zur Navigation zum Inhalt
 
Praxis 26. August 2008

Erst Werte, dann Wohlstand

Prof. Dr. Jörg Knoblauch, Unternehmensberater und Autor über die Frage, welche Werte in der Zukunft wirklich wichtig sind.

Mitarbeiter richtig zu führen ist eine Kunst, deren Beherrschung die Qualität eines Unternehmens ausmacht – auch in der Medizin.

Die Beschäftigung mit Werten in der Mitarbeiterführung wird künftig zu einem absoluten Muss werden. Warum?
Knoblauch: Im Jahr 2015 werden in Österreich mehr als eine Million Arbeitskräfte fehlen. Das wird die medizinischen Bereiche genauso treffen wie alle anderen. Und wenn da ein Arzt noch Wert auf besonders fähige, talentierte Mitarbeiter legt, dann wird es hammerhart! Denn wir befinden uns bereits heute im „Krieg um die Talente“! Und gerade in der Medizin kommt es auf das gesamte Praxisteam an: Der Patient kommt wegen der Menschen in die Praxis und nicht nur wegen einer Behandlungsmöglichkeit.

Sie sagten kürzlich in einem Vortrag: „Streuen Sie Ihren Mitarbeitern Rosen und bezahlen Sie ihnen, was sie wollen!“ Was aber, wenn eine Assistenz weit überzogene Gehaltsvorstellungen hat?
Knoblauch: Menschen sind sehr unterschiedlich. Das gilt auch in Bezug auf ihre Leistung. Es gibt A-, B- und C-Mitarbeiter. Der A zieht den Karren, der B geht nebenher und der C setzt sich oben drauf und lässt sich ziehen. Und gerade für Ärzte ist es wichtig, Assistenten zu haben, die mitdenken, einfühlsam sind, Ordnung und Sauberkeit halten, eine große Fachkompetenz haben, ihn entlasten usw., also A-Mitarbeiter sind. Die Erfahrung ist:
Einen A-Mitarbeiter kann man eigentlich nicht überbezahlen. Er kniet sich in die Praxis hinein, als ob sie seine eigene wäre – und so jemand ist immer mehr wert als man ihm bezahlt. Deshalb schreibe ich ihm auch einen „Liebesbrief“. (Eine Vorlage – nicht nur für A-Mitarbeiter – findet sich unter www.abc-strategie.de/formulare.)

Was mache ich mit den anderen Mitarbeitern?
Knoblauch: Diese brauche ich genauso zur Aufrechterhaltung meines Praxisbetriebes. Deshalb verdienen sie auch eine faire Chance: Ich als Arzt und Führungskraft muss ihnen ganz klar kommunizieren, was ich mir von ihnen erwarte, welche Aufgaben sie zu erfüllen haben, welche Ziele sie mitverfolgen müssen usw. Darü-ber hinaus brauchen sie intensive Trainings beziehungsweise Schulungen und gezielte Förderungen in ihren schwächeren Bereichen.

Und was ist mit Praxisangehörigen, die sich nur von anderen (mit-)ziehen lassen?
Knoblauch: Jack Welch, der ehemalige Chef von General Electric, sagt an dieser Stelle: „Der C-Mitarbeiter, selbst wenn er umsonst arbeiten würde, er ist zu teuer.“ In anderen Worten: Man muss den Mitarbeiter konfrontieren und mit ihm klären, ob er rein will oder raus. Beides ist okay, aber an dieser Stelle kann er nicht bleiben.

Mit welchen Werten halte ich heute Mitarbeiter am ehesten:
mit Geld, mehr Freizeit oder Statussymbolen …?
Knoblauch: Man unterscheidet zwischen materieller Anerkennung, also Geld, Gewinnbeteiligung usw., und immaterieller Anerkennung. Das ist dann ein werteorientierter Umgang – mitentscheiden können, Lob, Dank, Anerkennung usw. Natürlich ist Geld wichtig. Aber Geld ist ein „Hygienefaktor“ – soll heißen: Wenn das Geld stimmt, vor allem auch im Vergleich zu meinen Kollegen, dann hat ein deutliches Mehr an Geld keine große motivatorische Wirkung. Einem A-Mitarbeiter wird die Arbeit immer sehr wichtig sein. Wenn jetzt das ganze Umfeld auch stimmt, dann macht ihm die Arbeit noch mehr Spaß – und er will bleiben!

Braucht ein Arzt besondere Kompetenzen, um dieser sozialen Verantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern gerecht zu werden?
Knoblauch: Er braucht keine anderen Kompetenzen als jeder andere Chef auch. Ich nenne mal die fünf wichtigsten: Überzeugungsfähigkeit, Einfühlungsvermögen, Konfliktstabilität, Teamverhalten und Kritikfähigkeit.

Gibt es Anhaltspunkte, anhand welcher ich bereits im Bewerbungsgespräch herausfinden kann, ob sich die individuellen Interessen der Bewerbenden mit meinen Werten als Arzt vereinbaren lassen?
Knoblauch: Oft werden Mitarbeiter bereits nach einem Gespräch eingestellt. Das kann nicht gut gehen. Wer wirklich auf Talentsuche ist, braucht mehrere Interviews. Die ganze Frage nach Werten und Softskills wird sich nicht im ersten Interview erschließen. Da muss man erst einmal nachdenken, welche weiteren Fragen wieder gestellt werden müssten; möglicherweise auch noch einmal Referenzen einholen. Wenn irgendwie möglich, sollte der Arzt das Interview auch nicht allein führen. Warum nicht eine Assistentin dazu nehmen, die ein Faible für Menschen hat? Frauen sehen die Dinge anders als Männer.

Kann man Mitarbeitern antrainieren, bestimmte Werte zu leben, oder ist der Wertebildungsprozess mit einem bestimmten Alter abgeschlossen?
Knoblauch: Wir, in unserem Team, haben uns gemeinsame Werte gegeben. Die haben wir auf ein scheckkartengroßes Kärtchen gedruckt. Wir machen hin und wieder sogenannte „Umsetzungsmeetings“. Wir reden zum Beispiel über den Wert „Ehrlichkeit“. Jemand, der schon länger im Unternehmen ist, berichtet, was ihm Ehrlichkeit bedeutet, und vielleicht macht das auch jemand, der erst seit Kurzem dabei ist. Wir reden dann darüber: Wie ehrlich bin ich? Wie ehrlich denke ich, dass meine Vorgesetzten sind? Wie ehrlich sind wir als gesamte Firma? Wenn die Kultur im Hause so ist, dass man solche Fragen nicht in Offenheit diskutieren kann, dann gibt es auch ein Institut, das man mit einer solchen Wertebefragung beauftragen kann. Die Auswertung dieser Untersuchung kann dann diskutiert werden.

Aber warum erlebt das Thema „Werte leben“ auch im beruflichen Umfeld“ derzeit solch einen Boom?
Knoblauch: Vom berühmten Management-Autor Jim Collins gibt es das Buch „Immer erfolgreich“. Er sagt: Wenn man Firmen untersucht, die langfristig Erfolg haben, dann sind es eben genau diejenigen, die zu dem stehen, was sie sagen. Am Ende wird also nicht die Mafia siegen, sondern die, die Werte ganz bewusst leben. Ich bin zutiefst überzeugt, dass der Werteverlust, den wir derzeit erleben, uns in eine große Krise stürzen wird. Erst verlieren wir unsere Werte, dann verlieren wir unseren Wohlstand.

Das Interview führte Dr. Veenu Scheiderbauer

Der Originalbeitrag erschien im Zahnarzt (Ausgabe 8/2008)
© SpringerWienNewYork

Scheiderbauer, Ärzte Woche 30/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben