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Praxis 19. Juli 2007

Folge 2 - Die Farbe in der Anwendung

Mit Farben lassen sich Räume ebenso gestalten wie mit Einrichtungsgegenständen. Allerdings ist die Farbe ein scharfes Werkzeug, das nur gezielt eingesetzt werden sollte.

Eine gute Bekannte, Caro, erzählte mir unlängst von ihren Plänen, das Wohnzimmer in ihrer Lieblingsfarbe Pink streichen zu lassen. In meinem Kopf formte sich sofort ein Bild und ich sah sie schon ganz in Pink gekleidet auf einem pinken Sofa sitzen, in der Rechten einen rosafarbenen Cocktail haltend – getarnt wie ein Schneehase im Gebirge. Ein mutiger Schritt! Wenn man Inhaber eines Süßwarenladens ist, möglicherweise auch eine absatzfördernde Maßnahme. Für Wohn- oder Arbeitsbereiche käme ein solches Wagnis allerdings einer intravenösen Überdosis Zuckerwatte gleich. Mut zur Farbgestaltung von Innenräumen ist aber sicherlich notwendig. Unter den Top Ten öster­reichischer Wand­kolor­ierung­en rangieren „Farbexoten“ von Superweiß über Creme, Perlmutt und Eierschale bis Champagner. Besonders Wagemutige trauen sich auch mal an Goldgelb heran. Dabei bieten die Baumärkte unseres Vertrauens eine sehr viel größere Palette an Kolorierungen an. Wichtig ist bei der Auswahl, bereits vorhandene Farben (Fußbodenbeläge oder Fliesen) zu berücksichtigen.
Als Faustregel gilt, dass zu viele Farben einen Raum unruhig machen. Eine Hauptfarbe und bis zu zwei Begleitfarben sind ideal. Dabei sollten die gut aufeinander abgestimmt sein, etwa derselben Farbfamilie angehören bzw. sich eine Grundfarbe teilen, wie z.B. Blaugrün und Blaugrau (siehe Folge 1).
Auch Farben der gleichen Helligkeit wirken harmonisch. Die Begleitfarben müssen dabei nicht unbedingt an den Wänden zu finden sein. Mobiliar und andere Einrichtungsaccessoires wie Vorhänge, Bilder oder Lampen können diese Aufgabe ebenso gut übernehmen.
Sind die Farben zu reißerisch, sieht man sich leicht satt daran. Grundsätzlich haben hellere Farben nicht nur eine freundliche und aufmunternde Wirkung, sondern lassen kleine Räume auch größer und weiter erscheinen. Und sie strahlen nicht zuletzt Sauberkeit aus. Örtlichkeiten, die über einen eingeschränkten Zugang zu natürlichem Tageslicht verfügen, wirken so zudem sonniger und leichter. So kann eine hellblau gestrichene Wand leicht und befreiend sein, während dunkles Blau tief und düster erscheint.
Dunkle Farben müssen aber nicht tabu sein. Sie können ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit erzeugen. Zwar können sie einen Raum auch klein und drückend aussehen lassen, aber, mit Maß und Ziel eingesetzt – etwa in Form eines über die Wand laufenden horizontalen Bandes –, schaffen sie leicht einen interessanten Blickfang.

Mit kräftigen Farben arbeiten

So kann ein goldgelb gemus­tertes Sofa vor einer dunkelvioletten Wandpartie zu einem aufregenden Farberlebnis werden. Besonders in kleineren Nebenräumen wie Toiletten, Eingangsbereichen oder dem Flur kann der spielerische Umgang mit kräftigen, dunklen Nuancen spannende Effekte erzielen und dadurch auch auf eine spezifische Funktion hinweisen. Viel hängt dabei von der Beschaffenheit der Räumlichkeiten ab. So können dunkle Farben auch von unschönen Aspekten eines Winkels ablenken, die Konturen verwischen und den Blick auf hellere, repräsentativere Seiten lenken. Ein Trick, mit dem man beispielsweise schlauchartige Räume optisch verkürzt.
Warme Farben wirken normalerweise anregend und antreibend. Kalte Farben vermitteln Distanz, Sauberkeit und Kühle, so können Räume, die nach Süden ausgerichtet sind, geradewegs erfrischend wirken. Umgekehrt wird die Lufttemperatur in mit warmen Farben ausgekleideten Räumen mit nördlicher Ausrichtung um einige Grad höher geschätzt. Was für eine Möglichkeit, Heizkosten zu sparen!

