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Praxis 11. Jänner 2008

Teile und herrsche (Raumdoktor 11)

In der Welt des Films arbeitet man mit spannenden Szenen und Kulissen, die Emotionen stimulieren und Assoziationen wecken. Viele der in Kinosälen aufwallenden Regungen werden durch Autoexplosionen auf Gebirgsstraßen und durch Flugzeugabstürze in Wüsten hervorgerufen, die wenig Raum für subtile Andeutungen lassen und meist stereotyp ablaufen. Doch noch ein klassisches Szenario hat es in die cineastische Hitliste wiederkehrender Spielfilmmotive geschafft: die Dame hinter dem Paravent.

 Raumteiler

Illustration: DI Niel Mazhar

Beim Paravent-Motiv zählt, was nicht augenscheinlich, sondern nur erahnbar ist: Eine leicht bekleidete Dame, die Assoziationen zur biblischen Eva weckt. Lasziv entledigt sie sich ihrer Kleidung, die Stück für Stück über den Paravent gehängt wird. Der Wandschirm als erotisierendes Element; als geheimnisvolle Kulisse, die auf klassische Rollenbilder und Klischees abzielt.
Auch in der Innenraumgestaltung geht es um Kulissen, die bestimmte Stimmungen transportieren. Einst vermochte gerade der Paravent als kunstvoll bemalter Raumteiler eine solche Stimmung zu produzieren und gleichzeitig wie ein Vorhang im Raum zu wirken. Dadurch konnte eine kleine Welt von der anderen isoliert und innerhalb kleiner Bereiche eine Intimsphäre bewahrt werden.
Der Paravent hat als Urmutter aller Raumteiler eine lange Geschichte. Bereits vor über zweitausend Jahren wurde er im Alten China erfunden und sorgte für die Zonierung größerer Räume und den Schutz vor obszönen Blicken. Von China gelangte er nach Japan, wo er als byobu weiter perfektioniert wurde. Er fügte sich ideal in die traditionelle japanische Architektur ein, die sich durch das Fehlen massiver Innen- und Außenmauern auszeichnet. Genutzt wurde er dort nicht nur für die Raumtrennung, sondern ebenso für die Regelung des Lichteinfalls sowie der Luftströme und hatte bisweilen sogar rituelle Bedeutung.
Über Frankreich und Spanien eroberte der Paravent im Sturm die Herzen des stilbewussten europäischen Bürgertums. Der Paravent, auch Spanische Wand genannt, wurde anfangs als Windschutz, etwa vor einem Kamin, aufgestellt. Das erotische Flair, das ihm von da an anhaftet, erhielt er aber erst durch die Anwendung in französischen Boudoirs, den Ankleidezimmern der noblen französischen Damen.

Weiterhin omnipräsent

Heutzutage ist der Paravent in seiner traditionellen Form kaum mehr in der europäischen Raumgestaltung zu finden. Möglicherweise liegt es daran, dass sich die Nutzung und Grundrisse unserer Häuser änderten, vielleicht sind die Kultobjekte auch ihrem schlüpfrigen Ruf zum Opfer gefallen. Doch eher kann man sagen: Der Paravent hat sich stetig weiterentwickelt und ist kaum wiederzuerkennen. Denn Raumteiler sind vielerorts in mannigfaltigen Formen anzutreffen. Etwa in Großraumbüros, wo sie eine Privatatmosphäre vorgaukeln, die im Namen von Einsparung und Effizienz geraubt wurde. Aber auch in großen Arztpraxen, die auf eine offene Grundrissgestaltung setzen und die temporäre und flexible Trennung von Arbeitsbereichen bevorzugen.
Zunächst muss zwischen mobilen und fixen Raumteilern unterschieden werden sowie zwischen jenen, die Bereiche vollständig (und akustisch) oder nur andeutungsweise abgrenzen. Beim unbeweglichen Raumteiler werden verschiedene Nutzungsbereiche in sehr großen Räumlichkeiten dauerhaft voneinander abgegrenzt. Dies geschieht meist durch massivere Elemente, wie Gipskartonplatten oder eine freistehende Sichtbetonscheibe. Aber auch transparente und transluzente Materialien, also blickdichte und lichtdurchlässige, sind möglich. Diese freistehenden Wandelemente müssen nicht unbedingt bis zur Decke reichen und schwächen auch nicht die Wirkung des freien Raumes ab. So kann sich in einer weiträumigen Praxis hinter einer freistehenden dreiseitigen Box der Empfangsbereich vom Wartebereich isolieren. Statt eines übergroßen Raumes entstehen so kleinere, ineinander fließende Bereiche, die den Eindruck einer vollständigen Einheit nicht beeinträchtigen (siehe Abbildung).
Raumteiler treten aber auch als flexible und lautlos gleitende Schiebewände auf, die einen Bereich vom anderen isolieren, dessen Grenzen allerdings wieder vollständig aufgelöst werden können. Aus eins mach zwei und wieder zurück. Dies erlaubt, einen Bereich in zwei rechtwinkelige Zonen aufzuteilen oder auch nur einen Winkel in dreieckiger Form abzutrennen. Dort können etwa neben einem Empfangsschalter Archive für die Verwaltung einer Praxis eingerichtet oder Platz für kleinere, multifunktionale Arbeitsbereiche geschaffen werden.
Auf das Material sollte unbedingt Rücksicht genommen werden: So können an einem Raumteiler aus einem dichten und schimmernden Metallgewebe an Haken Grünpflanzen aufgehängt werden, die eventuell entlang des Drahtgewebes weiterwachsen. Ein textiler Paravent könnte kleine Taschen integriert haben, die etwa Stauraum für Zeitschriften und Infomaterial für die Wartenden bereithalten. Desgleichen sind aus lichtdurchlässigem Kunststoff reizvolle Lösungen möglich, die den Raumteiler zu einer effektvollen Lichtinstallation machen und eine kunstvolle Wirkung entfalten.
Seine erotisierende Ausstrahlung mag der Paravent verloren haben, doch als moderner Raumteiler, etwa in großen loftartigen Zahnarztpraxen ermöglicht er deutliche Ansagen: Hier wird nichts hinter dicken Türen versteckt, weil nichts versteckt werden muss.

DI Niel Mazhar, Ärzte Woche 1/2008

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