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Dr. Christoph Reisner Präsident der NÖ Ärztekammer „ Das derzeitige Honorarsystem ist weder leistungs- noch anforderungsgerecht für Ärzte und Patienten.“
 
Praxis 6. November 2008

Schwindende Lust auf die Mühen des Arztberufs

Hohes Arbeitspensum und als ungerecht empfundene Entlohnung vermiesen den niederösterreichischen Medizinern die Zufriedenheit mit ihrer Tätigkeit.

Eine Studie über die Arbeitssituation niederösterreichischer Ärzte zeigt, dass im öffentlichen Gesundheitssystem Bedingungen für selbstverständlich genommen werden, die in keiner anderen Branche akzeptiert würden.

 

Im Juni und Juli wurden alle 6.600 Mitglieder der Ärztekammer für Niederösterreich mit Weblinks eingeladen, an einer Onlineumfrage teilzunehmen. Die Kammer wollte mehr über die Arbeits- und Lebensbedingungen der Mediziner in den verschieden Bereichen des Gesundheitswesens erfahren. Der besorgniserregende Anlass: Eine Telefonumfrage des Market-Instituts vom Mai des Jahres hatte ergeben, dass sich nur jeder dritte Turnusarzt vorstellen kann, später als Kassenarzt tätig zu werden.

Die Rücklaufquote betrug 8,4 Prozent, „wobei sich auch viele beteiligt haben, die mit ihrer Arbeits- und Lebenssituation durchaus zufrieden sind“, betont der NÖ-Ärztekammerpräsident Dr. Christoph Reisner. Die Ergebnisse zeigen einen dringenden Handlungsbedarf auf: 63 Prozent der angestellten Ärzte Niederösterreichs arbeiten demnach mehr als 72 Stunden pro Woche, 40 Prozent machen sechs Nachtdienste, 15 Prozent sogar sieben Dienste pro Monat. Die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit der Spitalsärzte liegt bei etwa 60 Stunden – ein Fünftel liegt teils deutlich über diesen Schnitt.

Für Dr. Ronald Gallob, Kurienobmann der angestellten Ärzte Niederösterreichs, ist es ein Skandal, dass 72 Stunden als „normal“ angesehen werden und dass Überschreitungen der Arbeitszeit über das absolute Höchstmaß in einem derartigen Ausmaß Realität sind. Es sei kein Wunder, dass die Hälfte der befragten Spitalsärzte einen Wechsel ins Ausland oder einen nichtärztlichen Bereich als Arbeitsplatz ernsthaft in Betracht zieht, sollte sich in den nächsten Jahren nichts Wesentliches an den beruflichen Rahmenbedingungen ändern.

In der Umfrage empfinden angesichts dieser Bedingungen 78 Prozent der Spitalsärzte ihre Entlohnung im Vergleich zu anderen Gesundheitsberufen als „ungerecht“.

Gallob verweist dazu auch auf die in der Umfrage deutlich werdende erhebliche Unvereinbarkeit von Beruf und Familie. Reisner berichtet, dass es für einige Fächer wie etwa Kinderheilkunde, Anästhesie und Psychiatrie inzwischen sehr schwierig geworden sei, Kandidaten oder Kandidatinnen für Ausbildungsplätze zu finden.

Weitere wichtige Schritte wären etwa die Einführung fairer Entlohnungsmodelle auf Basis einer 40-Stunden-Woche, der Ausbau und die Finanzierung von Lehrpraxen sowie eine rechtliche und finanzielle Aufwertung der Turnusärzte.

Niedergelassene: unzufrieden mit Arbeitssituation

Ein Drittel der Kassenärzte ist „weniger“, ein Fünftel „gar nicht“ mit der Arbeitssituation zufrieden. 78 Prozent behandeln im Schnitt mehr als 50 Patienten pro Tag. Die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit liegt bei etwa 50 Stunden, 25 Prozent arbeiten mehr – bei den Wahlärzten sind es etwas mehr als 22 Stunden. „Wobei bei beiden Gruppen administrative Aufgaben wie die Buchhaltung noch dazu kommen, das sind noch einmal etwa 10 Wochenstunden sowie die Zeit für die Fortbildung – es entstehen also durchaus ähnlich bedenkliche Arbeitszeiten wie in den Spitälern“, analysiert Reisner.

Auch 78 Prozent der Kassenärzte haben neben der Arbeit zu wenig oder keine Zeit für Persönliches außer für die Familie. Ebenso wie bei den Spitalsärzten berichten 95 Prozent der Befragten über eine (zunehmend) häufige Konfliktbelastung durch den Beruf, die Gefahr von Burn out nehmen die Niedergelassenen häufiger wahr. 35 Prozent der Kassenärzte sind mit ihrer Lebenssituation „insgesamt weniger zufrieden“ (Spitalsärzte: 41 Prozent, Wahlärzte: 14 Prozent). Fast ein Drittel der Wahlärzte ist mit ihrer Lebenssituation „sehr zufrieden“ – dies hänge wohl auch stark mit einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Freizeit zusammen.

„Das derzeitige Honorarsystem ist weder leistungs- noch anforderungsgerecht für Patienten und Ärzten“, betont Reisner. Laut der Umfrage halten 90 Prozent die Kassentarife insgesamt für zu niedrig. Es sei allerhöchste Zeit, den gesamten Honorarkatalog durchzuforsten und die Honorare der Ärzte nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen zu gestalten. So gäbe es viele unterbezahlte Positionen sowie solche, die zusammengezogen werden könnten. Auch Limitierungen müssten neu überdacht werden – besonders gelte dies für Wahlärzte, für die Reisner eine „echte 80 Prozent-Regel bei der Refundierung“ einfordert.

Eine weitere sehr wichtige Maßnahme sei der rasche Abbau von Bürokratie in den Ordinationen sowie die „Entschlackung der Systemverwaltung“, so Reisner. 80 Prozent der Kassenärzte sehen die weiter wachsende bürokratische Belastung als „größte Beeinträchtigung“ in ihrer täglichen Arbeit.

Die Umfrage zeige deutlich, dass „im öffentlichen Gesundheitswesen Arbeitsbedingungen herrschen, die in keiner anderen Branche akzeptiert würden“, so Reisner. Es sei ein rasches Handeln nötig, um „die Arbeitsbereitschaft der Ärzte und damit die Sicherstellung des öffentlichen Gesundheitssystems nachhaltig gewährleisten zu können“.

Medikamente direkt beim Arzt Bei der niederösterreichischen Umfrage wurde auch die Einstellung zum Dispensierrecht abgefragt. Laut einer österreichweiten Befragung unter Patienten und Patientinnen im Frühjahr 2008 wünscht sich die Bevölkerung sogar in der Großstadt Wien zu einem hohen Anteil die Möglichkeit, Medikamente direkt beim Arzt zu erhalten. Die Ärzte würden diesem Wunsch gerne nachkommen: Mehr als 90 Prozent der Kassen- und Wahlärzte sind in Niederösterreich für ein Recht auf Medikamentenabgabe in der Ordination in „irgendeiner Form“. Etwa 60 Prozent halten ein uneingeschränktes Dispensierrecht für sinnvoll.
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Dr. Christoph Reisner Präsident der NÖ Ärztekammer „ Das derzeitige Honorarsystem ist weder leistungs- noch anforderungsgerecht für Ärzte und Patienten.“

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher , Ärzte Woche

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