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Praxis 28. Juni 2007

Folge 1 – Die Farbe

Zugegeben, in filmischen Notfallsituationen ist es meist der panische Ruf nach einem Arzt, der einer Szene den atemberaubenden Höhepunkt verleiht. Der Retter in der Not, der, mit Notfallkoffer ausgerüstet, die (hollywoodsche) Welt wieder in Ordnung bringt. Seltener ist es der Ruf nach einem Friseur, einem Buchhalter oder gar einem Innenarchitekten.

Nun, nicht jeder Berufsstand ist zum dramaturgischen Heldentum geschaffen. Oft aber, wenn ich längere Zeit im Wartezimmer von Arztpraxen verbringe, nehme ich angesichts trostloser Einrichtung diesen stummen, unterdrückten Schrei in den Gesichtern der Wartenden wahr: „Wir brauchen einen Architekten! Rasch! Ist denn wirklich kein Innenarchitekt hier?!“ Hunderte Warteräumlichkeiten leiden an schlechter Innenraumgestaltung, die Dunkelziffer mag weit höher liegen. Dabei kann mit einfachen Erste-Hilfe-Maßnahmen das Schlimmste verhindert werden, wenn Not am Wartezimmer ist. Der wohl einfachste Trick liegt in der Anwendung der Farbenlehre. Interessante, aufmunternde oder beruhigende Farbkombinationen können Teil individueller Erkennungsmerkmale einer Arztpraxis werden, ihr ein unverkennbares Profil verleihen, das in angenehmer Erinnerung bleibt und so bei der Bewertung des Gesamteindrucks eines Arztes nicht unwesentlich mitschwingt. Dabei muss die Seriosität keineswegs unter interessanter Farbgestaltung leiden. Denn Seriosität ist nicht gleich (optische) Sterilität. Im Gegenteil, kann die richtige, mitunter auch mutige Farbwahl nicht nur die fachliche, sondern auch die soziale Kompetenz des Arztes unterstreichen, sein Einfühlungsvermögen – im Gegensatz zur Einfallslosigkeit. Die Gestaltung einer Praxis ist die visuelle Ausdrucksform eines Arztes. Müssen diese Orte nur auf die Behandlung von Krankheiten reduziert werden, oder kann man sie auch zu einem angenehmeren Aufenthaltsort umwandeln, der den optischen Bedürfnissen der Wartenden entspricht? Ein freundliches Wartezimmer könnte, ähnlich wie die rosarote Brille, den Patienten zumindest eine Weile von seinen Sorgen befreien – statt ihn auf die unangenehme Rolle des ewig Wartenden zu beschränken. Farben bestimmen unser Leben und unser Befinden. Oder können Sie sich einen Sonnenuntergang in Schwarz-Weiß vorstellen?
Mithilfe der Farbe kann man eine Fülle von Emotionen wecken. Jeweils abhängig von der kulturellen Prägung vermitteln sie über Assoziationen und durch Symbolkraft eine Reihe von Inhalten, Bedeutungen oder Werten. Unsere natürliche Umgebung bringt ein breites Spektrum an Kolorierungen hervor. Die klinischen Einrichtungen bedienen sich hauptsächlich dreier: blau, weiß und silbergrau. Wobei eine von ihnen nicht einmal eine Farbe im eigentlichen Sinne darstellt. Diese Farbkombination will gemeinhin Klarheit, Konkretheit, Männlichkeit und Technik transportieren. Andererseits vermittelt sie aber auch Kühle und Distanz. Sollten also blau überzogene Wartesessel mit Alu-Glas-Beistelltischen tatsächlich der Weisheit letzter Schluss sein? Wer schon nicht auf seine Alusessel verzichten möchte, kann zumindest andere Komponenten hinzu addieren. Verschiedene kleinere und größere Gegenstände können die Rolle des Farbtupfers übernehmen: Polster, Vorhänge, Bilder, Tische oder Dekorgegenstände wie Vasen, Lampen oder Pflanzen, ein frisch gestrichener Tür- oder Fensterrahmen und vieles mehr.

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