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Mangelnder Datenschutz ist nach wie vor die größte Sorge der Bevölkerung, sollte die elektronische Gesundheitsakte nun tatsächlich eingeführt werden.
 
Praxis 6. November 2008

Integrierte Gesundheitsversorgung

Eine Befragung in Tirol zum Thema ELGA zeigte zum einen ein grundsätzliches Interesse der Bevölkerung an der Einführung dieser Technologie. Zum anderen besteht aber noch ein erheblicher Informations- und Aufklärungsbedarf.

Eine vom Institut für Informationssysteme des Gesundheitswesens der UMIT durchgeführte Studie beschäftigt sich mit dem Interesse und der Akzeptanz der elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) in der Tiroler Bevölkerung. Die Bürger wurden über ihren Umgang mit medizinischen Dokumenten und über die Bekanntheit des ELGA-Konzeptes begragt.

 

Die Entwicklung neuer diagnostischer Verfahren, die zunehmende Technologisierung oder aber auch die generelle Zunahme an benötigtem Wissen im medizinischen Alltag führen zu einer stärkeren Spezialisierung der medizinischen Berufsgruppen. Eine optimale Versorgung der Patienten kann aber nur dann sichergestellt werden, wenn die verschiedenen Gruppen über umfassende, problemspezifische Informationen verfügen, die eine nahtlose Zusammenarbeit ermöglichen. Dies setzt Informationssysteme voraus, die in der Lage sind, alle verfügbaren und relevanten Informationen zeitgerecht und fallspezifisch bereitzustellen.

Die meisten Institutionen verfügen mittlerweile über Informationssysteme, die auf ihre individuellen Bedürfnisse abgestimmt sind. Es fehlt aber vielfach eine integrierte Sicht auf die Patienten. Eine systematische Verzahnung aller Beteiligten auf Ba-sis gemeinsamer, interinstitutional verfügbarer Daten bildet die Grundlage für eine integrierte Gesundheitsversorgung. Die Einführung einer lebenslangen, institutionenübergreifenden elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) in Österreich legt die technologische Basis für eine solche Versorgung. Wichtiges Ziel der ELGA ist beispielsweise, die zeit- und ortsunabhängige Verfügbarkeit von Informationen für die Behandelnden sicherzustellen. Eine mühsame telefonische Suche von Vorbefunden kann so vermieden oder die Sicherheit bei der Übermittlung von Befunden für die Behandelnden erhöht werden.

Eine überaus wichtige Rolle in einer integrierten Gesundheitsversorgung nehmen neben den medizinischen Berufsgruppen auch die mündigen Bürgerinnen und Bürger ein. Unabdingbare Voraussetzungen für eine erfolgreiche, aktive Integration der Bürger in ihre medizinische Versorgung sind deren Verständnis, Interesse, Akzeptanz und Vertrauen für/in eine solche Technologie.

Sicht der Bürger auf ELGA

Im Rahmen einer im Dezember 2007 vom Institut für Informationssysteme des Gesundheitswesens der UMIT (Universität für Medizinische Informatik und Technik, Hall in Tirol) durchgeführten Befragung wurden 203 Bürger (101 Frauen, 102 Männer) in Tirol zu deren derzeitigem Umgang mit medizinischen Dokumenten, der Bekanntheit des ELGA-Konzepts und dessen Inhalten sowie den im Rahmen einer ELGA wünschenswerten Funktionen befragt.

Zur Frage, ob von den Bürgern zu Hause medizinische Daten gesammelt werden, gaben 74 Prozent (n = 151) an, Daten zu sammeln. Dabei werden primär Bilder, Befunde, Rechnungen und Arztbriefe aufbewahrt. Als wichtigste Gründe konnten folgende ermittelt werden: Versicherungsangelegenheiten: 15 Prozent (n = 55), „da die Bilder sowie- so vom Arzt mitgegeben werden“: 12 Prozent (n = 45) und die Nachvollziehbarkeit der Behandlung und des Krankheitsverlaufs: 10 Prozent (n = 38) bzw. 11 Prozent (n = 42).

Auf die Frage nach der Bekanntheit des Begriffs der elektronischen Gesundheitsakte antworteten 31 Prozent (n = 62) mit „Ja“. Den größten Bekanntheitsgrad mit rund 36 Prozent hatte der Begriff bei den 18- bis 45-Jährigen. Bei näherem Nachfragen war allerdings nur rund die Hälfte derer, die mit „Ja“ geantwortet hatten, in der Lage, den Begriff tatsächlich richtig zu erklären. Am häufigsten wurde der Begriff „ELGA“ mit der e-Card in Verbindung gebracht (21 Prozent; n = 13).

Im Hinblick auf die Einführung einer elektronischen Gesundheits-akte fand sich eine breite Zustimmung unter den Bürgern. 59 Prozent (n = 120) sind für eine Einführung, 28 Prozent (n = 56) stimmen der Einführung zwar zu, aber nur unter bestimmten Bedingungen, und nur 12 Prozent (n = 25) lehnen eine Einführung generell ab.1 Betrachtet man die Bedingungen für eine Ablehnung oder bedingte Zustimmung, so nennen 85 Prozent (n = 68) den Datenschutz selbst oder eine Antwort, die dem Datenschutz zugeordnet werden kann.2 Zur Ermittlung von potenziellen ELGA-Funktionalitäten wurden den Bürgern Funktionen zur Beurteilung vorgestellt. Außerdem hatten die Befragten die Möglichkeit, eigene Funktionalitäten zu nennen. Folgende Zustimmung3 wurde unter anderem beobachtet: Elektronischer Impfpass: 90 Prozent (n = 56), Informationen zu Ärzten: 90 Prozent (n = 56), Terminverwaltung: 83 Prozent (n = 56), Medikamentenübersicht: 77 Prozent (n = 56), Befund- und Bilderansicht: 71 Prozent (n = 56), Terminvereinbarung: 69 Prozent (n = 56).

Implikationen der Ergebnisse

Die durch die Befragung erzielten Ergebnisse zeigen das große Interesse der Bevölkerung für eine elektronische Gesundheitsakte, zeigen auf der anderen Seite aber auch, dass ein erheblicher Informations- und Aufklärungsbedarf in der Bevölkerung besteht. Objektive und zielgruppenspezifische Informationen zur Funktionalität, den Inhal-ten und der Bedeutung einer ELGA sind notwendig. Dies erlangt besonders im Zusammenhang mit den von den Bürgern geäußerten Bedenken an Bedeutung. Der Datenschutz spielt dabei eine große Rolle. Ein ähnliches Resultat zeigen auch andere Untersuchungen zu diesem Thema wie etwa in den USA, England oder Dänemark.

 

1Der Begriff der ELGA wurde den Bürgern zuvor erläutert.

2Es ist anzumerken, dass den Befragten bei dieser Frage keine Antwortmöglichkeiten vorgegeben wurden. Die Antworten stammen also von den Befragten selbst.

3Die Zustimmung ergibt sich aus der Aggregation der Antworten „Ausgezeichnete Idee“ und „Gute Idee“. Die Skala hat weiters „Nicht so gute Idee“, „Auf gar keinen Fall“ und „Keine Angabe“ umfasst.

 

MMag. Alexander Hörbst ist am Institut für Informationssysteme des Gesundheitswesens UMIT – Private Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik tätig.

Foto: pixelio / Christian Seidel

Mangelnder Datenschutz ist nach wie vor die größte Sorge der Bevölkerung, sollte die elektronische Gesundheitsakte nun tatsächlich eingeführt werden.

Von MMag. Alexander Hörbst, Ärzte Woche

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