zur Navigation zum Inhalt
 
Praxis 2. Mai 2007

„Rechtliche Vorgaben nicht erfüllbar“

Ein Arzt aus Niederösterreich hat aufgrund seiner Erkenntnisse aus der Veranstaltung „Arzt im Recht“ hochgerechnet, welchen Zusatzaufwand eine aus juristischer Sicht wasserdichte Aufklärung und Dokumentation in seiner Ordination bedeuten würde. Die Ergebnisse sind erschreckend – und bedrohlich für das gesamte Kassensystem.

Dr. Christian Eglseer ist niedergelassener Internist mit Kassenvertrag in Amstetten. Er hat die Veranstaltung „Arzt im Recht“ Anfang des Jahres organisiert und durchgeführt. Zur Vorbereitung war es für ihn notwendig, einiges an Literatur zu diesem Thema zu wälzen und auch Seminare zu besuchen. Hierbei hat er auch einiges für sich und seine Ordination gelernt. Er betreibt eine große Ordination, hat auch keine Kollegen mit dem vollen Leistungsspektrum eines Internisten im direkten Umfeld. So arbeitet er aus zeitlicher Sicht bis an die Grenze des von ihm Vertretbaren, schließlich hat man als Kassenarzt einen Versorgungsauftrag zu erfüllen. Die Veranstaltung samt Vorbereitung hat ihn nun motiviert, einmal die Abläufe in seiner Ordination kritisch zu hinterfragen. Wie in jeder Ordination aller Fachgruppen gibt es verschiedene „Arten“ von Untersuchungen und Behandlungen, die je nach Tragweite und Risiko ein unterschiedliches Maß an Aufklärung und Dokumentation verlangen. Eglseer hat nun einmal die Kassenabrechnung eines Monats analysiert und auf verschiedene Leistungsgruppen aufgeteilt. Weiters hat er sich die Arbeit angetan, den zusätzlichen Zeitaufwand entsprechend den juristischen Vorgaben für Aufklärung und Dokumentation zu ermitteln. Hierbei ging es wirklich um den zusätzlichen Aufwand. Also um den Zeitbedarf, der zusätzlich in einer Kassenpraxis für die einzelnen medizinischen Tätigkeiten samt Aufklärung und Dokumentation ohnehin aufgewendet wird. Die jedoch oft aufgrund des ­enormen Arbeitsdrucks aus juristischer Sicht zu kurz kommen. Um eine aussagekräftige Zahl zu erhalten, musste dann nur noch der für jede Leistungsgruppe errechnete Wert mit der Anzahl der Leistungen aufgrund der Kassenabrechnung in Relation gesetzt werden. Das Ergebnis ist ernüchternd: In Eglseers Ordination müsste ein zusätzlicher Zeitaufwand bewältigt werden, der rein theoretisch gar nicht möglich ist. Er sollte nach seiner Berechnung 48 Stunden pro Arbeitstag zusätzlich für Aufklärung und Dokumentation aufwenden, um sich aus juristischer Sicht unangreifbar zu machen.

Die Zahlen von Dr. Eglseer

Er weiß natürlich, dass er die einzelnen Zeiten großzügig ausgelegt hat. „Sollte jemand meinen, meine zusätzlichen Zeiten seien doppelt zu hoch gegriffen, würde bei einer entsprechenden Berücksichtigung noch immer ein zusätzlicher Zeitaufwand von 24 Stunden pro Arbeitstag bestehen. Wie auf einem orientalischen Basar lasse ich sogar nochmals mit mir handeln. Wenn der geschätzte zusätzliche Zeitaufwand von mir viermal so hoch abgeschätzt wurde, beträgt der gesamte Zusatzaufwand nur noch zwölf Stunden pro Tag.“ Selbst bei einem Achtel wäre er weit jenseits seiner persönlichen Grenze. Das würde nämlich bedeuten, dass er mit sechs Stunden Mehraufwand zusätzlich zu seinen ohnehin schon geleisteten zehn Stunden disponieren müsste. Freundlicherweise hat er uns seine Berechnungen zur Verfügung gestellt und wir haben sie einmal kritisch hinterfragt. Zunächst haben wir zwei Hand voll Ärzte um ihre Meinung zu den angegebenen Zeiten gebeten. Die Ausarbeitung von Eglseer mit diesem von uns ermittelten Durchschnittswert ließ jedoch zunächst an einen Rechenfehler glauben. Eine nochmalige Prüfung hat jedoch zweifelsfrei ergeben, dass der Zusatzaufwand unter diesen Bedingungen immer noch fast 15 Stunden pro Ordinationstag betragen würde.

Kein Gehör bei GKK

Also haben wir nochmals an der Schraube gedreht. Wir haben von den jeweils angegebenen Zeiten nur die Minimalwerte verwendet und kommen so immer noch auf einen Zusatzaufwand von fast acht Stunden pro Ordinationstag (Details siehe Tabelle). Auffallend ist, dass die Hälfte dieses Wertes auf „Aufklärung rund um Medikation“ beruht. Obwohl die Annahme von etwa 50 Prozent Dauermedikation mit deutlich geringerem Aufklärungsbedarf berücksichtigt wurde. Die Summe deckt sich übrigens auffallend mit den Ergebnissen unserer Umfrage „Hausarzt in Not“. Um dem Patienten das ideale Maß an Zeit zugute kommen zu lassen, wäre nach Einschätzung unserer etwa 400 teilnehmenden Ärzte ein zusätzliches Volumen in den Ordinationen von täglich fast acht Stunden notwendig (plus sieben Minuten pro Patient bei 60 bis 70 Patientenkontakten pro Tag). Eglseer ist jedenfalls sauer: „Das wären im Summe 18 Stunden Arbeit pro Tag.“ Doch wie kommt man aus dem Dilemma heraus? Für ihn wären beispielsweise geeignete Kooperationsmodelle einer der brauchbaren Ansätze. Er war auch schon diesbezüglich bei der Gebietskrankenkasse vorstellig, doch diese winkt ab. Er würde sogar grundsätzlich eine weitere Planstelle akzeptieren, doch dafür seien die Honorare zu gering. Einen Scheinrückgang um die Hälfte könnte sich selbst in Niederösterreich wohl kaum ein Kassenarzt leisten. Eglseer wird diese Kalkulation nun der Ärztekammer vorlegen und diesbezüglich um Stellungnahme ersuchen.

 detail

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben