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Praxis 28. März 2008

Ein Turnus ist für den Facharzt in der Schweiz nicht nötig

Österreich hat, bezogen auf die Stellenangebote und Ausbildungsplätze, zu viele junge Mediziner. Deshalb kann Österreich Jungmediziner exportieren – beispielsweise nach Bern.

Dr. Saskia Jankowsky absolvierte das Grundstudium der Medizin in Wien und beschloss, ihre weitere Ausbildung in Bern, Schweiz, zu machen. Über ihre Erfahrungen sprach sie mit der Ärzte Woche.

Wie kam es zu dem Entschluss, Ihre Ausbildung in der Schweiz fortzusetzen?
Jankowsky: Nach Ende des Studiums hatte ich trotz zahlreicher Bewerbungen keinen Turnusplatz bekommen. Als Übergang habe ich in Wien in der Pflege gearbeitet, wollte aber eigentlich meinen Beruf als Ärztin ausüben. Also habe ich mich auf eine Schweizer Annonce hin beworben und sofort eine Zusage bekommen. Im August 2005, eineinhalb Jahre nach meinem Studienabschluss, habe ich bei den universitären Psychiatrischen Diensten in Bern – UPD – in einer ambulanten psychiatrischen Einrichtung für heroingestützte Behandlung meine Arbeit als Assistenzärztin für Psychiatrie aufgenommen.
In der Schweiz gibt es übrigens keinen Turnus. Die Ausbildung zur Fachärztin für Psychiatrie dauert fünf Jahre plus ein Fremdjahr. In diesem ist ein anderes klinisches Fach zu absolvieren.

Gab es bürokratische Hürden?
Jankowsky: Nein, es ging alles ganz problemlos. Man bekommt einen Arbeitsvertrag sowie eine Aufenthaltsgenehmigung und muss ein Konto eröffnen. Das kann man leicht am Vormittag des ersten Arbeitstages erledigen.

Wo sehen Sie die größten Unterschiede zwischen dem Schweizer und dem österreichischen Gesundheitssystem?
Jankowsky: Die generellen Unterschiede kann ich nicht benennen, da ich nie in Österreich als Ärztin gearbeitet habe. In der Schweiz wird die Weiterbildung von Jungmedizinern jedenfalls sehr gefördert und eine Supervision kann jederzeit genutzt werden. Man erfährt auch eine hohe Wertschätzung, wenn man zusätzlich zu seiner Arbeit weiterführende Ausbildungen in Anspruch nimmt. Neben meiner Tätigkeit als Assistenzärztin mache ich eine Psychotherapie-Ausbildung. Ein weiterer Vorteil hier in Bern ist, dass man sehr schnell das gesamte Netzwerk kennenlernt, sprich vom Direktor der Psychiatrie bis zu den Oberärzten und Kollegen. Dadurch ist ein guter und unkomplizierter fachlicher Austausch gewährleistet.

Wie gestaltet sich der Arbeitsalltag?
Jankowsky: Im Dezember 2007 wechselte ich an die Klinik Waldau, UPD, in den stationären Bereich. Hier beginnt der Tag um 8:00 Uhr und endet frühestens um halb fünf am Abend. Auf den Akutstationen arbeitet man meist bis 19 Uhr, unter Umständen auch länger. Als Erstes findet jeden Morgen ein Rapport statt und anschließend eine Visite bei den Patienten. Wir legen dabei großen Wert auf eine enge Zusammenarbeit mit dem Pflegepersonal. Ein Mal wöchentlich treffen sich alle Mitarbeiter von jeweils einer Station zu einer interdiszipilnären Sitzung.
Pro Monat habe ich auch einen Spät-, einen Nacht- und einen Wochenenddienst. Letzterer kann auch ein Nachtdienst sein. Vor Beginn der Nachtschicht arbeite ich von acht bis zwölf Uhr. Der Dienst beginnt dann um 20.30 und dauert bis bis acht Uhr am nächsten Morgen. Es gibt also keine 25-Stunden-Dienste, wie sie in Österreich üblich sind.

Wird die Schweizer Facharztausbildung in Österreich anerkannt?
Jankowsky: Das kann ich leider nicht beantworten und ist für mich auch nicht von Interesse, da ich nicht nach Österreich zurückkehren werde. Würde ich jetzt nach Österreich gehen, müsste ich mit dem Turnus starten, also quasi von vorne beginnen, und das möchte ich auf keinen Fall. Ich fühle mich in der Schweiz sehr wohl, habe hier einen netten Freundeskreis und habe die Schweizer Gesundheitsinfrastruktur schätzen gelernt.

Sind Sie mit Ihrer Entscheidung, in die Schweiz zu gehen, zufrieden?
Jankowsky: Ja, es hat aber eine Zeit gedauert, sich an die neue Situation zu gewöhnen. Im ersten Jahr dachte ich an eine Rückkehr nach Österreich, im zweiten Jahr war ich hin und her gerissen und im dritten Jahr entschloss ich mich zu bleiben, da es mir hier sehr gut gefällt.

Gibt es etwas, das Sie Jungmedizinern aus Österreich, die ans Auswandern denken, mit auf den Weg geben möchten?
Jankowsky: Ich kann einen Auslandsaufenthalt nur empfehlen, da es eine Bereicherung ist, ein anderes Land besser kennen zu lernen, als es etwa durch einen Urlaub möglich wäre. Beim Arztberuf gilt es, flexibel, also nicht auf einen Ort fixiert zu sein. Jungmediziner sollten sich umsehen, wo es die besten Arbeitsbedingungen gibt – diese sind meist in der Peripherie oder eben im Ausland gegeben.

Emanuel Munkhambwa, Ärzte Woche 13/2008

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