zur Navigation zum Inhalt
Prof. Dr. Stephan Herpertz Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bochum
 
Endokrinologie 26. Mai 2010

Wenn das Leiden der Seele den Körper betrifft

Zusammenhang von Adipositas und Depression.

Über 800.000 Menschen in Österreich sind übergewichtig. Neben den körperlichen Folgen von Adipositas wie Diabetes, KHK und Leistungsabfall treten nun auch die psychischen Folgen zunehmend in den Mittelpunkt des Interesses.

„Hochrechnungen besagen, dass in den kommenden zwanzig Jahren die Hälfte der Bevölkerung einen Body Mass Index von über 30 haben wird“, sagte Prof. Dr. Stephan Herpertz von der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bochum bei der 5. Grazer psychiatrisch-psychosomatischen Tagung, die im Jänner stattgefunden hat.

Gerade im europäischen Vergleich kann dabei eine immense Zunahme der Zahl übergewichtiger Kinder und Jugendlicher festgestellt werden, die ihr Körpergewicht allen Hoffnungen zum Trotz im Erwachsenenalter nur schwer wieder normalisieren können. Bereits im Säuglingsalter übergewichtig gewordene Kinder bleiben mit einer Wahrscheinlichkeit von zehn bis 15 Prozent auch in weiterer Folge übergewichtig. Der „Point of no return“ liegt jedoch klar in der Pubertät. Nur 30 Prozent der adipösen Elfjährigen haben die Chance, normalgewichtig zu werden.

Ursachen im sozialen Umfeld

Die auslösenden Faktoren sind dabei multifaktoriell. Rund 70 Prozent gehen auf genetische Faktoren zurück, welche sich auf den Grundumsatz, den respiratorischen Quotienten, innere Unruhe, Hyperphagie und tägliche körperliche Bewegung beziehen. Die restlichen 30 Prozent werden durch Umweltfaktoren bestimmt. Im Rahmen der Framingham Studie, welche unter anderem über 25 Jahre lang soziale Netzwerke beobachtete, konnte nachgewiesen werden, dass das Risiko der Adipositas abhängig vom Vorkommen von Übergewicht bei den Mitmenschen im engeren sozialen Netz steigt (Christakis et al. 2007). Dabei ist der Effekt bei gleichgeschlechtlichen Personen größer als bei Menschen unterschiedlichen Geschlechts. „Die Ergebnisse wurden so interpretiert, dass, wenn Menschen ihr Leben zunehmend in adipösen Umgebungen verbringen, der Druck von außen, schlank zu sein, abnimmt und gleichzeitig von einem restriktiven Essverhalten vermehrt Abstand genommen wird“, so Herpertz.

Ausdruck psychischer Belastung

Eine besondere Bedeutung kommt der psychogenen Adipositas zu, die als Folge einer Affektregulation oder eines Problemlösungsverhaltens auftreten kann. Gerade die Auseinandersetzung mit dem eigenen Gewicht – das Schwanken zwischen eigenem Bedürfnis und der Erwartungshaltung der Umwelt – kann besonders bei Frauen Auslöser psychischer Probleme sein. Die Studienlage zur Relation von Adipositas und Depressivität ist jedoch nicht eindeutig, und so fehlt eine klare Erkenntnis. „Verschiedene Untersuchungen kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen, die von positiven Zusammenhängen bis hin zu negativen reichen“, berichtete Herpertz.

Jugendliche verstärkt gefährdet

Bei umgekehrter Voraussetzung kommen jedoch drei großen Studien zu einem klareren Ergebnis, welches die Effekte im jungen Erwachsenenalter betrifft. In der Adoleszenz vorhandene Verhaltensstörungen und/oder Depressionen können in weiterer Folge zu einer Adipositas führen. Hervorzuheben wäre hierbei eine Züricher Kohortenstudie (Hasler et al. 2004, 2005), die einen positiven Zusammenhang zwischen atypischer Depression und signifikant höherem Body Mass Index bei Männern bzw. signifikant erhöhter Prävalenz von Adipositas bei Frauen belegt. Ebenso kann bei vorhandener Adipositas eine negative Stigmatisierung Adoleszenter einen Prädiktor für eine Depression darstellen. Bei Männern und Frauen, bei denen sowohl eine Adipositas als auch eine Depressivität vorliegen, kommt es zu synergistischen Effekten, welche das kardiovaskuläre Risiko erheblich erhöhen. (Monica-Kora Augsburg-Kohortenstudie 1984-1998; Ladwig et al. 2006).

Schwerer Weg zum Wunschgewicht

Das Risiko, von den negativen Auswirkungen eines massiven Übergewichts bzw. einer Adipositas nicht wieder wegzukommen, ist jedoch groß. Nach einer Erhebung von Ayyad & Anderson aus dem Jahre 2000 konnten nur 15 Prozent der Betroffenen ihr Gewicht nach einer vorangegangen Reduktion (neun bis elf Kilogramm) über einen Zeitraum von drei bis 14 Jahren (median fünf Jahre) halten. Auch die Wege, um diese Reduktion zu erreichen, wurden dabei verglichen, eine Erhebung von Dansinger et al. (JAMA 2005) kommt zu dem Ergebnis, dass nur jeder vierte Proband einen Gewichtsverlust von mehr als fünf Prozent seines Körpergewichts und nur zehn Prozent der Betroffenen einen Gewichtsverlust von mehr als zehn Prozent über ein Jahr halten konnten. Die im Rahmen der Erhebung überprüften Maßnahmen zur Gewichtsreduktion (Atkins, Ornish, Weight Watchers, Zone Diät) unterschieden sich dabei nicht signifikant im Hinblick auf die Verringerung des Körpergewichts. Der Erfolg der Abnahme in den jeweiligen Verfahren konnte dabei auf die Compliance der Teilnehmer zurückgeführt werden. „Die Maßnahmen, die am besten in den Lebensalltag der Patienten integriert werden konnten, weisen die besten Ergebnisse auf“, betonte Herpertz die Wichtigkeit, die Vorgehensweise jeweils auf die Bedürfnisse der Betroffenen abzustimmen.

Einfluss der sozialen Umwelt auf das Übergewicht
Das Risiko der Adipositas steigt …
• bei Adipositas der Freundin/ des Freunds um 57 Prozent
• bei Adipositas des Bruders/ der Schwester um 40 Prozent
• bei Adipoistas der Ehefrau/ des Ehemanns um 37 Prozent
(Quelle: Christakis et al. 2007)

Von Christian Vajda, Ärzte Woche 21 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben