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Praxis 30. Jänner 2008

Bullen und Bären

Kaufen, verkaufen, aus dem Fenster springen? Aktienbesitzer brauchen heute starke Nerven.

Die Begriffe „Bulle“ und „Bär“ kommen von einem Schaukampf, den kalifornische Goldgräber zu ihrer Belustigung organisierten. Dabei wurde ein Bär an einen Pfahl gebunden und ein Stier auf ihn losgelassen. Entweder warf der Bulle den Bären mit seinen Hörnern hoch in die Luft oder der Bär rang den Bullen nach unten. Entsprechend haben sich die Begriffe für steigende und fallende Kurse eingebürgert.

Die Immobilienkrise in den USA

In den letzten Tagen hat das Börsengeschehen rund um den Erdball für Aufregung gesorgt. Die Kurseinbrüche haben nicht nur das Fachpublikum total verunsichert, auch die Normalverbraucher bekamen es mit der Angst zu tun. Rezession, Schwarzer Freitag und andere Begriffe machten die Runde. Was war passiert? Auf Grund wirtschaftlicher Turbulenzen, in diesem konkreten Fall ausgelöst durch die Immobilienkrise in den USA, mussten einige renommierte amerikanische Geldhäuser wie z.B. die City-Group und Merrill Lynch erhebliche Verluste einstecken.

Risiken werden exportiert

Es ist gängige Praxis, dass die Banken zur eigenen Risikobegrenzung „Kreditpakete“ an andere Banken, vor allem auch nach Asien und Europa, verkaufen, und sie führte dazu, dass ein Teil der Verluste aus den USA in die übrige Welt exportiert worden ist. So begannen auch einige Banken in Deutschland, der Schweiz und Fernost zu wackeln.

Beruhigte Lage

Wie in einem Dominoeffekt reagierten die Börsen von Japan beginnend über Australien und Singapur und Europa immer hektischer mit erheblichen Kursabschlägen bei den gehandelten Papieren. Viele Aktienäre wollten nur verkaufen um zumindest einen Teil ihres Vermögens zu retten. Erst die von der US-Regierung beschlossene Konjunkturspritze von 150 Milliarden Dollar hat die Lage vorerst beruhigt.
Kurzfristige Einbrüche halten Entwicklung nicht auf An den Börsen kommt es im Laufe der Jahre immer wieder zu Kurseinbrüchen, bei der ein Teil der Aktieninhaber nervös werden und ihr Vermögen verlieren. Auslöser dafür sind in der Regel besondere politische oder wirtschaftliche Ereignisse. Obige Grafik zeigt die Ereignisse und die jeweilige Börsenreaktion. Positiv bei dem Ganzen ist, dass sich diese kurzfristigen Reaktionen nur sehr selten auf die langfristige Börsenentwicklung auswirken. Aktienkurse auf niedrigem Niveau reizen zu Käufen und die Kurse steigen.
Der Aktieninhaber sollte daher stets einen kühlen Kopf bewahren. Eine Empfehlung, die auch der Gouverneur der Österreichischen Nationalbank, Dr. Klaus Liebscher, ausspricht.


Interview mit Dr. Klaus Liebscher

Die Ärzte Woche hat den Gouverneur der Österreichischen Nationalbank Dr. Klaus Liebscher um seine Einschätzung der derzeitigen wirtschaftlichen Turbulenzen auf den internationalen Börsenparketten gebeten.

Was sind die tatsächlichen Ursachen für die Turbulenzen auf den internationalen Börsen?
Liebscher: Auslöser war die Immobilienkrise in den USA. Viele Familien in Amerika haben sich beim Hauskauf zu sehr verschuldet und können jetzt die steigenden Zinsen für die aufgenommenen Hypotheken nicht mehr bezahlen. Dadurch sind eine Reihe von großen Banken in den USA in Schieflage geraten. Diese Entwicklung hat dann zu einem gewissen Dominoeffekt bei Banken in Asien und Europa geführt. Die Meldungen darüber sind ja durch die Medien allgemein bekannt geworden.

Wie sollen sich Aktienbesitzer in Österreich verhalten? Sollen sie ihre Aktien verkaufen, damit sie wenigstens einen Teil ihres Vermögens sichern können, oder sollen sie abwarten?
Liebscher: Ich kann nur davon abraten, jetzt in Panik zu verfallen. Es besteht sicher kein Grund dafür. „Durchtauchen“ ist eher angesagt, bis sich die Kurse wieder stabilisiert und erholt haben. Ein gut beratener Anleger legt sicher auch nicht sein ganzes Vermögen in Aktien an, sondern verteilt das Risiko auf die verschiedenen Anlageformen.
Im Unterschied zu der Börsenkrise 2001, bei der viele Aktienbesitzer ihr Geld verloren haben, weil sie vor allem für neue Unternehmen völlig unrealistische Aktienkurse bezahlt haben, denen keine entsprechenden Werte gegenüber standen, sieht es heute in Österreich und in Zentraleuropa ganz anders aus: Hinter den Börsenkursen z.B. dem ATX stehen in der Regel sehr leistungsstarke und gut fundierte Wirtschaftsunternehmen. Diese wirtschaftliche Substanz ist ein Garant und Grundlage für eine langfristig positive Börsenentwick­lung. (Anmerkung der Redaktion: Als Leitindex spiegelt der ATX die Preisentwicklung der größten und umsatzstärksten Aktien, der so genannten „Blue Chips“, wider).
Es ist normal, dass sich nach einer so langen Zeit der Kurszuwächse, wie wir sie in den vergangenen Jahren beobachten können, die Kurse wieder abschwächen. Es kann jedoch einige Zeit dauern, bis sich die Kurse wieder erholen.

Ist es sinnvoll, dass Österreicherinnen und Österreicher weiterhin ihr Geld in Aktien anzulegen?
Liebscher: Aktienbesitzer sind schon in der Vergangenheit mit ihren Papieren gut gefahren, und das gilt auch für die Zukunft. Wer genügend Geld hat, sollte einen Teil seines Vermögens in Aktien anlegen.

Bleibt unser Geld stabil oder erwarten Sie eine stärkere Inflation?
Liebscher: Der Euro ist eine stabile Währung. Er ist international anerkannt und begehrt. Die Europäische Zentralbank bzw. das Eurosystem sorgen dafür, dass keine wesentlichen Auswirkungen auf die Stabilität des Euro zu erwarten sind. Jedoch ist auch an die Sozialpartner und die öffentliche Hand zu appellieren, ihre Verantwortung wahrzunehmen, dass es zu keinen Zweit­rundeneffekten und damit weiteren Preissteigerungen kommt.

Welche Auswirkungen der jetzigen Börsenturbulenzen erwarten Sie auf die Wirtschaften in Europa, insbesondere auf die österreichische?
Liebscher: Wir haben in den letzten Jahren ein stetiges Wirtschaftswachstum mit hohen Zuwachsraten in Österreich verzeichnet. Damit stehen wir aber nicht allein. Auch so große Volkswirtschaften wie Deutschland haben in der jüngsten Vergangenheit zugelegt. Neben dem Export trägt die Binnennachfrage dazu bei, dass sich die positive Wirtschaftsentwicklung im Euro-Raum fortsetzen wird, auch wenn die Zuwächse etwas geringer ausfallen dürften.

Lutz Bürgel, Ärzte Woche 5/2008

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