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Praxis 25. Oktober 2007

Die Praxis nicht erst nach dem Studium (Teil 3)

Im Wintersemester 2001 begann der Probelauf für das neue Curriculum an der Medizinischen Universität Wien, am 25. Oktober wurden in einem Festakt im Austria Center die ersten 110 Studenten promoviert.

Mit den zahlreichen Kleingruppenveranstaltungen, Anwesenheitspflicht und fixen Prüfungsterminen ist das Studium sicher verschulter geworden. Ein Umstand, von dem nicht jeder begeistert ist. „Wieso züchten wir uns Entmündigte heran, die nichts selbst planen oder organisieren? Studenten sind erwachsene Leute, sie müssen in der Lage sein, sich selber zu organisieren“, wettert etwa Prof. Dr. Kaspar Sertl, Leiter der Medizinischen Abteilung im Sozialmedizinischen Zentrum Floridsdorf. Allerdings stellt Sertl auch „deutlich mehr Praxis und sinnvollere Theorie fest. Wenn Famulanten kommen, hat man auch den Eindruck, dass das Vorwissen größer ist, man kann sich medizinischer mit den jungen Kollegen unterhalten.“
Die schon früh und intensiv einsetzende praktische Ausbildung und den häufigen Kontakt zu Patienten sieht auch Judith Böhm als Vorteil an. Die ehemalige ÖH-Vorsitzende schließt in diesem Herbst ebenfalls nach dem neuen Curriculum ihr Studium ab und hat von den Abteilungsvorständen, bei denen sie famuliert hat, meist positives Feedback bekommen.
„Meine Erfahrungen mit den neuen Studenten sind optimistisch gefärbt“, gesteht Prof. Dr. Manfred Maier ein, der am vorvergangenen Wochenende beim Donau-Symposium der ÖGAM zu diesem Thema eine Diskussionsrunde geleitet hat. Der Vorstand der Abteilung Allgemeinmedizin am Zentrum für Public Health der MedUni Wien hat selbst an der Erstellung der neuen Studienordnung mitgewirkt.
Die Ärzte Woche sprach mit Maier über dichte Stundenpläne, warum er eine Verschulung des Studiums nicht unbedingt negativ sieht und weshalb er selbst erst nach dem Medizinstudium Medizin gelernt hat.

Worin besteht das Positive Ihrer Erfahrungen mit den jungen Medizinern, die nach dem neuen Curriculum studieren?
MAIER: Sie haben eine ganz andere Herangehensweise an die Patienten. Sie trauen sich selber viel zu, haben Sozialkompetenz und sind aktiv. Diese Erfahrung habe nicht nur ich gemacht, sondern auch niedergelassene Kollegen und Abteilungsvorstände, bei denen die Studenten famuliert haben.

Bei einem Studium, das ziemlich verschult ist, würde man eher das Gegenteil erwarten. Hängt dieses Selbstvertrauen nicht vielleicht auch mit einer anderen Erziehung zusammen?
MAIER: Das ist nicht der Fall. Wir sehen ja in den Vorlesungen die Unterschiede in praktisch derselben Generation. Bis vor kurzem wurde stur für die Prüfung gelernt, dazwischen gab es zwar mehr Freiraum, aber da kann man auch im Nichtstun versinken. „Verschult“ darf man nicht missverstehen, das heißt, dass der Stundenplan sehr dicht ist. Der didaktische Aufbau und das Konzept der Veranstaltungen fördern Diskussion und Interaktion. Zudem finden dauernd Evaluierungen statt, es gibt sozusagen eine überschießende Evaluierungskultur.

Also gar nichts Negatives?
MAIER: Tatsächlich stellen wir fest, dass die anatomischen Grundkenntnisse nicht adäquat sind. Auch im Bereich der Allgemeinmedizin sind diese Kenntnisse aber wichtig, etwa wenn jemand sich der Neuraltherapie widmen will.

Wie hat sich die Berufsfeld­erkundung im ersten Semester bewährt?
MAIER: Ich halte sehr viel davon. Das ist keine Lehrveranstaltung im üblichen Sinn. Die Studienanfänger können hinter die Kulissen schauen, das ermöglicht einen Einblick in den Berufsstand, und sie können abschätzen, ob sie das richtige Studium gewählt haben. Allerdings ist zu überlegen, ob man diese Art von Erkundung nicht vorverlegt, ein Pflegepraktikum zur Bedingung für das Studium macht.

Wenn Sie wählen könnten: Würden Sie nach dem alten oder nach dem neuen Curriculum studieren?
MAIER: Sicherlich nach dem neuen. Nicht nur, weil sich in der Medizin viel geändert hat. Ich bin zwar mit meiner Ausbildung zufrieden, aber mir war schon damals klar, dass das Studium sehr praxisfern war. Deshalb habe ich den Turnus in kleineren Spitälern gemacht, dort habe ich dann wirklich die Praxis gelernt.

Das Gespräch führte
Elisabeth Tschachler-Roth

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