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Dr. Gudrun Weber Schularztreferentin der Ärztekammer Wien

 
Allgemeinmedizin 21. Juni 2011

Allein zwischen Lehrern, Eltern und Schülern

Schulärzte fühlen sich im Stich gelassen.

Vertrauensarzt für Kinder und Jugendliche, Ansprechpartner und Berater bei psychischen, psychosozialen und körperlichen Problemen, umsichtig und diskussionsfreudig mit Eltern und Lehrerschaft – was sollen engagierte Schulärzte in ihrer begrenzten Dienstzeit noch alles tun?

 

So allgemeingültig Kriterien schulärztlicher Versorgung formuliert werden können, so divers ist die praktische Umsetzung in Österreich. Bund-, Länder- und Gemeindekompetenzen führen nach wie vor zu unterschiedlichen Handhabungen – was einerseits regional begründet ist, andererseits auch krasse Unterschiede in der Betreuung der Schüler ergibt.

Vor Jahren schon wurde die Vereinheitlichung der schulärztlichen Tätigkeit und die Optimierung der Zusammenarbeit zwischen Schul- und Kinderärzten angestrebt. Und es hat sich einiges bewegt, so Dr. Gudrun Weber, Schulärztin und Schularztreferentin der Ärztekammer in Wien: „Der Föderalismus auch bei Schulärzten ist zwar nach wie vor vorhanden, aber ich glaube, dass die Richtung stimmt. Die Forderungen der Schulen gehen dorthin, irgendwann in Zukunft auf ein einheitliches Niveau zu kommen. Der Bundesschulbereich hat ein sehr gutes und österreichweit einheitlich gestaltetes Versorgungsmodell nach folgendem Schlüssel: pro 60 Schüler eine Arbeitsstunde für den Schularzt. Davon unterscheidet sich nun der Gemeindeschul-, Pflichtschul- und Berufsschulbereich, der länderkompetenzmäßig eigenen Regelungen unterliegt und wo jeder sozusagen seine eigene Suppe kocht. Aber es gibt Bestrebungen, hier schön langsam eine Angleichung herbeizuführen, weil Forderungen seitens der Schulen und Eltern Druck machen.“

Schularzt kann prinzipiell nur ein Allgemeinmediziner oder FA für Kinder- und Jugendheilkunde werden, Ausnahmen gelten für spezielle Schulen mit Aufgaben etwa für Neurologen oder Orthopäden. Die Ärztekammer bietet, so Weber, seit über zehn Jahren eine postpromotionelle, derzeit noch freiwillige und kostenpflichtige Schularztausbildung an. Schulen würden bevorzugt Schulärzte mit dieser Qualifikation aufnehmen, betont Weber. Sie spricht sich aber dagegen aus, dass „man es verpflichtend einführt, weil es Regionen gibt, die keine Ärzte mit dem Diplom haben und auch die Ausbildung nicht jedes Jahr in der Nähe stattfindet.“

Adipositas & Schlankheitswahn

Die Anforderungen an Schulärzte sind in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Psychosoziale Probleme, ein sensibler Umgang mit Erkrankungen wie Adipositas, Bulimie und Anorexie oder die zurückliegende Diskussion um Schulimpfungen – sie halten Schulärzte auf Trab. In Wien wurde Mitte Mai beispielsweise das Schulwettbewerb-Projekt „we like everyBODY – unsere Schule ohne Schlankheitswahn“ gestartet: Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter Magersucht, Bulimie und Esssucht. Die Betroffenen werden immer jünger, nicht zuletzt beeinflusst durch eine (Medien-)Industrie, welche die Kinder schon sehr früh mit fragwürdigen Körperidealen und Lebensgewohnheiten konfrontiert. Mit verheerenden Folgen: Viele Mädchen (und auch Burschen) sind mit dem eigenen Gewicht und ihrem Körper unzufrieden.

Eine wichtige wissenschaftliche Arbeit zu diesem komplexen Themenfeld stammt von der an der University of Toronto lehrenden Professorin Niva Piran. Sie hat als klinische Psychologin maßgebliche Forschung zu negativem und positivem „body image“ geleistet und darüber, wie Schulen ein positives „body image“ vermitteln und in der Prävention von Essstörungen wirken können. Pirans Ansatz basiert zum einen darauf, dass sämtliche Faktoren der schulischen Umgebung auf die Schüler Einfluss haben und somit eventuell Änderungen bedürfen, und zum anderen auf der „Theorie von Risiko- und Schutzfaktoren“, die einerseits erkannt und andrerseits gestärkt werden müssen.

Was in der Theorie leicht nachvollziehbar ist, erfordert in der praktischen Umsetzung grundsätzliche Bereitschaft und umfassendes Zusammenspiel von Schulträgern, Lehrerschaft, Schülern und schulmedizinischen Einrichtungen. Womit sich der Kreis wieder bei den Schulärzten schließt.Diese hatten in einer Befragung des Verwaltungspersonals 2007/08 zu „Problemen, Wünschen und Forderungen“ angegeben, mit sehr zeitaufwändiger Dokumentation, wenig Einbindung in den Schulalltag, wenig Mitsprache im Schulgemeinschaftsausschuss sowie schlechter räumlicher Situation konfrontiert zu sein. Bei „Verbesserungswünschen“ rangierte in der Prioritätenliste die „Arbeitsplatzausstattung“ vor „Aus-, Fort- und Weiterbildung“ und „Einkommen“. Interessant ist auch, dass obwohl mehr als 70 Prozent der Befragten angegeben hatten, dass der Arbeitsaufwand deutlich gestiegen sei, trotzdem die Arbeitsplatzausstattung mit größtem Handlungsbedarf bewertet wurde.

Dieses Problem stelle sich für sie nicht, so die Schulärztin. Sie bekomme von der Schule alles, was sie brauche, die erforderlichen Notfallmedikamente „und auch Abdeckrollen für die Liege“. Die Ausstattung einer Schularzt-„Ordinationen“ ist zwar nicht standardisiert, es gibt jedoch eine Empfehlung des Stadtschulrats, wie ein Schularztzimmer auszusehen hat – und in den meisten Fällen hätten die Schulen darauf reagiert und nachgerüstet, so Weber. Da sei vieles wesentlich verbessert worden.

Endlich Daten vergleichbar machen

Geht es um die moderne Schularzt-Praxis, kommt man um das Thema der „Reihenuntersuchungen“ nicht herum. Zu dem etwas antiquierten Terminus und Prozedere meint Wiens Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely: „Der Begriff Reihenuntersuchung vermittelt eine Optik, die nicht mehr den heutigen Untersuchungen entspricht. Es handelt sich heute um Einzeluntersuchungen im Zuge eines Screenings, welche im Sinne der Gesundheitsvorsorge nach wie vor eine sinnvolle Aufgabe des schulärztlichen Dienstes sind.“ Über allfällig abzuklärende oder zu behandelnde Auffälligkeiten oder gesundheitliche Probleme würden die Erziehungsberechtigten informiert. Screenings dienten also in sinnvoller Weise auch im Schulbereich der Früherkennung und damit der frühzeitigen Chance, etwas in Richtung Besserung zu tun.

Über die Parameterauswahl könne zweifellos diskutiert werden, aus der seit vielen Jahren stattfindenden Diskussion entstünden in der Regel nur „Regionallösungen“. Wehsely: „Erforderlich ist eine in Österreich einheitliche Definition der Untersuchungsparameter, was in einem vergleichsweise kleinen Land wie Österreich im Sinne der Vergleichbarkeit auch Sinn macht. Gefragt ist hier die Bundesebene.“

Sensibilität ist gefragt

Moderne Schulärzte arbeiteten laut Wehsely „in einem klaren Rahmen und haben eindeutige Aufgaben. Darüber hinaus können sie aber in diesem Rahmen Problematiken erkennen, Themen aufzeigen und damit auch in weiterer Folge einen Heilungsprozess einleiten. Wenn es etwa um das Erkennen von Essstörungen geht, arbeitet die Wiener Hotline für Essstörungen gezielt im Rahmen von Workshops mit Schulärztinnen und -ärzten zusammen, um sie auch für dieses Thema zu sensibilisieren.“

Sensibel umgehen sollten die Schulmediziner auch mit ihren pädagogischen „Kollegen“. Weber bemerkt: „Das Schwierigste ist, eine Zeit für den Austausch mit den Lehrern zu finden. Durch Stundenplan und Pausen ist es oft nicht möglich, mit den entsprechenden Lehrern zu kommunizieren. Seit es die 6-Tage-Woche nicht mehr gibt und Lehrer keine freien Tage mehr haben, ist das schon viel besser – man hat einen Tag mehr die Chance, die Lehrer zu erreichen. Man muss den Kontakt schon sehr bewusst suchen, von beiden Seiten aufeinander zugehen, weil sonst passiert überhaupt nichts.“

Schulärztliche Leistungen in Wien
Der Schulärztliche Dienst (Magistratsabteilung 15) besteht aus 70 Schulärzten an etwa 360 Schulstandorten der Stadt Wien und absolviert insgesamt etwa 1.240 Wochenstunden. Dabei führen sie durch …

• 205.000 Untersuchungen (Einzeluntersuchungen, Untersuchungen vor Impfungen, Erste Hilfe Leistungen, Sehtests, Hörtests, Untersuchungen auf Kopflausbefall)
• 22.000 Impfungen
• 26.500 Beratungen
• 800 Vorträge zu Gesundheitsthemen wie: HIV/Aids, gesunde Jause, Körper aus medizinischer Sicht, Drogen, Rauchen, Aufklärung (wenn vom Biologielehrer angefragt)

Von P. Bernthaler , Ärzte Woche 25 /2011

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