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Chirurgie 21. Juni 2011

Bariatrische Operation: Kilos und Kosten sparen

Studien belegen Nutzen von Adipositas-Chirurgie bei Diabetes.

Adipositas-Chirurgie ist nach Ansicht von Chirurgen bei der Behandlung von adipösen Diabetes-mellitus-Patienten den herkömmlichen Methoden überlegen, weil sicher und zu Einsparungen im Gesundheitssystem führend.

 

Adipositas wird mittlerweile von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als chronische Krankheit anerkannt. Schätzungen zufolge litten 2005 weltweit mindestens 400 Millionen Erwachsene an Fettleibigkeit, 2015 sollen es bereits 700 Millionen sein.1

Aufgrund zahlreicher Begleiterkrankungen steigt mit dem Body Mass Index (BMI) das Risiko eines frühzeitigen Todes; im Schnitt verringert sich die Lebenserwartung von adipösen Erwachsenen um sieben Jahre.2 „Adipositas ist der größte Risikofaktor für Bluthochdruck, Cholesterin, Schlafapnoe und Depressionen, ebenso wie Typ-2-Diabetes“, so Doz. Dr. Karl Miller, derzeitiger Präsident der Internationalen Föderation der Chirurgie für Adipositas und metabolische Erkrankungen und Vorstand der chirurgischen Abteilung im Krankenhaus Hallein bei Salzburg.

Tückische Stoffwechselkrankheit

Die Ursachen für Diabetes mellitus Typ 2 liegen primär in Übergewicht und Bewegungsmangel – also Faktoren, die bei Adipösen in besonderem Maße zutreffen. Behandelt werden adipöse Diabetes-Patienten mit Medikamenten oder auch Ernährungs- und Bewegungsprogrammen, die eine Änderung des Lebensstils bewirken sollen. Eine immer häufigere Alternative ist Adipositas-Chirurgie, die sich in einem entscheidenden Punkt von konventionellen Therapien unterscheidet: Während letztere helfen, mit Diabetes mehr oder weniger gut zu leben, führen operative Eingriffe in vielen Fällen zu einer Verbesserung oder sogar einer nachhaltigen Heilung der Krankheit.

Magenband und Magen-Bypass

Durch adipositas-chirurgische Eingriffe werden Größe und Aufnahmekapazität des Magens verringert und somit die Nahrungsmittelzufuhr begrenzt. Zu den häufigsten Verfahren zählen in Österreich Magenband und Magen-Bypass. Der Nutzen von Adipositas-Chirurgie bei der Behandlung und Heilung von Diabetes ist durch einschlägige Studien hinreichend belegt: Im Vergleich zu anderen Behandlungsmethoden wird der höchste und dauerhafteste Gewichtsverlust erzielt. Die Sterberate wird, ebenso wie die Entstehung von Begleiterkrankungen der Fettleibigkeit, signifikant gesenkt. Nach einem adipositas-chirurgischen Eingriff sind die Patienten häufiger von Diabetes geheilt bzw. entwickelt sich diese Krankheit seltener neu. Vergleichbare Resultate konnten für konventionelle Therapieformen bislang in keiner Studie erzielt werden. „Lebensumstellung und Sport haben bei fettleibigen Patienten geringe Auswirkungen auf Gewichtsverlust und Heilung von Diabetes. Die Auswirkungen von Adipositas-Chiurgie hingegen sind dramatisch“, so Prof. Lars Sjöström, Leiter der schwedischen SOS-Studie. Dabei wurden über einen Zeitraum von 15 Jahren adipositas-chirurgische Eingriffe an 2.010 Patienten untersucht und mit den Ergebnissen konventioneller Therapien verglichen. Die mit 135.000 Patienten bisher größte Metaanalyse zur Untersuchung der Auswirkungen von Adipositas-Chirurgie auf Diabetes wurde vor kurzem im Rahmen eines internationalen Kongresses in Österreich (Expert Meeting, Saalfelden, April 2011) vorgestellt. Insgesamt wurde nach der Operation bei 78,1 Prozent der Patienten ein vollständiger Rückgang von Diabetes beobachtet, bei 86,6 Prozent waren ein Rückgang oder eine Verbesserung zu verzeichnen. Der mittlere Gewichtsverlust betrug in dieser Metaanalyse 38,5 kg, das entspricht 55,9 Prozent des Übergewichts.3 „Nach der Operation gingen auch die wichtigen Parameter von Typ-2-Diabetes, Insulinspiegel, Hämoglobin-A1c-Werte und Nüchternblutzucker signifikant zurück“, berichtet er. „Man muss nur einen dieser Patienten gesehen haben, und man ist vom Nutzen der Adipositas-Chirurgie überzeugt“, sagt Dr. Miller.

Hohe Sicherheit, niedrige Kosten

Die Sicherheit adipositas-chirurgischer Eingriffe, die im Vergleich zu anderen OP-Methoden viel stärker hinterfragt wird, liegen im Normalbereich. Bei Magenband und Magen-Bypass liegt die Mortalitätsrate unter 0,1 Prozent.4 Insgesamt sind die mit Adipositas verbundenen Risiken für den Patienten höher als das Operationsrisiko. Positiv sind, trotz der relativ hohen Kosten für einen adipositas-chirurgischen Eingriff, auch die Auswirkungen auf das Gesundheitssystem. So zeigt eine von Frederic Daoud präsentierte Studie für vier von sechs europäischen Ländern (darunter Österreich) aufgrund der diabetesfreien Jahre Einsparungen bei der Behandlung adipöser Diabetes-Patienten.

Offene Fragen

50 Jahre nach dem ersten Eingriff wurde Adipositas-Chirurgie nun auch von der American Diabetes Association als Option für die Behandlung von Diabetes anerkannt. Offene Fragen gibt es jedoch nach wie vor: „Bei welchen Patienten soll zu welchem Zeitpunkt der Krankheit welche Form der Adipositas-Chirurgie angewendet werden? Und wie viel Gewicht muss verloren werden, damit auch die Begleitkrankheit Diabetes weggeht?“ fasst der britische Endokrinologe Nick Finer zusammen. Derzeit werden entsprechend internationaler Empfehlungen adipositas-chirurgische Eingriffe nur bei Patienten durchgeführt, die einen BMI von mindestens 40 bzw. 35 mit Begleiterkrankungen haben. Zusätzlich muss sich der Patient zur lebenslangen Nachsorge (Ernährungsberatung, Bewegungstherapie etc.) bereit erklären. Ob jedoch allein die Gewichtsreduktion oder bis dato unbekannte Faktoren für die Heilung von Diabetes ausschlaggebend sind, wird derzeit an zahlreichen Kliniken untersucht.

1 WHO: Fact Sheet „Adipositas“. Abgerufen am 7.10.2009 unter www.who.int/mediacentre/factsheets/fs311/en/index.html

2 Fitch, K. et al.: Milliman Research Report. Obesity: A big problem getting bigger. March 2004.

3 Buchwald, H et al.: Weight and type 2 diabetes after bariatric surgery: systematic review and meta-analysis. Am J Med. 2009 Mar; 122(3):248–56

4 Buchwald, H. et al.: Bariatric Surgery. A Systematic Review and Meta-Analysis. JAMA 2004 Oct; 292 (14):1728

52. Österreichischer Chirurgenkongress
23. bis 25. Juni 2011, Wien
http://www.chirurgenkongress.at

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