zur Navigation zum Inhalt
Foto: Archiv
Prof. Dr. Kurt Widhalm, Universitätsklinik für Kinderheilkunde, Wien
Foto: Archiv

Dr. Bernhard Ludvik, Krankenanstalt Rudolfstiftung, Wien

 
Diabetologie 14. Oktober 2009

Typ-2-Diabetes bei Jungen: Wehret den Anfängen ...

Adipöse Kinder und Jugendliche steuern geradewegs in Richtung Typ-2-Diabetes. Besonders besorgniserregend ist, wie rasant die Krankheitsentwicklung vor sich geht. Ärzte sind gefordert, präventiv tätig zu werden.

Weltweit leiden 250 Millionen Menschen an Diabetes mellitus Typ 2. Überall gibt es eine enge Korrelation zwischen der Prävalenz des Diabetes mit den Zahlen der an Übergewicht oder Adipositas leidenden Menschen. In Österreich sind an die 300.000 Menschen „zuckerkrank“, und die Dunkelziffer dürfte noch einmal so hoch sein. Das chronische Leiden ist längst keine Erkrankung des Alters mehr, vielmehr sind immer mehr Jugendliche vom gestörten Glukosestoffwechsel betroffen. Beim Europäischen Diabetes-Kongress EASD lautete eine der zentralen Botschaften: Es gilt den Anfängen zu wehren.

Dass die Häufigkeit von Adipositas und Typ-2-Diabetes nicht nur korrelieren, sondern tatsächlich kausal zusammenhängen, weiß man, seit die zu Insulinresistenz führende Pathophysiologie mehr und mehr verstanden wird. So ist heute bekannt, dass aus den sich im Körper ansammelnden Fettzellen Mediatoren (freie Fettsäuren, der Tumor-Nekrose-Faktor-alpha und Leptin) freigesetzt werden, und dass dieser Prozess unter anderem zu chronischer Inflammation führt. Wobei diese Gefahr vor allem vom viszeralen Fett ausgeht.

Menschen, die ihre Fettpölster eher peripher – um Hüfte und Gesäß – mit sich herumtragen, haben ein weitaus geringeres Risiko, eine Insulinresistenz zu entwickeln, als Menschen, bei denen das Fettgewebe vorwiegend den Bauchraum auskleidet. Beim Wiener Diabetes-Kongress lieferte die Epidemiologin Prof. Dr. Dana Dabelea von der University of Colorado, Denver, Daten, wonach nicht die absolute Fettmenge, sondern vor allem das in der Leber angesammelte Fett das Risiko einer Insulinresistenz erhöht. Das heißt somit, dass Personen mit erhöhten Leberfettwerten ein größeres Risiko haben, eine Insulinresistenz zu entwickeln. Zu den gleichen Ergebnissen kam in entsprechenden Untersuchungen auch der Stoffwechselexperte Prof. Dr. Kurt Widhalm von der Universitätskinderklinik der Medizinischen Universität Wien. Wobei nach Widhalm bisher nicht geklärt ist, warum manche Menschen stärker als andere Fett in der Leber speichern.

Jugendlicher Weg zum Diabetes

Der menschliche Organismus ist an sich duldsam: Während der Übergang von einer Insulinresistenz zu einem Typ-2-Diabetes bei Erwachsenen etwa zehn Jahre, manchmal sogar länger dauert, zeigen von Dabelea präsentierte und in New York durchgeführte Studien, dass sich bei einem Drittel der in der Studie erfassten jugendlichen Patientinnen und Patienten mit gestörter Glukosetoleranz schon nach nur eineinhalb Jahren eine Diabeteserkrankung manifestiert hatte. Ein besorgniserregendes Ergebnis, so der Wiener Stoffwechselexperte Widhalm: „Was bei Erwachsenen zehn und mehr Jahre dauert, vollzieht sich bei Jugendlichen zehn Mal so schnell.“

Die gute Nachricht aber ist: Typ-2-Diabetes ist in der Mehrzahl der Fälle verhinderbar. Das Rezept ist simpel: Gewichtsreduktion und körperliche Betätigung. Studien belegen eindeutig, dass allein durch körperliche Aktivität die Insulin-Sensitivität verbessert werden, d. h. die Glukose besser verwertet und in die Zelle transportiert werden kann. Aber Lebensgewohnheiten sind schwer umzustellen. So wie aus einem „Bewegungsmuffel“ nicht so ohne Weiteres ein begeisterter „Fitness-Freak“ wird, so sind Ernährungsgewohnheiten ebenso schwer umzustellen.

Ernährungsberater Arzt

Hier bedarf es der professionellen Unterstützung, und die sollte man sich – so Prof. Dr. Bernhard Ludvik, Präsident der Österreichischen Diabetes-Gesellschaft (ÖDG) – von „seinem“ Arzt erwarten dürfen. Aber dafür fehlen den Ärztinnen und Ärzten im derzeitigen Versorgungssystem die Zeit und auch die Strukturen. Wenn diese Strukturen nicht bald für eine effektive Prävention aufgebaut werden, so Ludvik, dann „werden wir schon in den kommenden Jahren, und nicht erst nach Jahrzehnten, von einer Lawine überrollt“, warnt Ludvik. Eine Lawine von adipösen Menschen, die quasi „zwangsläufig“ in Richtung Diabeteserkrankung steuert. Ganz abgesehen vom persönlichen Leid, das diese chronische Krankheit unweigerlich mit sich bringt, werde eine solche Entwicklung – so sie nicht abgebremst werden kann – das heimische Gesundheitssystem massiv überfordern.

Von Eveline Schütz, Ärzte Woche 42 /2009

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben