zur Navigation zum Inhalt
 
Praxis 17. Jänner 2008

Hör‘ mal, wer da spricht: Sechs Zylinder aus Ingolstadt

Wie alltagstauglich ein Sportwagen sein kann, beweist Audi mit der zweiten Auflage des TT. Der scharfe Sechszylinder überzeugte im Ärzte-Woche-Test aber nicht nur mit seinem Nutzwert.

 Audi TT quattro
Audi TT quattro: „Das Einzige, was ihm fehlt, sind Fehler, die ihn unvernünftig machen.“

Foto: Michael Hetzmannseder

Dieser Anblick stimmt nachdenklich. Nicht unbedingt von zwergenhafter Statur steht man vor dem blankpolierten Testwagen und denkt darüber nach, ob ein Orthopäde das Einsteigen wohl gutheißen würde. Alles hier sieht wenig bandscheibenfreundlich aus: Federwege, so kurz wie eine Zigarettenschachtel, Sitze, so beklemmend wie Schraubstöcke, und das alles so verflixt nah am Straßenbelag. In die Sitzschalen eingepasst folgt dann die Überraschung. Man fühlt sich hier behütet wie in Abrahams Schoß. Geborgen wie ein Sandkorn in der Auster blickt man über den Muschelrand hinaus und fragt sich, warum man nicht schon immer in Autos wie diesen sitzt.
Nach rund 500 Kilometern beginnt am Pfad der Erkenntnis der Endspurt: Weder Sitz- noch Fahrgefühl sind neu. Zuletzt ließ man die Strecke Wien-Innsbruck so schnell und ohne Spuren körperlicher Erschöpfung in einem Audi A6 hinter sich.

Ausgewachsen, aber keineswegs übergewichtig

Was der TT in seiner zweiten Auflage an Länge und Breite zugelegt hat, kommt dem Innenraum zugute. Hat man sich erstmal in die Sitze gewunden, fühlt man sich wie in einem seiner Limousinenbrüder. Die 250 Pferdeäquivalente des 3,2-Liter-Sechszylinders laufen munter dahin. Treibt man sie an, legt der ernste TT seine Vernunft ab und schlüpft in die Rolle des Sportwagens. Die adaptive Federung auf Sport zu stellen und die Schaltung über die Wippen am Lenkrad zu betätigen, hilft dabei ungemein.

Ein vernünftige Wahl

Das im Testmodell verbaute Getriebe ist der feine Kern des Kugelblitzes. Von VW für jene Gölfe erfunden, die auch ohne Wörthersee-Aufkleber über 220 km/h schnell rennen, heißt das Direktschaltgetriebe bei Audi S-Tronic. Das Doppelkupplungsgetriebe ist einer Handschaltung um Welten näher als eine Wandlerautomatik und passt zu einem Sportwagen wie ein Lederlenkrad. Sein großer Vorteil ist, dass es weder Schlupf noch merkliche Zugkraftunterbrechung kennt. Ein vergnügliches Extra wird aus Ingolstadt frei Kühlerhaube mitgeliefert: Beim Herunterschalten gibt der Audi imposant Zwischengas. Das Einzige, was dem Audi fehlt, sind Fehler, die ihn unvernünftig machen. Weder Mütter noch Schwiegermütter würden nach einer Testfahrt den Kopf schütteln, sondern stattdessen schon den nächsten Ausflug buchen. Für den Fahrer mutet der TT in jeder Phase kinetischen Ungemachs wie ein deutscher Diplomingenieur am Maschinenbaukongress an. Kontrolliert, präzise, ernsthaft. Das Coupé übersteuert nicht, der TT verliert nie die Traktion, er lässt weder Staub noch Kratzer auf seinem Lack der technischen Perfektion zu. Wären seine Fahrleistungen nicht so untadelig, müsste man daran zweifeln, ob er wirklich ein Sportwagen ist. Selbiges gilt auch für seinen Nutzwert:
Sein Kofferraum verdient diesen Namen und reicht auch für drei Wochen Urlaub mit Galadiner. Sind die Sitze im Fonds umgelegt, lässt sich dank der riesigen Heckklappe auch eine halbe Kinderzimmerausstattung damit transportieren. Einzig eine Eigenschaft ist dem TT als echte Schwäche anzulasten: sein Preis. Das erkannten wir, als wir beim vierten Mal Platz nahmen, um das Prospekt zum Wagen zu studieren.

 Fakten

Hans F. Zangerl ist Chefredakteur des Österreichischen Industriemagazins

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben