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Praxis 15. Oktober 2008

Schöne neue Welt

Die Ärzte Woche brachte in ihrer Ausgabe 39 eine Einschätzung des Patientenanwaltes Dr. Gerald Bachinger über Vor- und Nachteile der elektronischen Gesundheitsakte (ELGA). Dr. Christian Euler, Präsident des österreichischen Hausärzteverbandes, ließ sich davon nicht überzeugen.

Legt man die Zahl der Wortmeldungen und deren Echo in der veröffentlichten Meinung zu Grunde, könnte man Hofrat Dr. Gerald Bachinger für einen Gesundheitsexperten halten, liest man seine Ausführungen aufmerksam, erkennt man ihn als „Meinungsführer im Gesundheitswesen“.
Diese Meinungsführer, berichtet der besagte Autor in seinem Beitrag in der Ärzte Woche, erklärten die Beschleunigung der Übernahme von Informationstechnologien zur effektivsten Strategie, Qualität und Sicherheit im Gesundheitswesen zu verbessern. ELGA sei daher, so führt der Autor aus, ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

Informationstechnologien

ELGA als „Internetsuchmaschine“ zu beschreiben, ist goldrichtig. Alles, was unter der Sozialversicherungsnummer (SV-Nummer) registriert wurde, kann abgerufen werden, wie etwa die Schülerkarriere: Zur Einschreibung in die Volksschule ist neben einigen Dokumenten die e-card vorzulegen; oder aber auch die finanzielle Situation: Bei Krediten, Verträgen vor einem Notar, im Lohnbüro des Arbeitgebers ist die SV-Nummer ein fester Bestandteil der Stammdaten; und nicht zuletzt die Gesundheitsangelegenheiten: Bei intra- und extramuralen Kontakten wird die SV-Nummer registriert.
Das alles ist für Gesundheitsdienstleister abrufbar. Wer Gesundheitsdienstleister ist, bestimmt das Gesundheitsministerium. Der Kreis ist keineswegs auf Heilberufe in weitestem Sinn beschränkt, auch das Ministerium selbst sieht sich als solcher. Letztendlich bestimmt die Politik, wer wofür auf welche Daten zugreifen kann. Es ist eine EU-Richtlinie, dass der Behörde jene Daten zur Verfügung zu stellen sind, die sie zur Erfüllung ihrer Aufgaben braucht. Es sei in aller Deutlichkeit festgehalten: Der Bürger fürchtet nicht den Datenmissbrauch durch Kriminelle, er fürchtet den Datengebrauch der Verwaltung.
Die oft zitierte Anpassung des Datenschutzes ist kein Aufrüsten, sondern ein Abrüsten. Der automatisierte Datenaustausch unter Gesundheitsdienstleistungsanbietern ist gesetzlich abgesichert. Die notwendige technische Infrastruktur ist der Peering-Point, der bereits in Betrieb und unverzeihlicherweise zu 50 Prozent im Be-sitz der österreichischen Ärztekammer ist. Hier wäre für Bürger- und Patientensicherheit zu sorgen! Den Salzburger Arzneimittelsicherheitsgurt – ein teures, im Ergebnis auf allen Linien armseliges Projekt – als Beitrag zur Patientensicherheit zu präsentieren, bleibt Meinungsführern überlassen.
Ich erinnere an die Diskussionen um ein Zitat Dr. Schanners, des Projektleiters für ELGA. Er sprach von der absoluten Notwendigkeit einer verpflichtenden Teilnahme aller Ärzte und Patienten als Voraussetzung für das Gelin-gen dieses elektronischen Monsters. Er soll sich sogar Gedanken über mögliche Pönalezahlungen für denjenigen gemacht haben, der durch seinen Wunsch, Daten zu löschen, das System belaste. Ich weiß, dass dieses erstmals in ei-nem Sitzungsbericht der Ärztekammer aufgetauchte Zitat inzwischen mehrmals dementiert wurde. Ich kenne aber einen hoch seriösen IT-Experten, der mir gegenüber bestätigte, diese Aussage mit eigenen Ohren in eben dieser Sitzung vernommen zu haben, und ich weiß auch, dass diese verpflichtende Teilnahme europäischer Konsens ist.
Die Sicherheit, die aus unübersehbar umfangreichen Zugriffsprotokollen entspringt, ist niemals präventiv und eine „Falle“, in die nur Dilettanten tappen.

Wo informiert sich der Hausarzt?

97 Prozent stehen zur Mitverantwortung ihre Gesundheit betreffend. Prof. Dr. Volker Pudel zeigt in mehreren eindrucksvollen Studien mit Patienten, die vom metabolischen Syndrom betroffen sind, dass der Aufklärungsstand dieser Patienten optimal ist. Am Fragebogen „Welche Speisen sind gesund, welche ungesund?“ finden sich kaum Fehler. Am darauf folgenden Fragebogen „Was esse ich gerne, was ungern“ bleibt das Wissen unberücksichtigt. Es liegt schon lange nicht mehr an der Information, es liegt am Umsetzen des Wissens. Hier ist der persönliche Kontakt zum beharrlich und individuell drängenden Hausarzt gefordert. 76 Prozent der Patienten – so zitiert Dr. Bachinger – sehen in ihrem Hausarzt eine kompetente Quelle ihrer Gesundheitsinformation. Wo aber informiert sich der Hausarzt?, macht sich der Autor Sorgen.
„Das Paradigma von der besonderen Intimität zwischen Arzt und Patienten ist im Zeitalter von e-health zu hinterfragen“, formulierte Sektionschef Dr. Clemens Auer im November 2007 und warf damit die Frage auf, was „e-health“ einbringen könnte, um jahrelan-ge Kenntnis der Lebensumstände der Patienten und das vom Patienten ausgehende Vertrauen seinem Hausarzt gegenüber ersetzen zu können. ELGA vielleicht? Der über SMS in Erinnerung gebrachte ärztliche Kontrolltermin, die telemedizinische Überwachung des Herzrhythmus ...

Bedenken der Experten

Jürgen Gambal, ein e-health-Experte mit jahrzehntelanger Erfahrung, weist immer wieder darauf hin, dass kein seriöser Experte der Welt weiß, wie eine für heilberufausübende Personen sinnvoll nutzbare elektronische Gesundheitsakte auszusehen habe. Zwei Nutzen aber bringt ELGA sofort mit sich: einen nachhaltigen Impuls für die Elektronikwirtschaft und ungeahnte Einblicksmöglichkeiten für die Behörde.
Es gibt eindrucksvolle elektronische Patientenakten, die auch physikalisch ausschließlich in der Hand des Patienten sind, mit denen jeder „Heiler“ ohne Aufrüstung seiner elektronischen Infrastruktur arbeiten kann, die allerdings die oben genannten zwei Nutzen mit voller Absicht nicht mit sich bringen. Diese Projekte werden von den Meinungsführern im Gesundheitswesen seit Jahren übersehen.
Zur Erinnerung: Zur selben Zeit, als der Staat mit der §15A-Vereinbarung im Jahr 2004 die Ärzteschaft de jure und de facto aus der Planung und Gestaltung des Gesundheitssystems ausschloss, vergab er den Auftrag einer Machbarkeitsstudie für ELGA an den IBM-Konzern. Diese Kooperation besteht bis heute. Unvereinbarkeiten sieht hier offensichtlich niemand.
Europaweit formiert sich unter Ärzten sowie anderen Heilberufen und engagierten Patientenbür-gern, bestärkt durch die regelmäßig bekannt werdenden Datengebrauchs- und Missbrauchsfälle, der Widerstand gegen vernetzte elektronische Gesundheitsdatenspeicherung. Die Ärzteschaft fühlt sich einmal mehr als Patientenanwaltschaft gefordert, um den übermächtigen Meinungsführern im Gesundheitswesen deutlich hör-bar zu widersprechen.

Dr. Christian Euler ist Präsident des Österreichischen Hausärzteverbandes.

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