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Praxis 17. Jänner 2008

Traumata können besser therapiert werden

Bei der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt letzten Herbst war Sicherheit nur ein Randthema. Im täglichen Umgang mit einer Tonne auf vier Rädern ist die Frage aber spätestens beim ersten Unfall von vitalem Interesse.

Gurt, Airbag, ABS, ESP, ASR, elektronische Brems- und Spurassistenten, Licht am Tag: Die Maßnahmen rund um die Sicherheit beim Autofahren scheinen enorm. Und das ist wohl auch notwendig: Immerhin sterben jedes Jahr allein in Österreich mehrere hundert Menschen im Straßenverkehr, und einige 10.000 werden verletzt. Die Statistik für 2006 gibt 730 Tote an. Das sind immerhin um fast fünf Prozent weniger Tote als im Jahr davor und der niedrigste Wert seit 2000. Damit liegt die Zahl der Verkehrstoten aber immer noch zirka im Bereich der Todesfälle an Dickdarm- oder Pankreaskarzinomen.
Die Zahl der in Österreich bei Verkehrsunfällen Verletzten sank von 2003 bis 2006 von 56.881 auf 51.930, also um 2,4 Prozent. Dass die meisten der Verkehrstoten auf Freilandstraßen starben, die meisten Verletzten aber bei Unfällen im Ortsgebiet zu finden sind, weist schon darauf hin, dass die physikalischen Gesetze weiterhin gelten: Impuls ist Geschwindigkeit mal Masse. Mit anderen Worten: Je schneller das Auto unterwegs ist, desto eher gibt es Tote.
Die neuen Sicherheitstechniken bringen anscheinend einen Nachteil mit sich. Dazu Prof. Dr. Harald Hertz, ärztlicher Leiter des Lorenz-Böhler-Unfallkrankenhauses in Wien und Vizepräsident des ÖAMTC: „Airbag, ESP, ABS, und wie sie alle heißen, können durchaus dazu verleiten, sich riskanter zu verhalten.“

Weniger Polytraumata in Stadt und Land

Dennoch spüren die Traumatologen die Auswirkungen der neuen Techniken. Hertz: „Die Polytraumata sind bei Unfällen im städtischen Bereich stark zurückgegangen.“ Die schweren Gesichtsverletzungen mit komplizierten Frakturen in diesem Bereich wurden schon mit der Einführung des Sicherheitsgurtes deutlich seltener.
Entsprechend dem oben erwähnten physikalischen Gesetz kann Dr. Walter Buchinger, Leiter der Abteilung für Unfallchirurgie im Waldviertelklinikum Horn, diese Beobachtung in seinem Bereich nicht bestätigen. „Auch bei uns ist zwar die Zahl der Polytraumata insgesamt rückläufig, aber da wirken sich vor allem Verbesserungen bei landwirtschaftlichen Geräten aus.“ Beide Experten sehen die Entwicklung bei den Motorradunfällen mit Sorge. Waren es früher vorwiegend junge Burschen, die sich mit zig PS auf zwei Rädern in Gefahr brachten, so sind es in den letzten Jahren zunehmend auch Menschen jenseits der 30, die sich den Fahrtwind um den Helm blasen lassen. Das Problem dabei erklärt Buchinger in einem Satz: „Der Motorradfahrer ist seine eigene Knautschzone.“ Da reichen auch schon Geschwindigkeiten von 30 oder 50 km/h für schwere Verletzungen – trotz ABS und Airbag auch in den Zweirädern.

Der Schockraum im Straßengraben

Sehr viel getan hat sich in der Erstversorgung der Unfallopfer. Da sind zunächst einmal die Notfallteams in allen Spitälern zu nennen, die schnell vor Ort sind und mit höchster Kompetenz arbeiten. Gemeinsam mit neuen Techniken und Geräten erledigen sie vor Ort schon vieles von dem, was früher erst im Spital geschah. „Der Schockraum ist heute schon im Straßengraben“, erklärt Buchinger. „Vor 20 Jahren waren wir erstaunt, wenn einer bereits intubiert zu uns kam. Heute sind fast alle intubiert.“ Er erinnert sich auch an die Zeiten, als dem traumatisierten Patienten keine Schmerzmittel gegeben werden durften, da das Schmerzgeschehen ein wichtiges diagnostisches Mittel war. Seit in fast jedem Akutkrankenhaus ein entsprechendes CT steht, ist das – zum Wohle der Patienten – obsolet. Eine weitere enorme Beschleunigung des Geschehens brachten die Notfallhubschrauber. Mit ihrer Hilfe können Schwerstverletzte in Minuten über Strecken transportiert werden, für die früher Stunden gebraucht wurden. Auch das gilt ganz besonders für Unfälle in unzugänglichen Gegenden. Buchinger über einen konkreten Fall: „Da war ein Unfall eines jugendlichen Mopedlenkers mit einem Traktor. Der Bursche war schwer verletzt, der Bauer hatte kein Handy dabei. Es dauerte eine halbe Stunde, bis der Unfall gemeldet wurde, dann aber nur zehn Minuten, bis der Hubschrauber vor Ort und fünf weitere, bis er bei uns gelandet war.“

Rundum-Diagnose in fünf Minuten

Ist der Patient auf der Unfallchirurgie, sorgen moderne CTs für eine sehr rasche und gründliche Diagnostik der Unfallpatienten. Hertz: „In fünf Minuten ist der Patient von Kopf bis Fuß durchgecheckt, und wir haben ein umfassendes Bild aller seiner Verletzungen. Die neuesten Modelle schaffen das sogar in nur zwei Minuten.“
Ein anderes, offenes Modell ermöglicht Bewegungsstudien, etwa bei Verletzungen des Kniegelenks. Auch bei der Behandlung von Frakturen sind die Methoden besser geworden. Hier heben die Experten vor allem neue Platten hervor, die in tunnelierte Gliedmaßen eingeführt werden können. Statt einer großen Narbe braucht es also nur noch zwei kleinere.

Licht am Tag: Von manchem Unfallchirurgen befürwortet

Was Hertz in der technischen Entwicklung der Autohersteller noch fehlt, ist der verbesserte Fußgängerschutz. Angedacht sind hier andere Materialien und nicht zuletzt der „Fußgängerairbag“ in der Motorhaube.
Und wie stehen die beiden Experten zu „Licht am Tag“? Hertz hält sich zurück: „Ich wünschte nur, man würde mit Gesetzen nicht so leichtfertig umgehen.“ Buchinger spricht sich dagegen klar für „Licht am Tag“ aus: „Ich fahre täglich von Wien nach Horn und zurück. Für mich sind die Vorteile augenscheinlich.“

Livia Rohrmoser, Ärzte Woche 3/2008

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