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Praxis 17. Jänner 2008

Edel gefertigt

Modern, zukunftsorientiert, aufsehenerregend: So präsentieren sich die Autohersteller mit ihren eigenen Bauten. Früher verkauften sie Autos, heute verkaufen sie auch ein bestimmtes Lebensgefühl.

Der Boden ist ausgelegt mit feinem Parkett, und von der Decke strahlt taghelles Licht. Ringsum ist Glas, das freie Sicht bietet sowohl von innen nach außen wie auch umgekehrt. Damit keine Vögel gegen die Scheiben prallen, wird die Außenfassade ständig mit speziellen, für den Menschen nicht hörbaren Tönen beschallt, die die Tiere fernhalten. Alle, die hier arbeiten, tragen weiße Kleidung. Ein Forschungslabor? Ein modernes Bürogebäude? Nein, hier werden Autos gefertigt, genauer gesagt: der VW Phaeton. Es ist das VW-Werk in Dresden, Deutschland, die „Gläserne Manufaktur“.
Der Phaeton ist die Luxusmarke des VW-Unternehmens. Bei ihm muss man nicht, wie bei anderen Autos, den Kofferraumdeckel zuschlagen, sondern es genügt, ihn leicht anzutippen, und schon fährt er von selbst in einer langsamen, gleichmäßigen Bewegung zurück ins Schloss. Die Extraklasse dieses Autos zeigt sich bereits in solchen Kleinigkeiten. So edel wie das Auto ist auch der Fertigungsprozess. Keine Spur von Dreck, Öl, Lärm oder schweißtreibender Arbeit. Dieses Autowerk unweit der barocken Innenstadt ist zugleich Erlebniswelt, und der Besucher kann gegen Eintritt zuschauen, wie in den Hallen gearbeitet wird. Die Fahrzeuge werden entlang einer Hängebahn von einer Montageeinheit zur nächsten befördert, ja, der Beobachter meint sie geradewegs durch die Hallen schweben zu sehen.
Der gesamte Ablauf folgt nicht nur dem Kriterium der Effizienz, sondern auch dem des Effekts. Als besonderes Ereignis ist jener Moment inszeniert, wenn Chassis und Karosserie zusammenkommen. Das Chassis wird mit dem Lift von ganz unten nach ganz oben befördert, und am höchsten Punkt kommt es zur „Hochzeit“, wie die Vereinigung hier tatsächlich offiziell genannt wird. Kunden werden eingeladen, diesen einmaligen Augenblick ihres späteren Autos mitzuerleben.
Überhaupt der Kunde: In diesem Luxussegment des Volkswagen-Unternehmens darf er sich wahrlich noch wie ein König fühlen. Der Kaufabschluss findet in einer eigens zu diesem Zweck fein eingerichteten Lounge statt, und die Schlüsselübergabe gleicht einem feierlichen Akt, als ginge es nicht einfach um ein neues Transportmittel, sondern um einen entscheidenden Wendepunkt im Leben des Kunden.
In die „Gläserne Manufaktur“ kommen auch Besucher, die sich nie einen Phaeton werden leisten können. Aber ein bisschen träumen wird man ja noch dürfen. Hier haben sie die Möglichkeit, in so einem Luxusgefährt Probe zu sitzen.
Wer meint, Höchstgeschwindigkeit und Fahrgestell könne der Mensch nur fahrend erfahren, der denkt zu simpel: Die eifrigen Probe­sitzer reißen die Fahrertür lässig auf, lassen sich hineinfallen, drehen verzückt am Lenkrad, lehnen sich genießerisch zurück, studieren Sicht und Cockpit. Zuweilen kneifen sie die Augen zu wie in Tempo-Trance, schnalzen mit der Zunge und pfeifen leise durch die Zähne. Kein Zweifel: Autos erregen ihre Bewunderer auch, wenn sie stehen, die Höchstgeschwindigkeit muss man nicht unbedingt ausprobieren, es genügt, in sie eingeweiht zu sein. Männer mit grauen Schläfen bekommen leuchtende Augen.

