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Praxis 9. Oktober 2008

Arbeitsunfall mit Nadel: Häufiger als gedacht

In der Spezial-Ausgabe der Wiener klinischen Wochenschrift wird eine Studie von Wicker et al. über die Häufigkeit von Nadelstichverletzungen an einer deutschen Universitätsklinik mit 1.247 Betten und 4.080 Angestellten publiziert. Dieselbe Arbeitsgruppe hatte gerade vor kurzem eine ähnliche Arbeit mit einer wesentlich geringeren Fallzahl veröffentlicht. Die Zahlen dieser berufsbedingten Verletzung sind erschreckend hoch; Faktum ist, dass es bei Nadelstichverletzungen eine hohe Dunkelziffer gibt und auch, dass zumindest die Hälfte dieser Arbeitsunfälle durch entsprechende Verhaltensmaßnahmen und die Verwendung sicherer Instrumente, die von der Industrie auch angeboten werden, verhindert hätten werden können. Allerdings geht aus dieser Studie aus Frankfurt nicht hervor, ob es bei den betroffenen Krankenhausmitarbeitern tatsächlich zu einer durch eine Nadelstichverletzung übertragenen Infektion (HIV, HBV, HCV) gekommen ist.

Gibt es in Österreich auch dieses Problem, oder leben wir hier auf einer Insel der Seligen? In einem österreichischen Konsensus-Statement zu Nadelstichverletzungen wurden 2002 ähnliche Zahlen und Probleme diskutiert und publiziert. Nadelstichverletzungen sind nicht meldepflichtig, sondern müssen erst dann der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA) gemeldet werden, wenn die Arbeitsunfähigkeit mehr als drei Tage beträgt. In den 90er Jahren kam es zu einer deutlichen Zunahme der Meldungen; in den letzten Jahren werden in Österreich pro Jahr um die 2.000 Nadelstichverletzungen aus dem Krankenhausbereich gemeldet. Im Jahr 2006 waren in Österreich 43.269 Betten in den Allgemeinen Krankenanstalten syste-misiert. Schätzungen der amerikanischen CDC aus dem Jahre 1999 gehen von etwa 30 Nadelstichverletzungen pro 100 Krankenhausbetten und Jahr aus. Damit wären in Österreich jährlich etwa 12.981 Nadelstichverletzungen zu erwarten. Im Jahr 2007 wurden 1.857 Nadelstichverletzungen gemeldet; folglich ist die Dunkelziffer bei Nadelstichverletzungen weiterhin sehr hoch und beträgt im Schnitt wohl etwa 80 bis 90 Prozent – „much room for improvement“.
Das AKH Wien ist ein großes Universitätsspital mit 2.137 systemisierten Betten. In den ersten sieben Monaten des heurigen Jahres 2008 waren 135 Mitarbeiter des Hauses beim betriebsärztlichen Dienst wegen einer Nadelstichverletzung vorstellig, was, wenn man die CDC-Schätzungen zugrunde legt, einer Meldequote von etwa 31 Prozent entspricht.
Glaubt man den Statistiken, sind überwiegend das diplomierte Krankenpflegepersonal und andere nicht-ärztliche Berufe des Gesundheitssystems (z.B. OP-Pfleger, Stationsgehilfen) betroffen (siehe Grafik). Zahlreiche Studien belegen jedoch, dass hier ein Bias vorliegen könnte, dass die Meldemoral gerade des ärztlichen Personals sehr zu wünschen übrig lässt. In der vorliegenden Arbeit von Wicker und Mitarbeitern beträgt die hochgerechnete Melderate des ärztlichen Berufsstandes 20,4 Prozent, jener der Pflege 40 Prozent. Dagegen zeigen Daten aus dem eigenen Haus im AKH Wien, dass die gemeldeten Nadelstichverletzungen 2008 zu 39,3 Prozent von den Ärzten und zu 42,2 Prozent von den Pflegekräften stammen.
Zwischen 1995 und 2007 wurden bei 148 Krankenhausmitarbeitern Hepatitis C, bei 44 Personen Hepatitis B und bei vier HIV als Berufskrankheit durch die AUVA anerkannt. Allerdings erfolgte bei (fast) allen Fällen im Vorfeld keine Meldung über eine stattgehabte Nadelstichverletzung. Allgemein bekannt ist, dass durch Nadelstichverletzungen HIV, HBV oder HCV übertragen werden können, manche denken vielleicht noch an Prionen (Creutzfeldt-Jakob-Krankheit), aber damit ist die Liste durch Blut (oder Körperflüssigkeiten) übertragbare Infektionserreger noch nicht zu Ende. Die in der Literatur publizierte Spannbreite reicht von bakteriellen Infektionen über virale bis zu parasitären Infektionen.

