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Praxis 11. Oktober 2007

Zu Anfang ein psychometrischer Test (Teil 1)

Das waren noch Zeiten, als man als Cand. med. zur „Patho“ antrat – an manchen Studienorten wegen der Prüfer mehr gefürchtet als an anderen – oder zur „Pharma“. Seit Einführung des neuen Curriculums im Jahr 2002 hat sich im Prüfungswesen – und nicht nur da – so ziemlich alles geändert.

Heute haben Medizinstudenten sechs SIP zu bestehen – „summative integrative Prüfungen“. Sie finden für alle Studenten desselben Semesters am selben Tag statt, sind schriftlich und müssen über sämtliche in diesem Jahr erarbeiteten Fachgebiete („Blöcke“) positiv abgeschlossen werden. „Es ging darum, das Prüfungssystem effizienter zu gestalten“, so der Vizerektor für Lehre an der Wiener Medizinischen Universität Prof. Dr. Rudolf Mallinger im Gespräch mit der Ärzte Woche. „Die Rigorosen waren nicht nur aufwändig, sondern auch intransparent.“ Kernziel der Reform der Medizincurricula war, eine höhere Praxisorientierung zu vermitteln, nicht nur Wissen zu lehren und abzufragen, sondern auch auf den klinischen Alltag vorzubereiten. Klar war allerdings, dass die Praxisvermittlung in Form von Massenveranstaltungen nicht funktionieren kann. Zwar wurde die Anzahl der angehenden Mediziner durch die anspruchsvollen integrativen Multiple-Choice-Prüfungen reduziert, trotzdem waren die Wartelisten lang. Durch das Urteil des Europäischen Gerichtshofs im Jahr 2005 musste auch deutschen Studierenden der Zugang zu den MedUnis ermöglicht werden. Der zusätzliche Andrang machte eine Vorauswahl notwendig.
So müssen seit zwei Jahren diejenigen, die Studenten werden wollen, erst mal durch die EMS. Das Kürzel steht für „Eignungstest für das Medizinstudium“: eine in der Schweiz entwickelte Aufnahms­prüfung, ein psychometrischer Test. Der besteht aus zehn Gruppen von Testaufgaben, etwa „Quantitative und formale Probleme“, „Schlauchfiguren“, „Konzentriertes und sorgfältiges Arbeiten“ oder „Muster zuordnen“. Für die Beantwortung der 198 Fragen (drei davon siehe unser Gewinnspiel) ist acht Stunden Zeit. Im Mittelpunkt steht die Lernfähigkeit, das Vermögen, neue Aufgaben zu lösen und sich in unbekannte Stoffe einzuarbeiten, zumal man, wie die Testentwickler betonen, im Studium besser zurecht komme, wenn man sehr effektiv arbeite und schnell genug in der Lage sei, Lösungen für bisher ungewohnte Problemstellungen zu entwickeln. Der Test, so hebt Vizerektor Mallinger hervor, „ist nicht dazu geeignet, die besten späteren Ärztinnen und Ärzte zu finden“. Es gäbe einfach kein Verfahren, mit dem verlässlich vorherzusagen sei, ob ein 18-Jähriger mal ein guter Arzt werde.
Abgesehen davon, dass es während des Studiums trotz Vorauswahl immer noch zu Wartezeiten kommt, ist noch ein anderes Problem aufgetaucht: Beim Eignungstest schnitten österreichische Frauen schlechter ab als die Männer; die deutschen Kandidaten erzielten die besten Ergebnisse. Und zwar sowohl in Wien und Innsbruck als auch in Graz, wo ein anderer Test verwendet wird. In Baden-Württemberg, wo dieselbe Art von Prüfung abgehalten wurde, und in der Schweiz gab es keine solchen Unterschiede. Zur Klärung dieses Phänomens hat das Ministerium das Institut für Psychologie der Uni Wien mit einer Studie beauftragt. Die Ergebnisse sind laut Doz. Dr. Barbara Schober Ende November zu erwarten. Herausgefunden soll werden, ob der Schultyp, den ein Kandidat besucht hat, oder gewisse Talente wie etwa der Hang zur Naturwissenschaft doch einen Einfluss auf das Abschneiden beim Test haben. „Wir werden mit dem Ergebnis unserer Studie jedenfalls auch Empfehlungen abgeben“, so Schober.

Elisabeth Tschachler-Roth, Ärzte Woche 41/2007

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