Die richtige Stimmung aktivieren

Es muss auch darauf geachtet werden, was man an einem Ort vermitteln möchte. Die Farbwahl sollte mit der Funktion und Nutzung eines Raumes übereinstimmen und diese unterstreichen. Was ein Wartezimmer gemütlich und behaglich aussehen lässt, kann für einen Behandlungsraum unpassend sein. Umgekehrt kann die kühlere Farbwahl eines Arbeitsraumes einen Aufenthaltsraum dis­tanziert und fremd wirken lassen. So kann im Warteraum durchaus mit warmen, kräftigen Farbstimmungen experimentiert werden, die das Gefühl der Geborgenheit und die Kommunikation günstig beeinflussen. Arbeitsräume hingegen sollten durch zartere Tönungen kon­zentra­tions­stei­gernd und funktionell wirken. Allerdings muss nicht unbedingt reines Weiß diese Aufgabe übernehmen, auch zarte Gelb-, Grün- oder Blautöne können eine betont sachliche, kompetente und hygienische Atmosphäre vermitteln. Durch den geschickten Einsatz von Konträrfarben können solche Eindrücke gesteigert und kontrastiert werden.

Oben, unten oder seitlich

Der Effekt einer Farbfläche hängt auch stark davon ab, wo sie sich befindet. So kann eine hellblau gestrichene Decke zwar leicht und befreiend wirken, an den Seitenwänden jedoch einen kalten und distanzierenden Effekt haben. Eine grüne Decke erzeugt das Gefühl eines begrenzenden Blätterdaches, ein grüner Fußboden vermittelt einen beinahe elastischen Eindruck, während Violett von oben verunsichernd, an den Seiten aber „magisch“ wirkt.
Von allzu breitflächigen roten Wandflächen ist abzuraten, wenn es um die Gestaltung eines Wartezimmers in einer Arztpraxis geht. Sie vermitteln eine drückende und aggressive Grundstimmung, was an stark frequentierten Tagen mit erhöhten Wartezeiten zu Komplikationen führen könnte. Ein roter Fußboden kann dagegen einen sehr interessanten, plastischen Eindruck vermitteln, der den Raum kontrastiert und „bewusster“ erleben lässt.
Die psychologische Wirkung rosafarbener Wände wurde bislang wissenschaftlich noch nicht fundiert untersucht. Gesichert ist hingegen, dass eine Wandfarbe zur Persön­lichkeit und zum Ge­­samt­ein­druck passen soll. Man muss sich also nicht an schnell wechselnde Mode­trends halten. Caro hat sich schließlich nicht für rosafarbene Wände, sondern für neue pinkfarbene Vorhänge entschieden. Die sehen nicht nur gut aus, man kann Caro jetzt auch wieder erkennen, wenn sie auf ihrem pinken Sofa Cocktails trinkt.

 Raumdoktor
Derselbe Raum kann durch die Wahl, Intensität und Kombination der Farben recht mannigfaltige Empfindungen auslösen. Kräftige Gelb- bis Rottöne empfinden wir als behaglich, anregend und kommunikationsfördernd, Violett kann einen Raum kleiner, aber auch „magisch“ und ungewöhnlich wirken lassen. Zarte und kühle Tönungen schaffen Distanz, erhöhen aber das Konzentrationsvermögen und lassen einen Ort sachlich, kompetent und sauber erscheinen.

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