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Praxis 30. Oktober 2007

Fachwissen souverän vermitteln (Teil 6)

Was unterscheidet wissenschaftliche Präsentationen von anderen Vorträgen? Was sollte dabei speziell beachtet werden? Prof. Dr. Reinhard Ammer, Co-Autor des Buchs Der wissenschaftliche Vortrag, hat der Ärzte Woche Antworten auf diese Fragen gegeben.

„Wissenschaftliche Vorträge zeichnen sich dadurch aus, dass die fachliche Relevanz der Inhalte besonderes Gewicht hat. Außerdem ist es meist notwendig, in einer anschließenden Diskussion mehr oder weniger wohl gesonnenen Kollegen Rede und Antwort zu stehen“, weiß Prof. Dr. Reinhard Ammer, Co-Autor des Sachbuches Der wissenschaftliche Vortrag, das im Springer Verlag erschienen ist. Die Fakten spielen zwar in der Welt der Forschung eine Hauptrolle – oder sollten dies zumindest tun. Dennoch sind natürlich auch bei wissenschaftlichen Präsentationen der Vortragsstil und die visuelle Umsetzung weitere wichtige Erfolgsfaktoren.
„Fachreferate sollten einfach, klar und sachlich gestaltet werden“, betont Ammer. Leider sei in der Praxis jedoch die Unsitte relativ weit verbreitet, „unlesbare Tabellen, abstruse Grafiken und sinnlos bunte Bilder zu zeigen, um die Zuhörer durch die scheinbare Komplexität des Inhalts zu beeindrucken“, so der Leiter des Lehrgangs für medizinische Führungskräfte an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg. Der Ratschlag von Ammer lautet deshalb, dem Publikum nur relativ wenige, selektiv ausgewählte Bilder und Auflistungen zu zeigen.

Ein plakativer Titel

Wer interessante neue Ergebnisse oder Erkenntnisse vorzulegen habe, solle sich auch nicht davor scheuen, seinem Vortrag einen kurzen, plakativen Titel zu geben, um dadurch Aufmerksamkeit zu wecken. Einzelheiten könnten dann während des Referates erklärt werden, meint Ammer. Das gelte speziell für junge Kollegen, die womöglich auf eigene Kosten zu einem Fachkongress anreisten, um ihre Resultate zu präsentieren.
Da Titel und Abstract für die Vor­ankündigung der Konferenz meist schon lange im Voraus formuliert werden müssten, empfehle es sich, bei laufenden Forschungsarbeiten schon sehr früh genau zu planen, welche Ergebnisse zum Vortragstermin in welcher Form dargestellt werden könnten. „Wer im Flugzeug sitzend noch überlegt, in welcher Reihenfolge er seine Präsentationsfolien zeigen will, hat wahrscheinlich doch bei der Zeitplanung etwas falsch gemacht“, sagt Ammer mit einem Schmunzeln.

Die zu Recht gefürchteten Zitatspezialisten

Den Vortrag rechtzeitig vor dem Kongress fertig zu stellen, sollte ein selbstverständlicher Bestandteil der Planung sein. Zusätzlich sollte die Vorbereitung aber auch ein Test­referat vor privatem Publikum und eventuell eine Fragenrunde mit Kollegen umfassen. „Gemeinsam mit meinem Co-Autor Doz. Dr. Rafic Kuzbari empfehle ich Vortragenden, die zu kontroversiellen Themen referieren, sich auch in die Position derjenigen hineinzudenken, die anderer Meinung sind“, unterstreicht Ammer. „Sie sollten sich also darauf vorbereiten, welche kritischen Fragen auf Grundlage einer Contra-Position wohl gestellt werden und wie sie darauf antworten könnten.“
Gefürchtet seien auf wissenschaftlichen Kongressen auch die Zitatspezialisten, die den Vortragenden nach der exakten Quelle für eine ganz bestimmte Aussage fragen, so der Rhetorik-Experte. „Wer die Quelle nicht parat hat, sollte dies fairerweise zugeben und dem Fragensteller anbieten, die Information per E-Mail nachzuliefern“, empfiehlt Ammer. Freilich seien ihm auch schon Fälle untergekommen, wo Vortragende scheinbar souverän sofort Jahrgang, Nummer und Seitenzahl einer wissenschaftlichen Zeitschrift angegeben hätten. Wer dann wirklich dort nachgeschlagen habe, habe aber vielleicht nur die Werbung für den nächsten Kongress gefunden.

Begrenzte Redezeit

„Ein Spezifikum wissenschaftlicher Vorträge ist, dass die Zeitdauer und der Rahmen in aller Regel besonders klar definiert sind“, erklärt Ammer. Bei großen Fachkongressen mit Zehntausenden Teilnehmern und Tausenden Referenten sei die Länge von Präsentationen oft auf sieben Minuten begrenzt, sofern es sich nicht um Hauptvorträge handle. Wer in dieser kurzen Zeitspanne alle Kernaussagen zu seiner Forschungstätigkeit unterbringen wolle, müsse seinen Vortrag sehr genau vorbereiten und dem Kenntnisstand des Publikums anpassen: „Deshalb sollte durch Rückfrage beim Veranstalter genau in Erfahrung gebracht werden, wie sich die Zuhörerschaft zusammensetzt.“

Keine Fachtermini vor Laienpublikum

Wissenschaftliche Konferenzvorträge, die als Kurzvorträge in aller Regel drei bis 15 und als Hauptvorträge 20 bis 50 Minuten dauern, Seminarvorträge oder Vorlesungen für Studenten wenden sich an ein jeweils sehr unterschiedliches Publikum. Bei Laien sollte nicht nur möglichst weitgehend auf Fachtermini verzichtet, sondern auch speziell berücksichtigt werden, wie sich das Publikum zusammensetzt. „Menschen, die sich zum Beispiel ganz allgemein für Ernährung als Mittel zur Gesundheitsvorsorge interessieren, haben natürlich ganz andere Motive, sich den Vortrag eines Mediziners anzuhören als etwa Patienten“, weiß Ammer.
Bei Betroffenen und speziell bei Mitgliedern von Selbsthilfegruppen sei zu berücksichtigen, dass diese häufig bereits sehr gut über ihre Erkrankung informiert seien. Allerdings handle es sich nicht immer um fundiertes Wissen, sondern manchmal auch um Informationen, die ohne Überprüfung der Quellen aus dem Internet übernommen worden seien. Der Rhetorik-Experte betont jedoch, dass Mediziner auch bei inhaltlichen Kontroversen mit Laien gelassen bleiben müssten: „Auch bei offensiven Aussagen muss immer berücksichtigt werden, dass dahinter die Angst und die Leiden eines Betroffenen stehen können.“

Mag. Dietmar Schobel, Ärzte Woche 44/2007

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