Schöner Schein

Lichtdurchflutete Hallen, glänzende Autos, freundliche Menschen, futuristisches Ambiente: Diese Umstände machen die Schattenseiten des Autos vergessen, mit denen gerade Ärzte und insbesondere Unfallchirurgen konfrontiert werden: Es tötet unzählige Menschen jedes Jahr oder macht sie zu Krüppeln. Es verursacht Krach und Gestank. Es verstopft unsere Städte und zerstört mit dem Straßenbau ganze Landschaften.
Die unheilvolle Seite des Autos bestreitet heute kaum noch jemand, und doch ist es, allgemeine Schizophrenie, nach wie vor des Bürgers liebstes Kind. Die Autofirmen sind dabei, diese emotionale Bindung weiter zu festigen. Die „Gläserne Manufaktur“ wurde gewiss von VW vor allem aus dem Grund gebaut, um sich als modernes, zukunftsorientiertes Unternehmen zu profilieren. Die Philosophie auf der Website: „Nur wer neue Wege geht, kann auch neue Werte schaffen.“

Mercedes Benz zieht nach

Diese neuen Wege beschreiten inzwischen auch andere Autohersteller. Die „Gläserne Manufaktur“ wurde 2002 eröffnet, 2006 zog Mercedes Benz nach und setzte sich in Stuttgart mit einem neuen Mercedes-Benz-Museum ein Denkmal. Ein weiterer moderner Tempel der Mobilität, der ebenso durch eine betont avancierte Formensprache auffällt. Die Außenhülle glänzt silbern, im Inneren ist das Gebäude der DNA-Spirale mit ihrer Doppelhelix nachempfunden, die das menschliche Erbgut trägt. Der Bau des Menschen ist ein Wunderwerk, der Bau von Autos auch, das soll die Architektur wohl suggerieren. Die betont extravagante Form verheißt neue, unkonventionelle Konzepte auch in der Fahrzeugherstellung. Wer sich ein Museum errichtet, bescheinigt sich selbst historische Wichtigkeit und Größe. Ist diese Institution doch per se ein Ort der Bewahrung bedeutender Kulturgüter.

Nicht zu sehr auftrumpfen

Ein Autokonzern feiert sich selbst: Natürlich sind die legen­dären Silberpfeile ausgestellt, auch die ersten Autos aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert, die Highlights gewissermaßen der Firmengeschichte. Nicht den Fehler machen und zu sehr auftrumpfen, das haben sich die Museumsverantwortlichen offensichtlich gesagt. Sie stellen auch Busse und andere Nutzfahrzeuge aus – auf einer unspektakulären und quasi nüchternen Ebene verweisen sie auf die nützlichen Seiten des Automobils. Unsere Mobilität, sagen sie, verdanken wir dem Auto.
Der Besucher begibt sich in dieser Schau auf eine Art Zeitreise. Mit dem Aufzug fährt er in den obersten Stock. Dort empfängt ihn das Geräusch von Pferdegetrappel: eine Reminiszenz an die autolose Ära, an ein historisch abgeschlossenes Kapitel. Sich von einer Ebene zur nächsten immer weiter nach unten begebend, erfährt der Besucher die chronologische Entwicklung des Autos. Von den ersten Automobilen, die noch sehr an Kutschen erinnerten, über die monströsen Karossen mit überlanger Motorhaube, geschwungenen Kotflügeln, Trittbrettern und frei stehenden Scheinwerfern bis hin zu der für die heutige Zeit noch typischen Keil-Silhouette.

Und BMW ist auch dabei

Früher war es für die Autofirmen wichtig, in Tests zu bestehen und die Konkurrenz in punkto PS-Stärke oder Höchstgeschwindigkeit hinter sich zu lassen. Heute genügt ihnen das offensichtlich nicht mehr. Sie arbeiten an ihrem Image. Tatsächlich zeigt sich hier ein Phänomen, welches die bunte Warenwelt durchzieht: der emotionale Mehrwert von Marken. Produkte werden nicht mehr aufgrund guter Qualität ver- und gekauft: Produkte sollen Emotionen wecken. Hersteller wollen ihre Marken zu etwas Besonderem, zu einem Mythos machen. Dazu errichten sie sich diese Bauten, die im Stadtbild markante Zeichen setzen und so etwas wie Modernität und Zuversicht symbolisieren. Habt keine Angst um die Zukunft, scheinen sie zu sagen, wir werden die richtigen Lösungen schon finden. Der nächste aufregende Bau, sogar mit einer Art Himmelszelt, wurde vor Kurzem fertiggestellt: die „BMW-Welt“ in München, Generalplaner: das Wiener Büro Coop Himmel(b)lau. Zielsetzung laut Website: „Sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen soll man BMW.“ Vorbei die Zeiten, da ein Auto einfach nur gefahren wurde.

Infos: www.glaesernemanufaktur.de
www.automuseum-stuttgart.de
www.bmw-welt.com

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 3/2008

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