zur Navigation zum Inhalt
© Charly / fotolia.com
Freude an der Bewegung muss wieder erlangt werden.

Pauline purzelt wieder

Hilfe für übergewichtige Kinder und ihre Eltern

Sigrun Eder, Anna Maria Cavini

Verlag: Edition Riedenburg

ISBN-10: 390264723X

Dieses Buch kann die tägliche Beratung adipöser Kinder erleichtern, Information und Motivation bei den Kindern und Eltern schaffen und kindgerecht anhand der Problem-Lösungs-Geschichte von Pauline und Paul das geteilte Leid und die genutzte Chance anderer Kinder näher bringen.

 

Adipositas bei Kindern

Therapieziele sollen in kleinen und realisierbaren Schritten festgelegt werden.

Adipositas zählt bereits zu den häufigsten chronischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter in unserem Lande, doch leider erhält dieses Riesenproblem noch immer nicht ausreichend Aufmerksamkeit, weder in der Prävention noch in der Therapie.

Der steigenden Prävalenz steht ein unzureichendes Angebot an adäquaten Behandlungsmöglichkeiten unseres Gesundheitssystems gegenüber. Am freien Markt hingegen werden immer mehr Produkte zur raschen Gewichtsabnahme angeboten, denen immer mehr Familien und leider auch Jugendliche vertrauen und der mangelnde Erfolg oder Jo-Jo-Effekt nach zu rascher kurzfristiger Gewichtsabnahme resultiert in steigender Frustration, Resignation oder weiteren Essstörungen.

Umso wichtiger, dass in der täglichen Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und in den Familien die Möglichkeiten genutzt werden, frühzeitig das Ernährungs- und Bewegungsverhalten zu einem gesundheitsfördernden Lebensstil zu verändern und somit die Weichen zu einer gesünderen und glücklicheren Zukunft der Kinder zu stellen.

Für Österreich liegen keine alters- und flächendeckenden Daten vor, in Deutschland sind je nach Definition zehn bis 20 Prozent aller Schulkinder und Jugendlichen übergewichtig.

Langfristige Erfolge können nur durch eine Änderung sowohl der Ernährungs- als auch der Bewegungsgewohnheiten bei den Betroffenen und deren Familien erreicht werden.

Ohne Schuldzuweisung

Primäre ärztliche Aufgabe ist es hier, die Basisdiagnostik durchzuführen und die Familien über die Bedeutung dieser Gesundheitsstörung und ihre gesundheitlichen Folgen mit Empathie und ohne Schuldzuweisung an die Eltern aufzuklären.

Definitionsgemäß wird der Body Mass Index (BMI) zur Einteilung der Adipositas herangezogen, bei mangelnder Verfügbarkeit simpler Verfahren zur Abschätzung des Fettanteiles der Gesamtkörpermasse. Hierbei gibt es für unsere Breitengrade alters- und geschlechtsspezifische Perzentilenkurven.

Die Grenzwerte für Übergewicht bzw. Adipositas und extreme Adipositas oder Adipositas per magna werden mit der 90. bzw. des 97. und 99,5. alters- und geschlechtsspezifischen Perzentils dieser Referenzdaten festgelegt. Dieser Link erleichtert das rasche Erfassen des BMI, der Perzentile und der Standard Deviation Scores (SDS): www.mybmi.de.

Genaue Abklärungsrichtlinien entnehmen Sie bitte den Flussdiagrammen, die in der Arbeitsgruppe für pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie der Österreichischen Gesellschaft für Kinder-und Jugendheilkunde (ÖGKJ) in Anlehnung an die Leitlinien der AGA ausgearbeitet wurden und die Indikation einer weiteren endokrinologischen Diagnostik bei Adipositas definieren.1

Zusätzliche psychologische und/oder kinderpsychiatrische Diagnostik sollte bei Hinweisen für das Vorliegen einer schwerwiegenden psychiatrischen Grunderkrankung, wie z.B. einer Depression oder einer Bulimie oder Binge-Eating-Disorder, eingeleitet werden.

Somatische und soziale Folgen

Zu den häufigsten somatischen Folgen zählen orthopädische Störungen, arterielle Hypertonie, Fettstoffwechselstörungen, Typ-2-Diabetes mellitus, Hyperandrogenämie bei Mädchen, Hyperurikämie, Cholezystolithiasis und metabolisches Syndrom, die durch eine Gewichtsreduktion teilweise reversibel sind.

Doch weitaus mehr leiden die meisten Kinder und Jugendlichen unter den Hänseleien der Mitschüler, Diskriminierung am Arbeitsplatz und sozialer Isolation. Die Teufelsspirale aus mangelnder Bewegung, reduzierter Fitness, Schmerzen und Spott beim Sport, dreht sich durch weiteres Vermeidungsverhalten aktiver und Anstieg passiver Freizeitgestaltung mit folgender Gewichtszunahme und Abnahme der Freude an der Bewegung immer weiter nach unten.

Therapie in kleinen Schritten

Prinzipiell sollte aber bei jedem übergewichtigen Kind oder Jugendlichen der Übergang zur Adipositas verhindert und bei Adipositas eine Therapie eingeleitet werden. Hier wird im Alter von zwei bis sechs Jahren bei fehlenden Begleiterkrankungen das Halten des Gewichtes, bei älteren adipösen Kindern oder übergewichtigen Kindern mit Begleiterkrankungen eine Gewichtsabnahme angestrebt.

