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Prim. Doz. Dr. Karl Miller, Leiter der Chirurgie am Krankenhaus Hallein und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Adipositas-Chirurgie
Foto: colros / flickr.com

Wessen Körperumfang bereits solche Ausmaße angenommen hat, bewirkt mit Lebensstilmaßnahmen nur mehr wenig. Die Verringerung der Nahrungszufuhr mittels eines chirurgischen Eingriffs wirkt dagegen nachhaltig positiv.

 
Chirurgie 2. März 2010

Dem Fett zu Leibe rücken

Magenband & Co heilen Typ-2-Diabetes bei adipösen Patienten.

Adipositas-Chirurgie ist bei der Behandlung von adipösen Personen mit einer Diabeteserkrankung herkömmlichen Methoden überlegen, gilt als sicher und führt langfristig zu Einsparungen im Gesundheitssystem. Zwei aktuelle wissenschaftliche Veranstaltungen widmen sich zu Frühlingsbeginn der chirurgischen Behandlung der Fettsucht. Bereits am 26. Februar gab es das „2. Multidisziplinäre Symposium zur chirurgischen Behandlung des adipösen Diabetikers“ in Wien, und im März findet das dreitägige „Internationale Expertenmeeting Adipositas-Chirurgie“ statt.

Galt Adipositas lange Zeit als Folge eines falschen Lebenswandels, wird sie mittlerweile von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als chronische Krankheit anerkannt. Schätzungen zufolge litten 2005 weltweit mindestens 400 Millionen Erwachsene an Fettleibigkeit, 2015 sollen es bereits 700 Millionen sein. Aufgrund zahlreicher Begleiterkrankungen steigt mit dem Body Mass Index (BMI) das Risiko eines frühzeitigen Todes; im Schnitt verringert sich die Lebenserwartung von adipösen Erwachsenen um sieben Jahre. Adipositas ist der größte Risikofaktor für Bluthochdruck, Cholesterin, Schlafapnoe und Depressionen, ebenso für Typ-2-Diabetes.

Tückische Stoffwechselkrankheit

Mit weltweit etwa 180 Millionen Betroffenen ist Diabetes eine der häufigsten chronischen Stoffwechselerkrankungen unserer Zeit. Die Krankheit entsteht, wenn der Körper Insulin nicht effektiv nutzen kann; die Ursachen liegen primär in Übergewicht und Bewegungsmangel – also Faktoren, die bei Adipösen in besonderem Maße zutreffen. Behandelt werden fettsüchtige Diabetes-Patienten mit Medikamenten oder auch Ernährungs- und Bewegungsprogrammen, die eine Änderung des Lebensstils bewirken sollen. Eine immer häufigere Alternative ist die Adipositas-Chirurgie, die sich in einem entscheidenden Punkt von konventionellen Therapien unterscheidet: Während Letztere helfen, mit Diabetes mehr oder weniger gut zu leben, führen operative Eingriffe in vielen Fällen zu einer Verbesserung oder sogar einer nachhaltigen Heilung der Krankheit.

Nutzen der Adipositas-Chirurgie ist belegt

Durch Adipositas-chirurgische Eingriffe werden Größe und Aufnahmekapazität des Magens verringert und somit die Nahrungsmittelzufuhr begrenzt. Zu den häufigsten Verfahren zählen in Österreich Magenband und Magen-Bypass. Der Nutzen von Adipositas-Chirurgie bei der Behandlung und Heilung von Diabetes ist rasch erklärt – und durch einschlägige Studien hinreichend belegt: Im Vergleich zu anderen Behandlungsmethoden wird der höchste und dauerhafteste Gewichtsverlust erzielt. Die Sterberate wird, ebenso wie die Entstehung von Begleiterkrankungen der Fettleibigkeit, signifikant gesenkt. Nach einem Adipositas-chirurgischen Eingriff sind die Patienten häufiger von Diabetes geheilt bzw. entwickelt sich diese Krankheit seltener neu. Vergleichbare Resultate konnten für konventionelle Therapieformen bislang in keiner Studie erzielt werden. „Lebensumstellung und Sport haben bei fettleibigen Patienten geringe Auswirkungen auf Gewichtsverlust und Heilung von Diabetes. Die Auswirkungen von Adipositas-Chirurgie hingegen sind dramatisch“, so Prof. Lars Sjöström, Leiter der schwedischen „SOS-Studie“.

Dabei wurden über einen Zeitraum von 15 Jahren Adipositas-chirurgische Eingriffe an 2010 Patienten untersucht und mit den Ergebnissen konventioneller Therapien verglichen. Die mit 135.000 Patienten bisher größte Metaanalyse zur Untersuchung der Auswirkungen von Adipositas-Chirurgie auf Diabetes wurde vor kurzem im Rahmen eines Kongresses vorgestellt. Insgesamt wurde nach der Operation bei 78,1 Prozent der Patienten ein vollständiger Rückgang von Diabetes beobachtet, bei 86,6 Prozent war ein Rückgang oder eine Verbesserung zu verzeichnen. Die Erfolge waren auch zwei Jahre nach dem Eingriff noch messbar. Der mittlere Gewichtsverlust betrug in dieser Metaanalyse 38,5 kg, das entspricht 55,9 Prozent des Übergewichts. Nach der Operation gingen auch die wichtigen Parameter von Typ-2-Diabetes, Insulinspiegel, Hämoglobin-A1c-Werte und Nüchternblutzucker, signifikant zurück.

Hohe Sicherheit, niedrige Kosten

„Mit der Erfindung immer neuer Methoden haben wir die Menschen verwirrt. Und wir brauchen noch mehr langjährige Studien, deren Ergebnisse wir besser kommunizieren müssen“, übt sich Dr. Francesco Rubino, US-Chirurg mit Weltruf, in Selbstkritik. Die Sicherheit Adipositas-chirurgischer Eingriffe, die im Vergleich zu anderen OP-Methoden viel stärker hinterfragt wird, liegt jedoch für ihn im Normalbereich. Bei Magenband und Magen-Bypass liegt die Mortalitätsrate zwischen 0,1 Prozent und 0,5 Prozent; der Vergleichswert einer laparoskopischen Entfernung einer Gallenblase liegt bei 0,1 Prozent. Insgesamt sind die mit Adipositas verbundenen Risiken für den Patienten höher als das Operationsrisiko.

Kritische Stimmen und offene Fragen

50 Jahre nach dem ersten Eingriff wurde Adipositas-Chirurgie nun auch von der American Diabetes Association als Option für die Behandlung von Diabetes anerkannt. Offene Fragen gibt es jedoch nach wie vor. Der britische Endokrinologe Dr. Nick Finer fasst sie zusammen: „Bei welchen Patienten soll zu welchem Zeitpunkt der Krankheit welche Form der Adipositas-Chirurgie angewendet werden? Und wie viel Gewicht muss verloren werden, damit auch die Begleitkrankheit Diabetes weggeht?“

Derzeit werden entsprechend internationalen Empfehlungen Adipositas-chirurgische Eingriffe nur bei Patienten durchgeführt, die einen BMI von mindestens 40 bzw. 35 mit Begleiterkrankungen haben, nicht an psychischen Erkrankungen oder Alkohol- und Drogenproblemen leiden und bei Versuchen zur Gewichtsabnahme nachweislich gescheitert sein. Zusätzlich muss sich der Patient zur lebenslangen Nachsorge (Ernährungsberatung, Bewegungstherapie, etc.) bereit erklären. Ob jedoch allein die Gewichtsreduktion oder bis dato unbekannte Faktoren für die Heilung von Diabetes ausschlaggebend sind, und ob die Methode auch bei Patienten mit niedrigerem BMI wirkt, ist strittig. Während die einen überzeugt sind, dass trotz niedrigerer Erfolgsaussichten auch Patienten mit einem BMI von 25-30 operiert werden sollen, wenn die normale Therapie scheitert, kritisiert Finer fehlende Daten, um die jeweils richtige Methode empfehlen zu können – und sieht weiterhin Alternativen im Rahmen der medikamentösen Behandlung.

Quelle: Österreichische Gesellschaft für Adipositas-Chirurgie

 

www.obesity-online.com/expertmeeting

Von Doz. Dr. Karl Miller, Ärzte Woche 9 /2010

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