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Praxis 18. Oktober 2007

Basel II wird langsam ernst

Entsprechend des so genannten Basel-II-Abkommens müssen Bankinstitute jeden Firmenkredit entsprechend der Bonität des Kunden mit Eigenkapital hinterlegen. Was seit 2005 theoretisch gilt, wurde bis dato eher zögerlich vollzogen. Seit einigen Monaten hat die Praxis jedoch die Theorie eingeholt.

Im Rahmen des Praxis & Wirtschaft Gründungsseminars in Graz in Kooperation von Ärzte Woche und Basler Ärztedienst wurde die Problematik, die die Realisierung des Basel-II-Abkommens aufwirft, ausführlich erläutert. Dagmar Triller, Financial Manager des Basler Ärztedienstes und Referentin des Themas „maßgeschneiderte Finanzierung“ konnte von ihren Erfahrungen im Finanzierungsbereich bei Ärzten berichten: „Basel II im Ärztebereich beginnt erst jetzt zu greifen. Die Banken haben dieses Regulativ zuerst auf Industrie und Großunternehmen angewendet, zwischenzeitlich sind alle Branchen von Basel II erschlossen.“

Manche Banken schauen die Unterlagen gar nicht an

Diese aktuelle Entwicklung macht nun speziell Neugründern zu schaffen. Diese müssen der Bank umso eindrücklicher beweisen, dass sie sich sehr wohl Gedanken über die wirtschaftliche Situation ihres Unternehmens machen. „Man kann jedoch mit den richtigen Ansätzen auch als Arzt noch sehr gute Bankkonditionen bekommen“, weiß Triller. „Einige Banken sehen sich allerdings die Unterlagen gar nicht an und stellen als Erstes die Frage, ob 30 Prozent Eigenmittel vorhanden sind. Das ist allerdings für jeden Neustarter eine Illusion.“
Triller glaubt nicht, dass ein Arzt einen ganzen Beraterstab braucht, der sich um die finanziellen Belange seiner Ordination kümmert. Es reicht ein Berater, der muss allerdings sorgfältig ausgewählt werden. „Wenn eine Operation ansteht, geht man zu einem Arzt, der diese Operationsart regelmäßig durchführt, und nicht zu einem, der so eine Operation noch nie gemacht hat. Ähnliches gilt für den Umgang mit Beratern im Wirtschaftsbereich.“ Aber auch schon vor Basel II waren Kreditentscheidungen nicht ganz einfach. „Ohne professionelle Hilfe ist der Durchblick durch den Dschungel aus Sicherheiten und Gebühren nicht mehr möglich.“

Was ist ein „heller Moment“?

Dir. Wilhelm Zieger vom Basler Ärztedienst berichtete auf dem Seminar unter anderem über die rechtlichen Auswirkungen zweier scheinbar unbedeutender Gesetzesänderungen. Seit 1. Juni 2006 besteht das Patientenverfügungsgesetz, seit Jahreswechsel ein neues Sachwaltergesetz. „Die Ärzte unterliegen in beiden Angelegenheiten einer zusätzlichen Möglichkeit, sowohl strafrechtlich als auch zivilrechtlich haftbar gemacht zu werden“, so Zieger. Er erläuterte: „Nachdem 50.000 Personen in Österreich unter Sachwalterschaft stehen, ist die Auswirkung weitreichend. Bisher war es vergleichsweise einfach. Der Sachwalter hat entschieden, ob eine Behandlung durchgeführt wird. Zwischenzeitlich geht das bei schwierigen Fällen nur noch unter Einbeziehung von Gutachtern. Denn ein unter Sachwalterschaft stehender Patient hat in ,hellen Momenten‘ auch Mitspracherecht haben. Die Problematik liegt im Beweis von ,hellen Momenten‘. Das impliziert ein enormes Haftungsrisiko des behandelten Arztes, sogar wenn die Behandlung selbst in Ordnung war. Wieder einmal ist es den verantwortlichen Politikern gelungen, ein Gesetz mit einer Erschwerung für alle Beteiligten zu verabschieden, obwohl eine Vereinfachung geplant gewesen war.“
Dr. Martin Millauer, Referent für Praxiswirtschaft der Ärztekammer für Steiermark, berichtete über die Entwicklung der Ärztezahlen: „In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Wahlärztezahl stark vergrößert, während kaum Kassenärzte in die Niederlassung gegangen sind. In den kommenden Jahren wird sich das Bild jedoch wandeln. Wir wissen, dass alleine in den nächsten fünf Jahren bei mehr als 200 bestehenden Kassenordinationen ein Generationswechsel ansteht, in den kommenden zehn Jahren werden fast 500 Kassenstellen zur Übergabe kommen.“ Aus seiner Sicht wird es daher zu einem Niederlassungsboom kommen. Und das gerade zu einer Zeit, in welcher sichere Finanzierungen immer teurer werden.

Auch Ärzte mit guter Bonität scheitern an der Finanzierung

Bereits heute wird in mancher bestehenden Ordination das derzeitige Zinsniveau zum Problem. Millauer berichtete auch von seinen Erfahrungen, die er bei Finanzierungsangelegenheiten von Ärzten gemacht hat: „Es kommt immer wieder vor, dass Ärzte mit guter Bonität an der Finanzierung scheitern, während vergleichsweise ‚schlechte‘ Ärzte leicht zu Krediten kommen.“
Die etwa 25 Teilnehmer konnten jedenfalls sehr von der Erfahrung der anwesenden Spezialisten profitieren. Die Stimmung war trotz aller derzeit bestehenden standespolitischen Probleme sehr gut, der überwiegende Teil der Seminarteilnehmer hat auch schon konkrete Niederlassungsgedanken. Als Vorteil erwies sich wieder einmal die optimale Gruppengröße, die lebhafte Diskussion und Erfahrungsaustausch zuließ. Die wie üblich eingeforderten Bewertungsbögen bestätigten uns einmal mehr, den richtigen Weg in Sachen Praxisgründungsseminare zu gehen.

Michael Dihlmann, Ärzte Woche 42/2007

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