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Praxis 17. Jänner 2008

Perspektiven des Blickverhaltens

Gefährliche Unfallstellen haben häufig ein Merkmal gemeinsam: Unklare oder behinderte Sichtverhältnisse, die dazu führen, dass herannahende Fahrzeuge oder andere Gefahrensituationen spät – oft zu spät – erkannt werden. Mit Hilfe der Blickforschung können Defizite im Blickverhalten herausgefiltert und Maßnahmen zur baulichen Sanierung angeregt werden.

 Blickanalyse

 Blickanalyse
Blickanalyse: Die grünen Linien zeichnen die Blickspuren und Einmessvorgänge während der Fahrt auf. Die gelben Kreise visualisieren die Bereiche des Sichtfelds, das foveale und parafoveale Sehen.

 Spezialbrille
Auf der Spezialbrille des viewpointsystems sind zwei integrierte Kameras montiert. Aus den überlagerten Informationen werden Augenbewegungen und fixierte Blickfelder analysiert.

Fotos: EPIGUS

Das Motorrad tauchte wie aus dem Nichts auf – es kam unweigerlich zum Crash. Trotz aufmerksamer Fahrweise war der Unfall an der anscheinend übersichtlichen Kreuzung nahe Grafenegg in Nieder­österreich nicht mehr zu verhindern gewesen. „Warum habe ich das von rechts kommende Motorrad nicht gesehen?“, überlegt sich der Unfalllenker noch Wochen danach wieder und wieder und kann keine plausible Erklärung für sein Fehlverhalten finden.
„Für mich gibt es keinen unerklärlichen Unfall“, sagt dazu Prof. DI Dr. Ernst Pfleger im Gespräch mit der Ärzte Woche. Der auf Verkehrssicherheit spezialisierte Forscher hat sich auf die Analyse von solchen Unfallsituationen spezialisiert. Und er hat herausgefunden, dass häufig die für kurze Zeit verdeckte Sicht zu brenzligen Situationen im Straßenverkehr führen kann. So wie bei der „Todeskreuzung von Grafenegg“: Dort führt die Abschattung durch die vordere rechte Dachsäule dazu, dass ein herankommendes Fahrzeug bei bestimmten Geschwindigkeiten erst im letzten Augenblick gesehen werden kann. Pfleger: „In hundert Meter Entfernung haben neun Fahrzeuglängen in diesem ‚unsichtbaren’ Bereich der Straße Platz, wenn ich mich mit 60 Stundenkilometern Geschwindigkeit der Kreuzung nähere und das von rechts kommende Fahrzeug auf der Vorrangstraße mit hundert Stundenkilometer heranfährt. So kommt es zu diesen Unfällen ‚wie aus dem Nichts‘.“

Sicherheit schadet Sicherheit

Die tragenden Holme wurden zum Schutz der Insassen in den letzten Jahren deutlich verstärkt und sind nun so dick, dass bei vielen Autos vermehrt Sichtabschattungen auftreten. Es entsteht dadurch die skurrile Situation, dass mehr Sicherheit für die Personen im Auto vermehrt zu Unfällen aufgrund behinderter Sicht führen kann.
Bei sehr weitläufigen Kurven kann auch der Holm auf der linken vorderen Seite die Sicht stören, Kopfstütze, Beifahrer und die rechte mittlere Dachsäule (so genannte B-Säule) behindern wiederum den Blick beim Rechtsabbiegen. So wird ein parallel fahrender Radfahrer viel eher übersehen, je weiter der Radweg von der Fahrbahn entfernt ist. Nur durch erhöhte Vorsicht sind solche Unfälle vermeidbar.

Blickanalyse

Viele Erkenntnisse stammen aus der Analyse der Augenbewegungen: Wo sieht der Autofahrer bevorzugt hin? Wo bleibt sein Blick unwillkürlich hängen und lenkt ihn eventuell vom Verkehrsgeschehen ab? Die Mitarbeiter des von Pfleger gegründeten Instituts für ganzheitliche Unfall- und Sicherheitsforschung EPIGUS suchen die Antworten auf diese Fragen mit dem patentierten „viewpointsystem“ (vps). Das System besteht aus einer Hightech-Spezialbrille, die die Augenbewegungen und das Sichtfeld der Testperson aufnimmt. Das Ergebnis der Auswertung ist ein Blickfilm. In den obigen Abbildungen visualisiert der innere kleine Kreis den fovealen Scharfsehbereich des Auges, der größere Kreis die Grenze des parafovealen Sehens (erhöhte Aufmerksamkeit auf Farben, Formen und Kontraste). Die grüne Linie ist die Darstellung der „Blickspur“, die den Inhalt des Kurzzeitgedächtnisses zeigt. Es können aber auch die Fixationen des Blicks von den so genannten Sakkaden (keine geordnete Wahrnehmung) wissenschaftlich unterschieden werden.
Erklärtes Ziel der Blickforschung ist es, gefährliche Straßenabschnitte vorbeugend zu identifizieren und dadurch Unfälle zu vermeiden.

Physiologische Parameter

Die „ganzheitlichen Road Safety Inspections“ (RSI) kombinieren Blickanalysen, die Daten aus einem Unfalldatenschreiber und einem Physiorekorder. Dieser erfasst die körperlichen Reaktionen des Fahrers (Hautleitwert, Puls, Atemfrequenz, Körpertemperatur, Muskeltonus) zeitsynchron und kann dadurch besondere Stresssituationen offen legen. „Die Durchführung von solchen ‚Road Safety Inspections‘ auf öffentlichen Straßen ist die modernste Form der Verkehrssicherheitsarbeit in Europa“, freut sich Pfleger über den internationalen Erfolg des ausgefeilten Analysesystems.

Menschliche Leistungsgrenzen

Die individuelle Fahrtüchtigkeit kann mittels Tripeltest – eine Kombination aus vps, Wiener Test­system (bestehend aus verschiedenen psychologischen Tests) und der biomedizinischen Stressmessung – ermittelt werden. „Natürlich gibt es menschliche Leistungsgrenzen“, weiß Unfallforscher Pfleger auf Grund seiner langjährigen Tätigkeit. Unfallstellen und unfallträchtige Straßenbereiche (wenn etwa drei Mal in einem Jahr an derselben Stelle ein Unfall passiert) können durch die modernen Methoden sehr leicht aufgeklärt werden. „In Österreich gehören etwa 4.000 bis 5.000 Unfallstellen saniert, allein in Wien sind es eintausend.“

Inge Smolek, Ärzte Woche 3/2008

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