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Praxis 13. Juni 2008

Zwei Riesen streiten um die Gesundheit

Mit seinem Wahlspruch „Don‘t be evil“ eroberte Google die Welt. Dieses Motto zu halten, wird zunehmend schwieriger, denn wo ein Zwerg hinschlägt, da schmerzt es nur selten, aber wehe, ein Riese tut dasselbe. Mittlerweile ist Google zu einem Giganten angewachsen, sodass das Unternehmen selbst vor einem Titanenkampf mit dem einst alles beherrschenden Platzhirschen Microsoft nicht mehr zurückschreckt. Nun matchen sich die beiden auch auf dem Gesundheitssektor.

Die Geschäftsinteressen von Google und Microsoft überlappen sich fast überall. Ein weiterer Nebenschauplatz der Konfrontation, aber einer, der für die Zukunft Großes verspricht, ist die Gesundheit – um genau zu sein, die Verwaltung von Gesundheitsdaten. Bereits im Oktober des letzten Jahres erklärte der Softwareriese Microsoft seinen HealthVault (Gesundheitstresor) in der Betaversion für eröffnet. Mithilfe einer Software können Anwender medizinische Daten wie beispielsweise Blutglukosewerte auf ein Konto im Internet laden. Diese und weitere Informationen müssen aber nicht unbedingt allein von den Usern gepflegt werden, so steht außerdem die Möglichkeit im Raum, dass Partner des Projektes, also Ärzte und Krankenhäuser, diese Daten ebenso auf den Server spielen können. Ein Pilotprojekt mit dem NewYork-Presbyterian-Hospital ist bereits angelaufen.
Freilich soll es bei dieser Einbahnstraße nicht bleiben, denn wirklich Sinn macht die Idee ja nur, wenn auch vice versa die medizinischen Professionisten – zum Wohle des Patienten und nur mit seiner Erlaubnis, wie betont wird – weltweit auf die Daten zugreifen können.
Die Redmonder können bei dem Projekt HealthVault nicht nur auf ein gut gefülltes Portmonee, sondern auch auf prominente Kooperationspartner wie etwa die American Health Association, Johnson & Johnson LifeScan und die Mayo Clinic zurückgreifen.
Die Speicherung der Gesundheitsinformationen soll auf einer verschlüsselten Datenbank erfolgen, die laut Betreiber Microsoft hervorragend vor widerrechtlichen Zugriffen geschützt ist. Ein Gebrauch der Daten zu kommerziellen Zwecken soll nicht erfolgen. Allerdings mit einer Einschränkung, die aufhorchen lässt: “Unless we ask and you clearly tell us we may”. Das ist schon ein bemerkenswerter Punkt. Schließlich herrscht an kapitalstarken Interessenten für Gesundheitsdaten, man denke nur an die Pharmaindustrie, wahrlich kein Mangel.
Freilich nützen die geschäftstüchtigen Redmonder die Möglichkeit der Verlinkung im Internet und haben rund um ihren Gesundheitstresor eine beachtliche Infrastruktur geschaffen. Über eine integrierte Suchmaschine können etwa medizinische Informationen abgerufen werden: Selbsthilfegruppen, Krankenhäuser, Krankheitserläuterungen, Weblinks, Laboradressen, Bücher – hier wird kaum ein Gesundheitsthema ausgespart.

Google ist dudengerecht

Aber wenn es um professionelle Internetsuche geht, fällt natürlich sofort der Name des schärfsten Konkurrenten: Google!, die Suchmaschine, die es sogar in den Duden geschafft hat. Und der Suchprofi ist mit Google Health im März dieses Jahres in den Gesundheitssektor eingestiegen. Die Grundidee ist ähnlich wie bei Microsoft, und genauso läuft derzeit ein Probelauf in den USA: 1.400 Personen dürfen die Daten ihrer Krankheiten mit der Cleveland Klinik austauschen.
Eine weitere Gemeinsamkeit sticht ins Auge: Beide Dienste sind kostenlos. Während Microsoft seine Profite über die Werbung einfährt (allerdings nicht personalisiert), rechnet die andere Seite mit der Umwegrentabilität, nämlich mit einem steigenden Besuch der Google-Hauptseiten.

„Vertrauen ist am wichtigsten“

Der wahre Profit liegt aber laut Argwöhnern in der Auswertung der Kundendaten. Aus den gewonnenen Statistiken könnten gefinkelte Werbestrategien gewoben und später im Sinne der Pharmaindustrie verwendet werden. Sowohl Google als auch Microsoft dementieren dies natürlich vehement. Google-Boss Eric Schmidt meinte auf der Jahreskonferenz der Healthcare Information and Management Systems Society in Orlando, im US-Bundesstaat Florida: „Unser Modell sieht vor, dass der Eigentümer der Daten die Kontrolle darüber hat, wer sie sehen kann.“ Und weiter: „Vertrauen ist für Google die wichtigste Währung im Internet.“ Gerne verweist Schmidt in diesem Zusammenhang auf die ausgeklügelten Bestimmungen zum Schutz der Daten und der Privatsphäre seiner User. Ob jedoch diese hehren Versprechungen aus Sicht der Benützer kontrollierbar sind, ist natürlich eine ganz andere Frage. Problematisch ist freilich auch der Standort der Server in den USA. Denn vergangene US-Regierungen haben nicht unbedingt eine besondere Affinität zum Datenschutz bewiesen. Eine Garantie, dass man in Einzelfällen Daten aufgrund von staatlichen Repressalien herausgibt, kann wohl niemand geben. Und in solchen Fällen seine Gesundheitsakte online zu löschen, ist sinnlos, denn auf allfällige Sicherheitskopien hat der User freilich keinen Zugriff.
Aber auch Hackerangriffe bleiben trotz Sicherheitsmaßnahmen ein Thema bleiben. Ein passwortgeschützter Zugang ist zwar für den Anwender am einfachsten bedienbar, jedoch für die Internet-Banditen keine ernst zu nehmende Hürde. Es darf daher bezweifelt werden, dass die US-Konzerne diesen Zugang forcieren werden.

ELGA ist nicht Google

Wer jetzt einwenden möchte, dass wir in Österreich auch so einen Dienst einführen wollen, übersieht dabei, dass ELGA (Elektronischer Gesundheitsakt) nicht Google ist. Denn ELGA selbst wird keine Daten speichern, diese werden weiterhin dezentral bei Ärzten, Spitälern, Labors etc. liegen. ELGA versteht sich eher als Linksystem, das nur den Weg weist. Zudem bleibt die österreichische Variante des digitalen Gesundheitsaktes eine staatliche, bürokratische Einrichtung, während Google, Microsoft & Co (in den USA gibt es noch andere Anbieter) eher den mündigen Patienten brauchen, der Risiken und Vorteile des Systems kennt und diese abwägen kann. Im amerikanischen System kann der Anwender außerdem Daten aufspielen, die bei ELGA wahrscheinlich nicht vorgesehen sind – etwa alternativmedizinische Behandlungen.
Es haben sowohl die privaten Systeme von Google und Microsoft als auch die staatliche ELGA ihre Licht- und Schattenseiten, entweder in ihren vielfältigen flexiblen Möglichkeiten oder aber in der Zuverlässigkeit und dem Bestreben nicht alles – und schon gar nicht sensible Gesundheitsdaten – dem Internet anzuvertrauen.

Links:
www.healthvault.com
www.google.com/health
www.arge-elga.at

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 24/2008

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