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Praxis 28. September 2007

Mit einem genialen Anfang die Zuhörer fesseln

Manche Menschen sind von Natur aus begnadete Redner. Andere treten selbst bei beschaulichen Familienfesten nur mit bebender Stimme vor den Zuhörerkreis von fünf Personen. Selbst Könner profitieren jedoch auf dem einen oder anderen Gebiet noch von neuem Know-how – und Rede-Anti-Talente sowieso. Die Ärzte Woche hat deshalb für eine Artikelserie die besten Tipps zur Vortragstechnik gesammelt. Teil 1 beschäftigt sich mit der Planung und Struktur von Reden.

So gut wie jeder kommt mal dran und muss aus beruflichen Gründen wissenschaftliche Präsentationen, Mitarbeiteransprachen oder Festreden halten. Mit Betonung auf „muss“, weil die meisten Redner schon die Vorbereitung als Qual und das Vortragen selbst als einzige große Belastung für Körper und Seele im Allgemeinen und Nervenkostüm im Speziellen empfinden. Und das gilt nicht nur für die ungeübten.
Fachwissen kann hier Abhilfe schaffen. Die Ärzte Woche hat aus diesem Grund bei professionellen Coaches die besten Tipps für Anfänger und Fortgeschrittene gesammelt (siehe auch Kasten: „Alles zum Thema Vortragstechnik“). Teil 1 setzt sich mit Planung und Struktur von Reden auseinander und somit mit wichtigen Grundlagen der Rhetorik. Darunter wird laut Duden die „Wissenschaft von der wirkungsvollen Gestaltung öffentlicher Reden“ verstanden.

Hauptsätze, Hauptsätze, Hauptsätze

Wie bei allen Dingen des Lebens empfiehlt es sich auch bei der Redekunst, von den Besten zu lernen. Also befolgen wir die Empfehlung von Sir Peter Ustinov: „Der Schlüssel zu einer guten Rede lautet: Man braucht einen genialen Anfang, einen genialen Schluss und möglichst wenig dazwischen.“ Oder wir schlagen bei Kurt Tucholsky nach. Dessen „Ratschläge für einen guten Redner“ lauten: „Hauptsätze, Hauptsätze, Hauptsätze.“ Für diejenigen, die mit derlei kursorischen Anweisungen noch nicht das Auslangen finden, haben wir jene Präsenztrainerin befragt, von deren Website www.fleurwoess.com die oben angeführten Zitate stammen.

Zeit, Ziel, Zuhörer

„Zeit, Ziel und Zuhörer – oder kurz die ,drei Z’ – sind die wichtigsten Punkte bei der Vorbereitung“, weiß Dr. Fleur Wöss, die Juristen, Wirtschaftsmanager und Mediziner für Reden, Präsentationen und Fachvorträge coacht. Als Leitfaden hat die Rhetorik-Expertin das Buch Der souveräne Vortrag veröffentlicht, das all jene wichtigen Details zu unserem Thema enthält, die im Rahmen eines Artikels nicht beschrieben werden können.
Was den grundlegenden Punkt „Zeit“ betrifft, gelte es zunächst, sich mit der geplanten Dauer eines Vortrags auseinanderzusetzen, erklärt Wöss. Denn nach maximal 20 Minuten sei die Aufnahmefähigkeit der Zuhörer üblicherweise erschöpft. Wer die Aufmerksamkeit seines Publikums länger beanspruchen will, sollte deshalb spätestens nach einer Drittelstunde eine Rückschau einplanen, die das bisher Vorgestellte zusammenfasst oder zum Beispiel durch ein Video für Abwechslung sorgen.
Die Zeitplanung umfasst auch, das Material für den Vortrag termingerecht zu sichten, ihn pünktlich zu schreiben und sich rechtzeitig um die visuelle Gestaltung zu kümmern. Bevor mit der konkreten Schreibarbeit begonnen wird, gilt es aber, sich über die Ziele des Referats Klarheit zu verschaffen.
„Fachvortragende wissen oft noch nicht genau, worin diese Ziele bestehen und sagen etwa: ,Ich bin darum gebeten worden …’ oder ,Mein Vorgesetzter hat gemeint, es könne mir nicht schaden …’“, berichtet Wöss aus der Praxis. In solchen Fällen sei ein anderer, positiver und selbstbewusster Zugang dringend gefragt. Denn Vorträge sollten nicht weniger als „informieren, den Zuhörern nutzen und sie unterhalten“, fasst die Rhetorik-Expertin zusammen.
Womit wir bei der wichtigen Frage angelangt sind, wie sich die Zuhörerschaft zusammensetzt. Wird das Publikum aus – kritischen oder wohlwollenden – Fachkollegen, medizinischem Personal, Laien, Mitarbeitern oder Studenten bestehen? Wird die Zuhörerschaft homogen oder heterogen sein? Darauf sollten die Inhalte eines Vortrags abgestimmt werden. Henry Ford meinte dazu: „Bevor ich in einen Vortrag oder in eine Verhandlung gehe, verwende ich zwei Drittel meiner Vorbereitungszeit, um mich mit meinen Zuhörern zu beschäftigen, und nur ein Drittel, um Stoff zu sammeln.“

Testvorträge und Beratung durch Experten

Wer idealerweise rechtzeitig mit der Planung für seinen Vortrag begonnen, dessen Ziele definiert und die Interessen der Zuhörerschaft berücksichtigt hat, kann schließlich auch Übungsvorträge einplanen. „Solche Testläufe geben Sicherheit. Sie können vor Angehörigen oder wohlwollenden Kollegen erfolgen, die dem Vortragenden probehalber ,kritische Fragen’ stellen “, erklärt Wöss.
Wer eine besonders wichtige Präsentation vor sich hat, möchte sich möglicherweise von Fachleuten beraten lassen. Dafür gibt es Intensiv-Angebote, wie etwa für das „Vortrags-SOS®“ von Wöss. Neben einer kritischen Inhaltsanalyse und einer Auseinandersetzung mit der Dramaturgie des Vortrags umfasst es auch Praxis mit Video-Feedback. Drei 90-Minuten-Einheiten Einzelcoaching sind für 480 Euro zu haben.

Ein genialer Schluss

Zahlreiche weitere Seminarangebote zum Thema Rhetorik sind via Internet etwa in der Datenbank www.seminar.at zu finden oder bei den Webdiensten der großen österreichischen Weiterbildungsanbieter. Bei www.wifi.at gibt es ein Online-Kursbuch. Für die Volkshochschulen können über www.adult­education.at/de/struktur die Services für die einzelnen Bundesländer aufgerufen werden.
Zu den Todsünden für Redner zählt es, den Vortrag mit Floskeln zu beenden. Dazu gehören Wendungen wie: „Ich hoffe, dass ich keine Fragen offen gelassen habe …“ oder „Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, bei Ihnen ein bisschen Interesse zu wecken …“ Rede-Profi Wöss empfiehlt deshalb, zu guter Letzt nochmals die Kernbotschaft zusammenzufassen, mit einer Geschichte oder einem Zitat zu schließen, einen Blick in die Zukunft zu wagen oder nochmals den Bogen zum Anfang zu spannen. So mag es gelingen, selbst den Anforderungen von Sir Peter Ustinov gerecht zu werden – und einem genialen Anfang einen ebensolchen Schluss folgen zu lassen.

 Die Serie

Mag. Dietmar Schobel, Ärzte Woche 39/2007

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