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Allgemeinmedizin 5. Juni 2013

Adipositas Wunschträume, Irrtümer – und Fakten

Wenn Behauptungen oft genug wiederholt werden, werden sie irgendwann geglaubt. So auch Thesen zur Adipositas, die munter verbreitet werden, obwohl jeglicher wissenschaftlicher Beweis fehlt oder gar gegenteilige Erkenntnisse vorliegen.

Krista Casazza und Kollegen haben die Massenmedien und die wissenschaftliche Literatur durchforstet. Dabei trafen sie auf eine Menge Fehlinformationen, aber auch auf eine ganze Reihe von Studiendaten, die eine seriöse Basis zur Patientenberatung darstellen können ( NEJM 2013; 368: 446–54 ).

Mythen

In das Reich der Märchen, die sich trotz konträrer Datenlage hartnäckig halten, gehören unter anderem die Behauptungen: „Wer in kurzer Zeit viele Kilos abspeckt, erreicht langfristig weniger“ oder „Auch kleine Bemühungen bzw. eine geringe Kalorienreduktion können langfristig umfangreiche Gewichtsveränderungen bewirken.“ Seit langer Zeit hält sich auch die Vorstellung, dass gestillte Kinder ihr Körpergewicht später besser regulieren können. Und manch einer steigert die Frequenz in seinem Sexualleben in Bereiche des Leistungssports, weil er meint, er verbrenne bei jedem Liebesspiel bis zu 300 kcal. Dabei werden durchschnittlich gerade mal 14 kcal mehr verbraucht als beim Fernsehen.

Keinerlei Beweise gibt es derzeit auch für die Annahme, allein die Disziplin eines täglichen Frühstücks oder die erhöhte Obst- und Gemüsezufuhr bewahre ohne weitere Einschränkungen vor der Gewichtszunahme. Nicht bewiesen ist auch, dass man durch das ständige Auf und Ab auf der Waage einen früheren Tod riskiert.

Hier sind die Fakten …

Einige der Annahmen, für die keine wissenschaftlichen Beweise existieren, mögen teilweise richtig sein. So tragen der reichliche Obst- und Gemüseverzehr sowie das regelmäßige Frühstück sicher zur Gewichtsregulation bei, allerdings nur dann, wenn gleichzeitig die Gesamtkalorienmenge reduziert wird. Welche Aussagen zur Adipositas bislang tatsächlich durch Studien belegt werden konnten, fasst die nachfolgende Aufstellung der Autoren zusammen:

1. Die Gene spielen zwar eine wichtige Rolle, aber die erbliche Anlage für eine Adipositas ist kein unabwendbares Schicksal, wenn die begünstigenden Faktoren erst einmal erkannt wurden.

2. Durch Kalorienreduktion gelingt die Gewichtsreduktion sehr gut. Ohne weitere Maßnahmen währt der Erfolg allerdings nicht langfristig.

3. Jeder profitiert gesundheitlich von mehr körperlicher Aktivität, auch wenn damit keine Gewichtsabnahme erreicht wird.

4. Wer sich regelmäßig bewegt und ausreichend trainiert, kann sein Gewicht auch langfristig halten.

5. Wer langfristig den Lebensstil beibehält, mit dem er sein Gewicht reduzieren konnte, wird nicht wieder zunehmen.

6. Übergewichtige Kinder nehmen erfolgreicher ab und halten das erreichte Gewicht besser, wenn die Eltern und das häusliche Umfeld einbezogen werden.

7. Mit strukturierten Mahlzeiten und dem Einsatz von Nahrungsersatzprodukten ist ein größerer Gewichtsverlust erreichbar als mit scheinbar ganzheitlichen Methoden, die auf Balance, Vielfalt und Maßhalten basieren.

8. Pharmazeutische Wirkstoffe können bei der Gewichtsabnahme hilfreich sein, bis die notwendigen Maßnahmen zur Lebensstilumstellung verinnerlicht sind.

9. Mittels Adipositaschirurgie kann in speziellen Fällen langfristig Gewicht reduziert werden. Gleichzeitig hat die Maßnahme einen positiven Einfluss auf begleitende Risikofaktoren wie Diabetes oder eine frühere Sterblichkeit.

springermedizin.de, Ärzte Woche 23/2013

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