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Praxis 24. Jänner 2008

Der Arzt nimmt sich das Wort

Dass Gespräche in der ärztlichen Praxis nicht immer zur Zufriedenheit aller verlaufen, ist nicht neu. Aber dass ein deutscher Linguist Hausärzten schlicht Machtmanifestationen bei der ärztlichen Kommunikation bescheinigt, zeugt von einer bisher unbekannten Dimension des Problems. Österreichische Kommunikationsexperten fanden jedoch heraus, dass schon eine kurze Schulung ausreicht, das Bewusstsein für das Problem zu wecken.

Linguisten schwärmen aus, um die normalerweise hinter verschlossenen Türen ablaufenden Gespräche zwischen Ärzten und ihren Patienten zu erforschen. In der Regel wird dabei das Mikrofon nach Zustimmung beider Gesprächspartner offen auf den Tisch gestellt. Tim Peters hatte nun die Gelegenheit, versteckt aufgezeichnete ärztliche Konsultationen sprachwissenschaftlich zu analysieren.
Die beteiligten Hausärzte hatten zuvor zugestimmt, dass jeweils zwei standardisierte Patienten, das sind speziell auf ein Krankheitsbild geschulte Laien, unangekündigt und verdeckt Audio-Aufnahmen machen dürften. Die vermeintlichen Patienten klagten über Kopfschmerzen, wobei der eine als „neutral akzeptierender Patient“ auftrat und der zweite als „ängstlich nachfragender“. Die Studie war von der Universitätsklinik Düsseldorf durchgeführt worden. Sie hatte ergeben, dass die ängstlich nachfragenden Patienten zwar nicht länger andauernde Untersuchungen, aber eher teurere wie CTs bekommen oder eher zum Neurologen oder Augenarzt überwiesen wurden.

Machtmechanismen

Tim Peters untersuchte nun an Hand von 25 dieser hundert Aufnahmen, wie die sprachlichen Prozesse ablaufen. „Ich bin darauf gestoßen, dass der Arzt sprachliche Machtmechanismen benutzt, um seine Behandlungskonzepte durchzusetzen“, erzählt der Absolvent des Germanistischen Instituts an der Ruhr-Universität Bochum. Er macht den Zeitdruck dafür verantwortlich, dass Ärzte bereits nach kürzester Zeit den ersten Redefluss des Patienten unterbrechen und dazu übergehen, ihren Fragenkatalog systematisch durchzugehen. Je gestresster und überlasteter der Arzt oder die Ärztin war, desto paternalistischer gingen sie bei den Gesprächen vor.
Zu den dabei angewandten Sprachmechanismen zählt laut Peters die Themensteuerung: Wer wechselt im Arzt-Patienten-Gespräch die Themen? In der Regel ist es der Arzt, der nach der anfänglichen offenen Frage nach dem Grund des Kommens rasch auf geschlossene Detailfragen kommt. Diese sind thematisch auf kleine Bereiche begrenzt. Oft sind Patienten nicht mehr in der Lage, die Bedeutungszusammenhänge zwischen den Fragen zu verstehen. Denn der Arzt springt ohne Überleitung thematisch hin und her. Peters: „Hier gibt es eine deutliche Dominanz des Arztes.“
Ein anderes Beispiel ist die sogenannte Rederechtssteuerung. Wer unterbricht wen? Wer redet beim Arzt-Patienten-Gespräch häufiger und mehr? Bei der Anamnese ist anzunehmen, dass der Patient vorwiegend am Wort ist. Aber es gibt Ärzte, die kaum zuhören, sondern selber reden.
Auch das Intonations- und Betonungsverhalten des Behandlers kann dazu führen, dass Patienten sich ihrem Arzt unterlegen fühlen. Wenn Ärzte ihre Behandlungsvorschläge durchsetzen wollen, werden sie unter Umständen sogar laut und benutzen ihren medizinischen Fachjargon, um die Wichtigkeit hervorzuheben. Allein die beim Sprechen gewählte Betonung kann dabei einen starken Druck auf die Patienten ausüben.
Der ärztliche Paternalismus zeigt sich auch darin, dass Ärzte bei der Vergabe von Folgeterminen erst gar nicht nachfragen, ob Patienten am bestimmten Tag Zeit haben. Wenn das nicht der Fall ist, bedeutet das für Patienten, dass sie gegen den aufgebauten sprachlichen Druck seitens der Ärzte aktiv werden müssen.
Tim Peters macht Zeit- und Aufwandersparnis für das negative Kommunikationsverhalten vieler Ärzte verantwortlich. Dr. Florian Menz, Professor für Angewandte Sprachwissenschaft und Soziolinguistik am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien, weiß jedoch aus seiner langjährigen Forschungstätigkeit zur Arzt-Patienten-Kommunikation, dass Gespräche desto länger andauern, je öfter sie unterbrochen werden. „Der Versuch, Zeit zu sparen, bewirkt eigentlich das Gegenteil“, betont der Sprachforscher, „es macht die Gespräche für beide Partner komplexer und länger.“

Gesprächsanalytisches Training

Menz berichtet über das Ergebnis seines Forschungsprojekts in Zusammenarbeit mit der kardiologischen Ambulanz an der Rudolfstiftung in Wien unter der Leitung von Prof. Dr. Claudia Stöllberger, bei der das ärztliche Sprachverhalten vor und nach einem kurzen Gesprächstraining mit den Ambulanzärzten untersucht wurde: „Das Kurztraining bringt eine gewisse Sensibilisierung für die Problematik“, sagt Menz. Der Sprachwissenschaftler ortet eine zunehmende Bereitschaft der Mediziner, sich mit dem Thema Verbesserung der Gesprächsführung auseinanderzusetzen. Interessierten Ärzten bietet nun eine neue, umfassende und im Internet frei zugängliche Forschungsdatenbank die Möglichkeit, sich noch eingehender damit zu beschäftigen. Darin sind erstmals alle linguistischen Studien enthalten, die sich mit der Arzt-Patienten-Kommunikation beschäftigen.

Metastudie und Forschungsdatenbank zum sprachlichen Handeln von ÄrztInnen in der Diskursforschung: http://www.univie.ac.at/linguistics/personal/florian/api-on

Inge Smolek, Ärzte Woche 4/2008

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