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Praxis 28. Juni 2007

Entscheidungen auf der Basis von Wissen treffen

Nicht jede Behandlungsform, die wirkt, muss auch kosteneffektiv sein. Das Ludwig-Boltzmann-Institut für Health Technology Assessment (LBI-HTA) analysiert die Kosten-Nutzen-Relation und erarbeitet die Grundlagen für evidenzbasierte Entscheidungen.

Dr. Claudia Wild erarbeitet als Leiterin des LBI-HTA mit ihrem Team grundlegende Kosten-Nutzen-Analysen, die helfen sollen, das Solidarsystem im österreichischen Gesundheitswesen auch in Zukunft aufrecht zu erhalten.

Frau Dr. Wild, welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit des Health Technology Assessments ?
WILD: Mein langfristiges Ziel für das Institut ist, dass in Österreich keine Leistung mehr ins System hinein darf, bevor nicht gründlich geschaut wurde, ob sie tatsächlich den Nutzen bringt. Einzelexpertisen können nicht der Zugang zum System sein. Sondern ein klarer Blick muss zeigen: Wie viele Interventionen habe ich bei einer Indikation, welche bringt am meisten bei welcher Patientengruppe, wie schaut die permanente Markterweiterung aus? Was tut die Industrie eigentlich mit uns, wenn sie für eine Indikation eine Zulassung beanträgt, aber dann 20 weitere Indikationen off-label mitversorgt?

Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor? Ist das hauptsächlich Literaturstudium, aus dem Sie Ihre Schlüsse ziehen?
WILD: Der Punkt ist der: „Kleine-Länder-HTA“ ist etwas anderes als „große-Länder-HTA“. HTA ist eine enorm wachsende Disziplin. Natürlich sind alle Länder dieser Welt mit denselben Interventionen konfrontiert und die HTA-Institutionen größerer Länder mit ihren stärkeren Kapazitäten machen die eigentlichen Assessments. Wir können uns diese dann hereinholen. Die internationale Kooperation ist enorm wichtig. Ein gutes Beispiel ist die Problematik Lucentis versus Avastin. Da ist vor zwei Monaten ein Präparat gegen die altersbedingte Makuladegeneration (AMD) zugelassen worden, das ist 60 Mal teurer als eines, das „off-label“ verwendet wird, wie Avastin. Daran arbeiten wir zurzeit in einem internationalen Zusammenschluss.

Wie hoch wäre das Einsparpotenzial, wenn die Entscheidungen mit Wissen nach HTA-Kriterien gefällt werden könnten?
WILD: Ich kann keinen Prozentsatz nennen. Aber ich denke, es sind große Summen. Andererseits könnte manches auch teurer werden, weil es Bereiche gibt, die völlig unterversorgt sind. Wir haben den High-tech-Bereich, der überversorgt ist nach meiner Ansicht, und wir haben den Low-tech-Bereich, wie beispielsweise die Kinder- und Jugendpsychiatrie, dort, wo manuelles und Humankapital zum Einsatz kommen müsste, der unterversorgt ist. Das muss man natürlich gegenrechnen, es geht nicht immer nur um Einsparung. Eine Aussendung des Generikaverbands geht da in die richtige Richtung: Allein wenn man die herkömmlichen Präparate zu einem gewissen Prozentsatz mit Generika ersetzen könnte, so wie in Dänemark, würde man sich die ganze Pflegestufe 1 einsparen.

Welche Visionen haben Sie für Ihre Arbeit in Zukunft?
WILD: Klinisches Handeln ist schwer zu verändern. Deshalb sollten wir nach vorne schauen, zwei oder drei Jahre. Erheben, was kommt auf uns zu, was hat Potenzial, und wo wollen wir aufgrund der öffentlichen Perspektive genauer hinschauen, was wir fördern wollen. Und bei welchen Dingen sagen wir frühzeitig „Dankeschön, es ist genug, der Markt ist gedeckt, wir haben den Goldstandard, das brauchen wir nicht“. So könnten Klinikleiter HTA als Instrument und Argumentationskraft nutzen, um ihre Klinikbudgets zu halten. Ein Projekt, an dem wir arbeiten, ist ein Früherkennungssystem für neue onkologische Additiv- und Begleitmedikamentierungen im „Off-label-Bereich“. Wir scannen ganz systematisch Abstracts von Konferenzen oder Phase-II-Studien, noch bevor sie in Phase III gehen. Wir erkunden, welche Medikamente oder welche neuen Präparate kommen, wofür sie in der Erstlinientherapie zugelassen sind und wofür sie möglicherweise off-label angewendet werden, also für welche Nebenindikationen?

Welchen Zweck verfolgen Sie damit?
WILD: Wir wollen die Entscheidungsträger und diejenigen, die Forderungen stellen, auf dieselbe Augenhöhe bringen. Die Entscheidungsträger sollen wissen, in welche Richtungen investiert werden sollte. Dass sie auf Anfrage sagen können: „Es gibt keine klinischen Studien dazu“ – oder „Ja, in diesem Indikationsbereich wird es voraussichtlich in zwei Jahren eine Zulassung geben“.

Das Gespräch führte Inge Smolek

Inge Smolek, Ärzte Woche 26/2007

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