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Praxis 2. Mai 2007

Folge 10: Rechtsprechung in der Arzthaftungspraxis

Frage: „Deckt sich die Rechtsprechung in der Arzthaftungspraxis mit den Anforderungspflichten an
die Ärzte? Erbitte eine leicht verständliche Kurzübersicht über Aufklärung, Haftung und Organisationsverschulden. Begeht nicht jeder niedergelassene Arzt, der 60 bis 100 Patienten pro Tag behandelt, praktisch permanent eine Einlassungsfahrlässigkeit? Was sollte ein Arzt tun, wenn er das Gefühl hat, an seiner Leistungsgrenze angekommen zu sein, ein Patient trotzdem eine bestimmte Behandlung braucht, der Arzt aber aufgrund der Situation im öffentlichen Gesundheitswesen der einzig verfügbare Behandler ist?“

Antwort von Prof. Dr. Wolfgang Mazal, Universitätsprofessor für Arbeits- und Sozialrecht

„Die Antwort der ersten Frage muss ich verweigern, da es vollkommen unseriös wäre, hier eine Antwort zu geben. Bei den Themen Aufklärung und Haftung müssen wir verstehen lernen, dass diese einen Sinn machen. Der Sinn besteht schlichtweg darin, dass wir in unserem System die körperliche Integrität der Menschen schützen. Es darf bei uns niemand einen Anderen anfassen, wenn dieser das nicht will. Umso mehr muss man das bei Berufen berücksichtigen, deren Zweck es ja ist, Menschen anzugreifen oder sogar noch mehr. Umso mehr muss man darauf Rücksicht nehmen, dass der
Patient erklärt haben will, was man mit ihm vorhat. Wer die Menschen so behandelt und aufklärt, wie er selbst behandelt und auf­geklärt werden will, weiß auch, wie er an diese Dinge herangehen sollte. Oder wie man beim Automechaniker aufgeklärt werden will. Die Dinge, die man dort manchmal so geschwind bekommt, können beim Umgang mit Menschen zu wenig sein. Der Patient hat nicht in fünf Minuten den nächsten Patienten, sondern bereitet sich unter Umständen tagelang auf seinen Arztbesuch vor. Wer diese einfachen Dinge berücksichtigt, wird wenig vor Haftung aufgrund mangelhafter Aufklärung zu fürchten haben. Organisationsverschulden ist ein einfacher Begriff. Damit ist nämlich nicht das Verschulden einer Organisation gemeint, sondern das Individualverschulden eines Organisationsverantwortlichen. Für den Patienten ist der Unterschied irrelevant. Bei der Frage nach der Einlassungsfahrlässigkeit bei 60 bis 100 Patienten pro Tag kommt es auf die Art der Behandlungen an. Bei größeren Behandlungen sehe ich immer wieder Situationen, bei denen ich mir meinen Teil denke und persönlich sicherlich nicht den Mut hätte. Eine Einlassungsfahrlässigkeit sehe ich bei einer sehr hohen Frequenz, wenn es sich nicht um simpelste Behandlungsschritte handelt, zweifelsohne für argumentierbar. Die letzte Frage trenne ich in menschlich und rechtlich. Man hat die menschliche Pflicht, dem Patienten ent­gegenzukommen. Was einem vor Gericht jedoch nicht helfen würde, wenn man in offensichtlicher Überschreitung der persönlichen Kapazität einen Fehler macht.“

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