Therapieziele sollen im Konsens mit den Beteiligten in kleinen und realisierbaren Schritten festgelegt werden und zielen auf eine langfristige Reduktion oder Stabilisierung der Fettmasse, Aufbau von Muskelmasse, Ermöglichung einer normalen körperlichen, psychischen und sozialen Entwicklung und Leistungsfähigkeit und Reduktion der Adipositas-assoziierten Komorbiditäten ab. Mithilfe von Problembewältigungsstrategien und Einbeziehung der Bezugspersonen soll es zu einer Umstellung der aktuellen Ess- und Bewegungsgewohnheiten, unter Vermeidung unerwünschter Therapieeffekte, kommen.

Mangel an Kliniken

Leider gibt es bis jetzt immer noch ungenügend ausreichend evaluierte Therapieverfahren in Bezug auf Langzeiteffekte und vor allem in Österreich ein mangelndes Angebot sowohl an ambulanten als auch stationären Therapieangeboten. Im Idealfall fungiert der Kinder- und Jugendfacharzt hier als Diagnostiker, Ansprechpartner und Koordinator für ein interdisziplinäres Team mit geschulten Fachkräften der Ernährung, Bewegung und Psychologie.

Bevorzugt sollte eine Therapie im ambulanten Setting werden, um gleichzeitig den Alltag gemeinsam mit den teilnehmenden Familien am Wohnort zu verändern. In speziellen Situationen, z.B. bei der Notwendigkeit einer Ortsveränderung für den Patienten außerhalb der familiären Struktur, oder bestehenden Komorbiditäten, wie z.B. massiver Adipositas mit körperlicher Bewegungseinschränkung kann aber eine stationäre Therapie empfohlen sein. Hier bietet Deutschland mit einem bundesweiten Angebot an auf Adipositastherapie spezialisierten Rehakliniken für Kinder- und Jugendliche ein weit größeres Angebot, welches in Österreich dringend notwendig wäre.

Wenn die wünschenswerten Strukturen vor Ort leider nicht vorhanden sind, bleibt dem Kinder- und Jugendfacharzt in der spärlichen Ordinationszeit dennoch die Möglichkeit, mit kurzfristigen Kontrollen und Motivationsarbeit der gesamten Familie Veränderungen einzuleiten.

Ernährung

Grundlage der Ernährungsempfehlung ist das Konzept der „Optimierten Mischkost“ (optimiX), mit Reduktion der Energiezufuhr, Einschränkung der Fett- und Zuckerzufuhr, ohne nennenswerte Minderungen der Zufuhr essenzieller Nährstoffe. Hier eignet sich zur raschen Erfassung in kurzer Zeit das Ampelschema:

• Grün: Reichlich: Getränke (möglichst energiefrei) und pflanzliche Lebensmittel

• Orange: Mäßig: tierische Lebensmittel (fettarme Varianten)

• Rot: Sparsam: fett- und zuckerreiche Lebensmittel

Als didaktisches Modell auf Basis der Ernährungsempfehlungen der optimiX eignet sich besonders die aid-Kinderpyramide, die sich auf Portionsgrößen und Einteilung in einfache Lebensmittelgruppen mit Verzicht auf kompliziertes Kalorien- und Grammzählen konzentriert.2

Bewegung

Einige Tipps zur Steigerung der körperlichen Aktivität: Ziel ist das Wiedererlangen der meist verlorenen Freude an der Bewegung. Der Schwerpunkt sollte zuerst auf Alltagsaktivitäten (Kurzstrecken per Rad, zu Fuß, Schulweg, Stiege statt Lift, etc.) gelegt werden. Eventuell kann eine Teilnahme an Sporteinheiten in der Schule oder Vereinen erreicht werden. Gruppen sind förderlich zur Motivation und zum Erleben von Gruppengefühl. Passive Freizeitgestaltung (TV- und PC-Zeiten) sollte reduziert werden. Das Führen eines simplen Bewegungsprotokolls dient als Basis für weitere Empfehlungen, Verbesserungen, Selbstbeobachtung und als Grundlage für viel Lob!

Bewegungsempfehlungen sollten auf individuelle Wünsche, Vorlieben und Möglichkeiten eingehen. Wohnortnahe Angebote sollen gesucht werden.

Bei massiver Adipositas sind Sportarten zu bevorzugen, die das Gewicht tragen helfen (Radfahren, Aqua-Sports etc.)

Psychosoziale Ziele

Psychosoziale Ziele der Adipositasbehandlung bei Kindern und Jugendlichen sind: die Erarbeitung realistischer kurzfristiger und langfristiger Zielsetzungen, die Förderung der Selbstwahrnehmung, Stärkung des Selbstbewusstseins und der Eigenakzeptanz, der Umgang mit Hänseleien und Mobbing, eine ausgewogene Lebensgestaltung, die Förderung eigener Ressourcen, das Erkennen der kindlichen Stärken und deren Verdeutlichung gegenüber den Eltern, emotionale Unterstützung und Vorbildfunktion durch die Bezugspersonen. Gemeinsame Mahlzeiten und Aktivitäten sollen erlebt und genossen werden.

Aufruf

Bei Interesse und zur Hilfe für die tägliche praktische Arbeit mit übergewichtigen Kindern und Jugendlichen, werden wir auch versuchen, ein interdisziplinäres Ausbildungsweekend für Ärzte-KollegInnen in Kooperation mit der Ärztekammer Kärnten auf die Beine zu stellen. Somit freue ich mich über Fragen und Anregungen unter: .

Dr. Anna Maria Cavini ist Leiterin der Arbeitsgruppe Jugendmedizin der ÖGKJ

1Wabitsch et Kunze: Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA), verabschiedet auf der Konsensus-Konferenz der AGA am 06.10.2006

2aid-Ernährungspyramide und Informationsmaterial: www.aid.de/ernaehrung/ernaehrungspyramide_was_esse_ich.php

A. M. Cavini, Ärzte Woche 13/2013

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben