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Vorsitzende und Vortragende der Sitzung „Sex matters“: Prof. Dr. Markku Laakso, Finnland, Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer, Wien, Prof. Dr. Karin Schenck-Gustafsson, Stockholm, und Dr. Eric L. Ding, Boston (v. l. n. r.).

 
Diabetologie 12. Oktober 2010

Das Geschlecht ist nicht egal

Eine Frau zu sein, ist mit besonderen Gefahren verbunden. Vor allem, wenn es um Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen geht. Der EASD-Kongress widmete sich erstmals diesem Thema.

Frauen und Männer sind unterschiedlich. Das klingt zwar nach einer Binsenweisheit, bedeutet aber in der Medizin, dass Frauen besonderer Aufmerksamkeit bedürfen. Das Thema Gender in der Medizin war beim Kongress der European Association for the Study of Diabetes (EASD) in Stockholm erstmals vertreten. Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer, Internistin an der MedUni Wien, konnte als Mitglied des Programmkomitees ihre Fachkollegen davon überzeugen, das Thema Gendermedizin in das Tagungsprogramm aufzunehmen. Die Sitzung in der großen „Luft Hall“ erfreute sich dann tatsächlich großen Zuspruchs. Aber es gibt noch großen Aufholbedarf.

 

15.000 Besucher haben am EASD-Kongress teilgenommen. Der Saal war voll an diesem Dienstag im September. Unter dem Titel „Sex matters“ wurden im Wesentlichen drei Schwerpunkte erörtert, erzählt Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer im Gespräch mit der Ärzte Woche.

Der erste Schwerpunkt war der Vortrag von Prof. Karin Schenk-Gustaffson, Kardiologin und Leiterin des Gender-Medizin-Zentrums im Karolinkska-Institut in Stockholm, eines der ältesten Institute, die sich mit Gendermedizin beschäftigen. Die ehemalige Präsidentin der internationalen Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin sprach über das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen von Frauen mit Diabetes.

Mortalität ausgeglichen

Im Gesamten ist die Mortalität durch kardiovaskuläre Erkrankungen zwischen den Geschlechtern ausgeglichen. Bei den Frauen ist die Entstehung der Herz-Kreislauferkrankung, vor allem beim Herzinfarkt, jedoch eine andere: Bei den Herzkatheter-Befunden werden manchmal keine Verschlüsse gefunden, obwohl die Marker im Blut und das EKG eindeutig auf einen Herzinfarkt hinweisen. In solchen Fällen sind die ganz kleinen, oft verzweigten Gefäße betroffen. Oder es sind Spasmen die Ursache, diese lassen sich in der Angiographie nicht darstellen bzw. sind auch keiner unmittelbaren Therapie zugängig. Östrogen ist ein ganz wichtiger Schutzfaktor bei Frauen, deshalb auch der starke Anstieg postmenopausal beim kardiovaskulären Risiko. Bei Diabetes ist das erhöhte Risiko auch schon früher gegeben. Hier fällt der Schutzmechanismus für Frauen durch das Östrogen, das die Herzgefäße weit macht, weg.

Die Rolle der Fertilität

Neu ist auch in der Kardiologie, dass bei Frauen die reproduktiven Faktoren vermehrt beachtet werden. Also alles, was mit Schwangerschaft und Fertilität zu tun hat und einen potenzielle Risikofaktor darstellt. Beispielsweise das PCOS, das polyzystische Ovarialsyndrom, aber auch Schwangerschaftshypertonie, Eklampsie, Präeklampsie, Schwangerschaftsdiabetes und unregelmäßige Zyklen, nach all dem muss bei der Anamnese stärker gefragt werden.

Gustaffson berichtete auch über den europäischen Heart Survey, der zeigt, dass mehr Frauen als Männer mit Diabetes und Koronarer Herzerkrankung unterdiagnostiziert sind und unterversorgt werden, obwohl sie häufiger betroffen sind (37 Prozent Männer, 28 Prozent Frauen).

Schwedisches Herzregister

Das schwedischen Register besagt, dass bei Herzversagen mehr Frauen von Mortalität betroffen sind als Männer. Die schwedische RIKSHIA-Studie zeigt, dass Frauen weniger gut mit Medikamenten behandelt werden als Männer, selbst wenn sie bereits klar erwiesen eine Herzattacke hatten: Sie bekommen seltener ACE-Hemmer, Betablocker, Aspirin, Statine. Schenck-Gustafsson: „Wir brauchen eine größere Aufmerksamkeit gegenüber den kardialen Risiken für Frauen und mehr Forschung über die Diabetesmechanismen bei Frauen mit chronischen Herzerkrankungen. Es wäre etwa nötig, Frauen und Männer und auch Ärzte über die Gefahren zu unterrichten, die es bedeutet, eine Frau mit Diabetes zu sein. Vielleicht bräuchten wir sogar spezielle Frauen-Diabetes-Kliniken, in denen diese genderspezifischen Aspekte die nötige Aufmerksamkeit bekommen.“

Kautzky-Willer findet es im Gespräch mit der Ärzte Woche vor allem bedenklich, dass überhaupt nur bei jeder zweiten wissenschaftlich-medizinischen Studie Genderanalysen durchgeführt werden.

Sexualhormone spielen mit

Den zweiten Schwerpunkt der EASD-Session „Sex matters“ bildete Prof. Eric L. Ding von der Abteilung Ernährung der Harvard School of Public Health, Boston, Massachusetts, USA, mit seinem Vortrag zu den Auswirkungen von Sexualhormonen auf Körperfett, metabolische Risikofaktoren und das Risiko für einen Typ-2-Diabetes, erzählt Kautzky-Willer. Der Forscher hat im New England Journal of Medicine zum Thema sexualhormonbindendes Globulin als Risikofaktor für Diabetes publiziert. Möglicherweise, so Dings Schlussfolgerung, ist das sexualhormonbindende Globulin nicht nur ein zufällig im Zusammenhang mit Diabetes stehender Marker, sondern hat auch eine kausale Bedeutung bei der Entstehung von Diabetes und seinen Komplikationen. Die Daten des Harvard-Forschers zeigen, dass niedrige Werte des sexualhormonbindenden Globulins ein Risikofaktor für Diabetes sind und dass diese Verbindung bei Frauen stärker ausgeprägt ist als bei Männern. Niedriges Testosteron wiederum sei ein starker Risikofaktor für Männer, durch erhöhtes Bauchfett übergewichtig zu werden und ein metabolisches Syndrom zu entwickeln. Hohe Östradiolspiegel bei Männern seien ebenso ungünstig.

Positive und negative Wirkungen

„Beim Östrogen sind die Daten über den Einfluss auf den Stoffwechsel insgesamt nicht eindeutig“, berichtet Kautzky-Willer, „wahrscheinlich hat es duale Effekte, die sowohl protektiv als auch risikofördernd wirken können, je nachdem, in welcher Dosis und wie lange es gegeben wird, ob geschluckt, als Pflaster oder als Injektion.“

Den dritten Schwerpunkt der Gendermedizin-Sitzung bestritt Prof. Dr. Markku Laakso von der Medizinischen Universität in Kuopio in Finnland. Seine Daten zu Genderunterschieden in Bezug auf das metabolische Syndrom und die Proinflammation beleuchteten die unterschiedliche Entwicklung des Diabetes bei Männern und Frauen. Er zeigte, dass vor allem die Entzündungsparameter bei Frauen viel früher erhöht sind und wahrscheinlich in der Entstehung des Diabetes auch unabhängig von Übergewicht wichtig sein dürften. Adiponectin, einer der robustesten Marker für das Diabetesrisiko bei Männern und Frauen, dürfte bei Frauen vielleicht ein noch stärkerer Faktor sein als bei Männern: Frauen haben prinzipiell einen höheren Adiponectinwert und sind auch insulinsensitiver.

Alte Daten durchforsten

Kautzky-Willer: „In der an die Vorträge anschließenden Diskussion wurde klar, dass es notwendig ist, bereits vorhandene große Datenbanken auf Unterschiede bei den Geschlechtern zu analysieren. Zudem sollten bei zukünftigen Untersuchungen Genderfragen ins Studiendesign aufgenommen werden müssen. Eines der großen ungeklärten Phänomene ist, dass Frauen ihre Zielwerte oft nicht erreichen, weder für Blutdruck, noch für Blutfette oder die Blutzuckereinstellung. Man weiß aber immer noch nicht, woran das liegt.“

Große biologische Unterschiede

Zusammenfassend könne man sagen, so die Wiener Gender-Expertin, dass biologische Unterschiede sehr groß sind bei den Hormonen, bei der genetischen Prädisposition, der Fettverteilung und im Stoffwechsel. Hinzu kämen psychosoziale Faktoren wie Ausbildung oder der Zugang zum Gesundheitssystem. Das erkläre wahrscheinlich auch, warum Frauen schlechter eingestellt sind. Es sei wohl auch ein Unterschied, ob sich Mann oder Frau gegenübersitzen, und in welcher Position, als Patient oder Arzt. Es könne sein, dass Frauen generell schwerer einstellbar sind oder aber zwar eine Therapie gegeben wird, diese aber nicht entsprechend intensiviert wird und daher nicht aggressiv genug ist. Diabetes ist eine chronische Krankheit – einzig durch die Adipositas-Chirurgie kann eine Heilung erreicht werden, wenn ein massives Übergewicht vorliegt. „Wenn 40 Kilogramm weg sind, dann ist der Diabetes meistens weg“, so Kautzky-Willer. „Es ist aber typisch, dass sich fünfmal mehr Frauen dieser Operation unterziehen als Männer.“ Das liege wohl an der gesellschaftlichen Stigmatisierung von Übergewicht, die bei Frauen stärker sei. „Männer sind da toleranter sich selbst gegenüber – bei ihnen ist die Erwartung an die Superfigur nicht so hoch“, so Kautzky-Willer.

Gender in den Fokus holen

Auf die Frage, ob Genderfragen bei österreichischen Untersuchungen eher als in internationalen einfließen, antwortet die Wiener Internistin: „Prinzipiell ist bei uns auch nicht viel Unterschied. Aber die Hoffnung ist, dass man durch wiederholtes Aufmerksammachen und Sensibilisierung der Pharmaindustrie das in Zukunft mehr berücksichtigen wird. Auch die Nachanalysen, auch wenn sie nicht wirklich optimal sind, können wichtige Informationen bringen.“

Erfreuliches Ergebnis der EASD-Session zur Gender-Medizin ist, dass das Thema stark im Fokus stand. Kautzky-Willer: „Wenn das Bewusstsein gestärkt wird, wird das Thema weiter keimen.“

Von Inge Smolek, Ärzte Woche 41 /2010

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