung nach Einführung der Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Kassenmedizin umgesetzt. Wenn wir diese Fachgruppe und diese Leistungen nach den EBM-Richtlinien bewerten würden, dürfte es sie gar nicht geben", meint Wawrovsky. Die Eltern betroffener Kinder müssten weiterhin bezahlen.

Die Gefahr einer reinen Beschränkung medizinischer Leistungen im Spitalsbereich sowie in der Kassenmedizin ist laut Friedrich Hartl, Referent für Qualitätssicherung bei niedergelassenen Ärzten der Wiener Ärztekammer bereits gegeben. So habe man auf Bestreben der österreichischen Fachgesellschaft für Anästhesie (ÖGARI) bereits eine "Bundesqualitätsleitlinie Präoperative Diagnostik" beschlossen, die in Vorarlberg in den Spitälern verpflichtend geworden sei. Darin sei ein Lungenröntgen vor einer Operation nur noch bei offenbarem Verdacht auf mögliche Lungenkomplikationen vorgesehen. "Nach dieser jetzigen Leitlinie wäre ich heute mausetot", so Hartl. Bei ihm hätte man beispielsweise vor einem Eingriff eine symptomlose Veränderung an der Schilddrüse bemerkt, die operiert werden konnte. Andernfalls wäre daraus wahrscheinlich eine lebensbedrohende Erkrankung entstanden.

Wawrowsky: "In der präoperativen Diagnostik gibt es teilweisen Wildwuchs. Eine Begradigung ist richtig. Aber man darf das Kind nicht mit dem Bad ausschütten", ergänzt Wawrovsky.

Blinddarmoperation hat keinen Nutzen

Heftige Kritik an diesen Tendenzen gibt es auch von Seiten der Medizinethik. Hier haben Wiener Experten eine Stellungnahme erarbeitet. Günter Virt vom Institut für Moraltheologie der Universität Wien und Ethikberater des EU-Kommissionspräsidenten: "Nach den neuen Regelungen dürfte eine Blinddarmoperation gar nicht geschehen. Deren Nutzen ist nämlich nach EBM nicht beweisbar. (...) Wir haben die sehr große Sorge, dass solche Studien zum Kriterium für die Zulassung oder das Verbot von Methoden erhoben werden. (...) Krank ist aber nie eine Krankheit, sondern eine Person."

EBM, Leit- und Richtlinienerstellung sowie ein oft davor erfolgendes Health Technology Assessment (HTA-Bewertung von medizinischen Handlungen und Methoden) finden aber - so die Experten - oft in für die Öffentlichkeit anonymen Gremien und unter Ökonomie-Einflüssen statt. Hans Schelkshorn vom Institut für christliche Philosophie der Universität Wien: "Es sollte eine Selbstverständlichkeit in einem demokratischen System sein, dass in solchen grundsätzlichen Dingen eine (öffentliche, Anm.) Debatte stattfindet." Die Richtlinien-Medizin laufe auf eine "gefährliche Entmündigung der behandelnden Ärzte" hinaus: "Den Ärzten wird eine Zwangsjacke umgehängt."

Die legistischen Möglichkeiten für solche Entwicklungen sind in Österreich laut den Kritikern bereits gegeben. So sehe das Gesundheitsqualitätsgesetz bei Nichteinhaltung von per Verordnung verbindlich gemachten Leitlinien für Behandlungsvorgaben 10.000 Euro Strafe pro Patient vor, im Wiederholungsfall sogar 20.000 Euro. Zwar habe das Gesundheitsministerium bisher noch keine Leitlinie verbindlich gemacht, aber, so Hartl: "Wo es eine Verordnungsermächtigung gibt, wird sie genutzt."

apa.at

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben