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Praxis 18. Oktober 2007

Das vernetzte Denken fördern (Teil 2)

Sechs große schriftliche Multiple-Choice-Prüfungen und ein paar kleine, alle mit vorbestimmtem Termin. Anwesenheitspflicht in den Kleingruppen und erwünschte Anwesenheit in den Vorlesungen: Viel hat sich geändert im Leben der Medizinstudenten.

Judith Böhm ist eine der ersten 110 jungen Menschen, die dieser Tage ihr Studium an der Medizinischen Universität Wien nach dem neuen Curriculum abschließen. Seit die Oberösterreicherin, die bis Juli 2006 auch ÖH-Vorsitzende war, im Wintersemester 2001 nach dem neuen Schema zu studieren begann, wurde freilich der Studienplan im Probelauf adaptiert. Jetzt gibt es in Wien – in Innsbruck ist es ähnlich, in Graz gilt ein anderes Curriculum – nach jedem Studienjahr eine SIP. Das Kürzel steht für summative integrative Prüfung, was bedeutet, dass nicht mehr Physiologie, Histologie oder Pathologie gelehrt wird, sondern „ein integrativer Ansatz zu bestimmten Organen und Funktionen“, erläutert Prof. Dr. Rudolf Mallinger, Vizerektor für Lehre an der Wiener ­MedUni. So wird etwa in einem Block, einer zeitlichen Einheit von drei bis sechs Wochen, der Themenbereich Herz-Kreislauf durchgenommen, mit allem, was dazu gehört: anatomisch, physiologisch, klinisch usw. „Das fördert das vernetzte Denken“, so Mallinger.
Allerdings sei das Studium derzeit noch „sehr SIP-lastig, diese Prüfungen stellen das entscheidende Ereignis dar“. Es gibt jedoch ständig Evaluierungen – sowohl der Lehrenden als auch der Lernenden –, und die eine oder andere Adjustierung wird notwendig sein und ist durchaus geplant: Soziale Kompetenz und der kommunikative Aspekt sollten laut Mallinger „in der Gewichtung noch stärker betont werden“.

Medizin ... und anderes

Wie notwendig das ist, betont auch Prof. Dr. Kaspar Sertl, Leiter der Medizinischen Abteilung im Sozialmedizinischen Zentrum Floridsdorf. „Ich habe während des Studiums auch Medizin gelernt“, so Sertl scherzhaft. „Daneben habe ich mich aber noch für viele andere Dinge interessiert, von Klavierstudium über Theater bis Schifahren, Diskutieren und politisch Aktivsein. Das ist kein Zeitvertrödeln. Der Arztberuf aus meiner Sicht ist vor allem ein sozialer Beruf.“ Tatsächlich sind die neuen Studenten „zeitmäßig ziemlich angebunden“ (Böhm). Während nach dem alten Studienplan zwischen den Prüfungen und Praktika zuweilen große Pausen entstanden, in denen die Studenten sich an ihr Privatleben erinnern konnten, ist der Zeitrahmen im neuen Curriculum recht knapp. „Für Berufstätige und Mütter ist das sicher ein Problem“, so Böhm. „Aber man kann sich nicht verzetteln und der Kontakt zu den Kollegen wird dadurch intensiver.“ Ein weiterer, oft gelobter Vorteil von „Medizinstudium neu“: die Praxisbezogenheit. Sie beginnt schon im ersten Semester mit der sogenannten Berufsfelderkundung, in der die Studenten – erstmals im weißen Mantel – quasi als Gäste den Alltag in Praxis, Klinik oder Pflegeheim sehen. Je weiter das Studium voranschreitet, desto dichter wird auch die Praxis. Auch den Studenten selber ist der Gewinn bewusst: „Das ist es ja, was einen guten Arzt ausmacht“, meint Böhm, „die klinische Erfahrung.“

Elisabeth Tschachler-Roth, Ärzte Woche 42/2007

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