Maßnahmen zur Prävention

Präventiv bestehen heute zahlreiche Möglichkeiten, um das Risiko einer Nadelstichverletzung zu reduzieren. Dies fängt bei Schulungen und entsprechenden Verhaltensmaßnahmen an und geht bis zu einer effizienten Abfallentsorgung von spitzen oder scharfen Gegenständen in meist inzwischen überall verfügbaren durchstichsicheren Behältnissen. Leider werden gerade hier häufig durch die Mitarbeiter durch Hineingreifen, Verdichten oder Umfüllen – Tätigkeiten, die strikt untersagt sind – Fehler begangen. Im heurigen Jahr 2008 waren im AKH Wien 10,4 Prozent der gemeldeten Nadelstichverletzungen beim Reinigungspersonal aufgetreten. Dies ist eine erschreckend hohe Zahl, weil es bedeutet, dass Krankenhausmitarbeiter spitze Gegenstände falsch entsorgt haben, was trotz entsprechender Leitlinien und Schulungsmaßnahmen leider immer wieder auftritt.
Eine weitere Präventionsmöglichkeit ist der Einsatz von modifizierten, sicheren Instrumenten wie beispielsweise Spritzen mit Schutzschildvorrichtungen am Spritzkörper, was jedoch einen Kostenfaktor darstellt.
Die einzige medikamentöse Prophylaxe ist die Schutzimpfung gegen Hepatitis B, die auch flächendeckend angeboten wird. Tatsächlich hat in den letzten Jahrzehnten seit Einführung der HBV-Schutzimpfung die Rate an berufsbedingten Hepatitis-B-Infektionen stark abgenommen. Regelmäßige Titerkontrollen sind notwendig, um rechtzeitig den Impfschutz mit einer Boosterimpfung aufzufrischen.

Ökonomie versus Sicherheit

Die Prävention von Nadelstichverletzungen hat auch ökonomische Aspekte. Schulungen und die Verwendung von Sicherheitskanülen bzw. innovative Produkte sind mit höheren Kosten verbunden. Geschätzte Kosten einer Nadelstichverletzung im Krankenhaus betragen durchschnittlich EUR 222,–, was bundesweit in Österreich für alle Nadelstichverletzungen 2007 Kosten in der Höhe von EUR 421.254,– ergibt. Eine kürzlich publizierte australische Studie wies nach, dass der Einsatz moderner Sicherheitsnadeln zu einer 49-prozentigen Reduktion von Nadelstichverletzungen geführt hat.

Fazit

Nadelstichverletzungen sind im Krankenhaus weiterhin ein sehr relevantes arbeitsmedizinisches Problem und treten wesentlich häufiger auf, als allgemein angenommen wird. Nadelstichverletzungen sind jedoch ein Problem, das von den betroffenen Mitarbeitern offensichtlich reziprok zum Ausbildungsniveau verdrängt wird. Wie häufig derartige Verletzungen tatsächlich zur Infektionsübertragung führen, ist nicht genau bekannt. Die Infektionsrisiken für die drei wichtigsten Infektionen im Rahmen von Nadelstichverletzungen werden für Hepatitis B 30 Prozent (10 bis 40 %), Hepatitis C drei Prozent (2,7 bis 10 %) und HIV 0,3 Prozent (0,1 bis 0,4 %) angegeben. Die derzeit einzige medikamentöse Prävention stellt die Hepatitis-B-Schutzimpfung dar. Die Frage, ob der Einsatz innovativer, sicherer Produkte aus ökonomischer Sicht gerechtfertigt ist, bleibt derzeit unbeantwortet, da die Folgekosten derartiger Verletzungen eben großteils unbekannt sind. Im Wiener AKH wurden inzwischen im Risikobereich Sicherheitsnadeln eingeführt.

 Anzahl der Arbeitsunfälle im engeren Sinn

Prof. Dr. Florian Thalhammer ist an der Klinik für Innere Medizin 1, Klinische Abteilung für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin, Medizinische Universität Wien, tätig.

Der Originalartikel erschien in Wiener Klinischen Wochenschrift (2008) 120: 458-460.
© SpringerWienNewYork 2008

Thalhammer, Ärzte Woche 41/2008

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