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Praxis 11. Oktober 2007

Angst vorm Reden (Teil 3)

Lampenfieber kann Fluch oder Segen sein. Zu viel kann zum gefürchteten Blackout führen. Ein wenig Lampenfieber, also ein leicht erhöhter Adrenalinpegel, hat hingegen schon so manchen zu rednerischen Höchstleistungen beflügelt. Schon der römische Staatsmann Cicero wusste: „Alle großen Reden in der Öffentlichkeit haben gemeinsam, dass die Redner nervös sind.“

„Ihr Herz klopft. Ihre Hände zittern. Ihnen stehen Schweißperlen auf der Stirn. Ihr Mund ist trocken. Ihr Magen fühlt sich an wie ein Mixer auf der höchsten Stufe. Und just in diesem Moment sollen Sie eine Rede halten. Wenn es dann so weit ist, fühlen Sie sich total besch …, äh besorgt ….“
Was Malcolm Kushner, Kommunikationstrainer, Humorberater (Eigendefinition) und Sachbuchautor, so plakativ beschreibt, ist auch als Lampenfieber bekannt. In seinem Ratgeber Erfolgreich Reden halten für Dummies spricht Kushner all denjenigen, die an den oben beschriebenen Symptomen leiden, seinen „herzlichen Glückwunsch“ aus – zu der Gewissheit, dass sie zur Mehrheit gehören. Immerhin hätten laut einer häufig zitierten Umfrage „die meisten Menschen mehr Angst vor der öffentlichen Rede als vor dem Tod“.
Weshalb dies so ist, erklärt die österreichische Rhetorik-Expertin Dr. Fleur Wöss in ihrem im Linde-Verlag erschienenen Buch Der souveräne Vortrag mit genetischen Faktoren. Schließlich stünden wir bei Reden vor einer großen Meute unbekannter Menschen, und in solchen Situationen seien über zehntausende Jahre hinweg meist nur zwei Verhaltensweisen überlebensdienlich gewesen: Kampf oder Flucht.

Jede Gelegenheit nützen

Wer zur „redeängstlichen Mehrheit“ zählt, braucht sich also keine allzu großen Sorgen zu machen, sondern bloß einen der von Wöss beschriebenen Ratschläge gegen das Lampenfieber zu befolgen: „Nutzen Sie jede Gelegenheit, einen Vortrag zu halten“, so die Sachbuchautorin. „Viele gescheite Menschen haben nicht den Mut, vor einem größeren Publikum zu sprechen. Sie werden dafür bewundert werden, wenn Sie sich immer wieder dazu bereit erklären. Mit jedem kleinen Redeerfolg werden Sie weniger Lampenfieber haben.“
„Alle Reden in der Öffentlichkeit haben gemeinsam, dass die Redner nervös sind.“
Wer schon bei der Vorstellung, demnächst einen Vortrag halten zu müssen, zitternde Hände und schlotternde Knie bekommt, wird durch diesen Ratschlag allein freilich noch keine Beruhigung finden. Die Ärzte Woche hat für Teil 3 der Artikelserie zum Thema „Vortragstechnik“ deshalb noch etliche weitere Expertentipps gegen allzu große Nervosität gesammelt.
Ein wichtiger Hinweis stammt wiederum von Vortrags-Coach Wöss und lautet: „Zittern ist erlaubt“. Das wirklich Unangenehme am Zittern sei, dass es die Nervosität sichtbar mache. Deshalb sollten Menschen, die zu schlotternden Knien und nicht weniger Tremor der Hände neigen, einige Vorsichtsregeln beachten. Etwa, dass sie mit dem Laserpointer nie länger auf eine Stelle zeigen, sondern Kreise um das Hervorzuhebende beschreiben sollten. Oder dass sie Ansteckmikrophonen gegenüber Stand- und Tischmikrophonen den Vorzug geben sollten. Oder dass sie für Notizen Karteikarten verwenden sollten, statt größerer und leichterer Papierbögen. Generell ist es vorteilhafter, die Aufmerksamkeit nicht auf die Hände zu lenken, sondern diese auf den Tisch zu legen oder das Vortragpult zu umfassen.

Taschentuch zum Abwischen der Stirn gefaltet lassen

Auch Schweiß auf Stirn oder Oberlippe wird vom Publikum in aller Regel nicht als Anzeichen von Souveränität interpretiert. US-Kommunikationstrainer Kushner weiß, wie mit diesem Problem umgegangen werden kann: „Wenn Sie ein Taschentuch zur Hand nehmen, es öffnen und sich den Schweiß damit abwischen, wirken Sie wie ein nervöses Wrack. Die Lösung: … Lassen Sie es sauber gefaltet. Tupfen Sie den Schweiß ab und stecken Sie das Taschentuch wieder weg.“
Zittern und Schwitzen mögen unangenehm sein. Das rhetorische „Worst-Case-Szenario“ ereignet sich jedoch auf mentaler Ebene: der Blackout. Wenn einem Redner während endlos langer Sekunden kein Wort über die Lippen kommen will, werden Alpträume wahr. Wer dann nachts aufwacht, ist erlöst. Bei einem Alptraum-Hänger kann Bewegung die Erlösung bringen.
Schon ein wenig körperliche Aktivität wirkt manchmal wahre Wunder. Etwa, indem man sich kurz nach der Tasche bückt, um Unterlagen herauszuholen oder vorgeblich ein Blatt zu Boden fallen lässt, um es dann aufzuheben. Bewegung kann aber auch kurz vor der Rede schon Entspannung bringen. Deshalb ist es empfehlenswert, zumindest ein Stück des Weges zum Vortragsort zu Fuß zurückzulegen.
Die Anreise zum Ort des Geschehens sollte so geplant werden, dass vor dem Vortrag noch etwas Zeit bleibt. Denn zu den wichtigsten Strategien gegen allzu großes Lampenfieber zählt, sich mit dem Veranstaltungsraum vertraut zu machen und sich einmal probehalber auf das Podium oder ans Pult zu stellen. Nicht zuletzt kann die verbleibende Zeit auch dafür genutzt werden, die ersten Gäste zu begrüßen und nach bekannten Gesichtern Ausschau zu halten. Wenn man diese dann in den Sitzreihen vor der Bühne erneut erblickt, ist das Publikum nicht länger eine anonyme Menschenansammlung. Man kann sich an vertrauten Gesichtern orientieren.

 Fakten

Mag. Dietmar Schobel, Ärzte Woche 41/2007

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