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Praxis 17. Jänner 2008

Guter Gutachter - schlechter Gutachter

In Gesprächen mit Sachverständigen, auch anderer Fachgebiete, und Juristen von Streitparteien ist unschwer der Eindruck zu gewinnen, dass die Anforderungen und Erwartungen an Gutachter, je nach Position der Beteiligten oder Betroffenen, höchst unterschiedlich sind. Im Ärztekreis gilt vor allem die gute Ausbildung und die große berufliche Erfahrung als oberstes Ziel für eine entsprechende Qualifikation. Rechtsanwälte und Richter, klagende Parteien und beklagte Ärzte nennen hingegen noch weitere Kriterien für einen „Gut“-Achter im wahrsten Sinne des Wortes.

Bei den von Gutachtern geforderten Eigenschaften und Fähigkeiten handelt es sich zunächst um eine verständliche Ausdrucks- und Formulierungsfähigkeit. Das Gericht erwartet vom Sachverständigen zu Recht, dass er in der Lage ist, auch komplizierte und komplexe Sachverhalte und Schlussfolgerungen, chronologisch und begründet, in einfachen und zusammenhängenden Sätzen, verständlich darzulegen und zu erklären. Da es sich bei Gericht in der Regel um medizinische Laien handelt, sind lateinische Fremdworte entweder wegzulassen oder zu übersetzen. Die Antworten sollten immer kurz und konkret sein und sich nur auf die Fragestellung beschränken.
Ausufernde Referate sind aus prozesstaktischen Gründen abzulehnen. Sie führen nicht nur dazu, dass Streitverhandlungen länger dauern, dass Langeweile aufkommt, Richter unruhig werden, Rechtsanwälte die Geduld verlieren oder Stoff zum Einhaken gewinnen, sondern unter Umständen auch dazu, dass man sich im Redeschwall selbst widerspricht. Eine fatale Situation, die es auf jeden Fall durch Beherrschung und Zurückhaltung in den Aussagen zu vermeiden gilt.

Keine Emotionen

Ich meine, wer sein Wissen nur gefragt und dosiert weitergibt, ist eher in der Lage, für den eigenen Standpunkt Aufmerksamkeit und Interesse zu erlangen, als wenn man laut und mit voller Wucht eine Masse von Informationen verbreitet. Ruhig vorgebrachte Antworten und Argumente überzeugen eher als eine emotional geäußerte Meinung. Der Sachverständige sollte bei Gericht keine Emotionen zeigen, da ihm keine Parteienstellung zukommt und er sich weder in der einen noch in der anderen Richtung provozieren lassen darf. Andernfalls könnte rasch der Vorwurf der Befangenheit erhoben werden. Ruhe und Gelassenheit sind daher wesentliche Eigenschaften, die ein guter Sachverständiger haben sollte.
Bei Gericht geht es um Beweiswürdigung durch den Richter und es ist daher notwendig, sich stets der eigenen Verantwortung bewusst zu sein, dass alles, was der Sachverständige sagt, auch argumentierbar und beweisbar sein muss. Bei Gericht geht es nicht darum, jemanden zu überreden, sondern die Beteiligten zu überzeugen. Für die Präsentation von Sachverhalten ist es daher nützlich, sich als Sachverständiger mit Rhetorik zu beschäftigen und keine Redehemmung zu zeigen. Die Eloquenz und Rhetorik von Rechtsanwälten ist oft beispielhaft und verhilft ihren Argumenten, die gewünschte Bedeutung und Wirkung zu erreichen. Antworten von unerfahrenen Sachverständigen, die Fragen offen lassen oder weitere aufwerfen, unsicheres oder nicht überzeugendes Auftreten fordern Rechtsanwälte nicht selten heraus, eine Frage oder Kommunikationsstrategie gegen den Sachverständigen mit dem Ziel zu entwickeln, ihn als inkompetent oder gar unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Dies gelingt, wenn es durch die Art der Fragestellung von Seiten der Rechtsanwälte zu Widersprüchen, unstimmigen (unlogischen) oder sogar falschen Antworten kommt. Hier ist wichtig zu wissen, dass es bei Gericht üblich ist, Tonbandaufzeichnungen (Protokolle) zu führen und es daher schwer ist, Gesagtes zu widerrufen.
Es muss nicht erst erwähnt werden, dass vor einer Streitverhandlung eine gründliche Vorbereitung erforderlich ist. Zu diesem Zweck erhält man vor der angesetzten Verhandlung den Akt vom Gericht zum Studium geschickt. Wichtig dabei ist, sich insbesondere die Klageschrift, die Klagebeantwortung und das eigene Gutachten, sollte es bereits vor geraumer Zeit erstellt worden sein, genau durchzulesen. Dazu kommen noch allenfalls neue Befunde, Röntgenbilder oder sonstige Beweismittel, die dem Akt beiliegen. Es wird bei Gericht als peinlich und Zeichen von Interesselosigkeit empfunden, wenn der Sachverständige Lücken in der Kenntnis des Aktes zeigt oder sogar seinem eigenen Gutachten widerspricht.

Vor der Verhandlung ein Detailgespräch

Vor der Verhandlung ist es nicht unüblich, dass Richter und Sachverständige ein kurzes Orientierungsgespräch führen. Dabei wird der Sachverständige über das weitere prozessuale Procedere kurz informiert und der Richter hat die Gelegenheit, nicht schriftlich festgehaltene Details, das Gutachten betreffend, zu erfahren oder vielleicht nicht eindeutige Formulierungen im Gutachten präzisieren zu lassen.
Besonders betonen möchte ich, dass auch die medizinisch-fachliche Vorbereitung, bezogen auf Fragestellungen im konkreten Fall, wichtig ist. Dies deshalb, da immer mehr Rechtsanwälte sich ebenfalls, was medizinische Sachfragen angeht, gut vorbereiten. Von der Internetrecherche über medizinisches Literaturstudium (aus geliehenen Büchern und Fachzeitschriften) bis zur persönlichen Einholung von Informationen von Fachkollegen reicht das Spektrum der kurzfristigen Wissensakquisition. Der Zweck ist evident. Forensisch unerfahrene Sachverständige können dadurch verunsichert werden oder durch Vorhalt von mangelndem Literaturwissen wird versucht, Inkompetenz nachzuweisen und damit den (unbequemen) Sachverständigen durch Abberufung los zu werden. Sich darauf einzustellen empfiehlt sich, denn nichts ist peinlicher als der Anschein, dass der Rechtsanwalt mehr medizinische Literatur zitieren kann als der medizinische Sachverständige.
Das Studium der neuesten Literatur ist daher immer anzuraten, wie folgendes Beispiel zeigt: Ein Rechtsanwalt versuchte anhand ausgeborgter medizinischer Literatur, diese Strategie bei mir anzuwenden. Dabei hat sich herausgestellt, dass er zwar richtig zitiert hatte, aber die Literaturstelle aus einem veralteten, aber äußerlich noch gut erhaltenen Buch stammte. Es war daher nicht schwer, durch Entgegenhalten eines aktuellen Zitates die eigene Überzeugungskraft zu steigern. Zitaten sollte, wenn sie (z. B. weil veraltet) nicht mehr zutreffend sind, mit aktuellen Zitaten begegnet werden. Die Vorgangsweise, nur die eigene Meinung gegenüberzustellen, kann zu wenig sein.
Gerichte fordern nämlich von Sachverständigen nicht nur, deren Meinung zu hören, sondern vielfach auch eine Untermauerung des Gesagten durch Literaturzitate oder die Lehrmeinung einer Universität (vorzugsweise in Österreich oder der EU). Dies stellt kein Misstrauen gegenüber dem Sachverständigen dar, sondern erhöht seine Beweiskraft.

Fragen nach Komplikationen

In Arzthaftungsverfahren besteht der Trend, an den Sachverständigen immer mehr Fragen, bezogen auf den Einzelfall, zu stellen. Dabei fällt auf, dass sich die Fragen hauptsächlich auf Komplikationsmöglichkeiten und die Risikodichte angewandter Behandlungsmethoden beziehen, mit dem Ziel, einen Aufklärungsmangel hinsichtlich einer oder mehrer Behandlungsmethoden immanenten Komplikationen festzustellen oder vorzuwerfen. Viele Fragen bedeuten eine Herausforderung an den Wissensstand des Sachverständigen, der wir uns stellen müssen.

Der Beitrag erschien im Original in Stomatologie 8/2007, Springer Wien.

Prim. Prof. MR, DDr. H. Porteder, Ärzte Woche 3/2008

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