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Praxis 28. März 2007

Wer schweigt, kann besser zuhören

Der italienische Romancier Alberto Moravia prägte die Phrase: Wo Informationen fehlen, wachsen die Gerüchte. Eine Feststellung, die desgleichen für die Kommunikation im Krankenhaus gilt. Im AKH Wien wurde das Thema diskutiert.

Krise des Gesundheitswesens, Patientensicherheit, Behandlungsfehler, das sind Schlagwörter, mit denen man täglich konfrontiert wird. Die Diskussion pendelt dabei meist zwischen den Aspekten Organisationsmangel versus persönliches Verschulden. Selten wird dabei der Aspekt der Kommunikation angesprochen. Zu dieser Thematik veranstaltete die Abteilung für Herz-Thorax-Gefäßchirurgische Anästhesie und Intensivmedizin (HTG) unter Leitung von Dr. Michael Hiesmayr an der Wiener Medizinischen Universität Wien im Jänner dieses Jahres ein Symposium. Unmittelbarer Anlass der Tagung war die Rezertifizierung der Abteilung HTG als Qualitätsmanagementsystem nach ÖNORM ISO 9001:2000, eine Auszeichnung, die der Abteilung erstmals 2003 verliehen wurde.

Intelligente Lügner

Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann, kürzlich ausgezeichneter „Wissenschaftler des Jahres 2006“, fungierte als Key-Note Speaker und hielt dabei ein Referat zum Thema „Sprache und Lüge“. Ist die Fähigkeit zur Lüge eine besondere Leistung, eine Besonderheit des Menschseins und menschlicher Intelligenz? Die Fähigkeit zu lügen setzt das Wissen der Wahrheit voraus. Wer lügt, könnte auch die Wahrheit sagen, so wie jemand, der schnell laufen kann, auch langsamer laufen könnte, während der Lahme (oder Wahrhaftige) beim besten Willen nicht schneller laufen kann. Anders formuliert: Lügen können ist eine kommunikative Kompetenz, während Wahrhaftigkeit als Charaktereigenschaft einen Mangel darstellt. Eine Argumentation, die sogar Sokrates, von dem sie ursprünglich stammt, etwas unwohl stimmte. Trotzdem, dieses Spannungsfeld Lüge – Wahrhaftigkeit – Wahrheit mag auch Energien schaffen, die Wissenschaft und Künste ermöglicht und gleichzeitig auch einen Großteil der Paradoxien unserer Kommunikation bedingt.
Dr. Gerald Bachinger, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Patientenanwälte, sprach unter dem Titel „Vertrauen durch wirkungsvolle Information“ einen wesentlichen Aspekt der Beziehung zum Patienten an. Die genaue Anzahl der Patienten, die sich nicht ausreichend informiert fühlt, ist nur wenig untersucht. Zu Fragen wie „Wurden Sie gut über neue Behandlungsmethoden informiert?“ oder „Fühlen Sie sich ausreichend informiert, um den besten Gesundheitsdienstleister auszuwählen?“ antwortet nur die Hälfte der Patienten positiv! Dabei könnten viele Beschwerden und Anfragen von Patienten durch richtige Kommunikation im Ansatz verhindert werden. Vor allem beiläufige, unterschwellig negative Kommentare von Ärzten zum bisherigen Behandlungsverlauf verunsichern Patienten und untergraben jedwedes Vertrauen. Absolut kontraproduktiv sind Sätze wie: „Wer (um Gottes willen) hat denn das gemacht ?!“ 18 versus 90 Sekunden – dieses provokante Ergebnis erbrachte eine weitere Studie zum Gesprächs- und Kommunikationsverhalten zwischen Ärzten und Patienten. Der Arzt unterbricht den Patienten nach durchschnittlich 18 Sekunden, bei Redeverbot des Arztes beendet Patient seinen Bericht nach durchschnittlich 90 Sekunden. Eine schöne Illustration des Faktums, dass für die Qualität nicht die Dauer eines Gespräches ausschlaggebend ist, sondern die Art und Weise, wie die Zeit genützt wird. Zusammenfassend wünschen sich Patienten (mehr) Aufmerksamkeit, Information und Respekt. Eine Botschaft, die auch in Zitatform zu hören war: Wo Informationen fehlen, wachsen die Gerüchte (Alberto Moravia).

Mehr Transparenz gefragt

Unter dem Titel „Qualitätsmanagement und die großen Strukturen“ waren Prof. Dr. Ernst Wolner, Vorstand der Klinischen Abteilung für Herz-Thorax Chirurgie, Medizinische Universität Wien, Prof. Dr. Reinhard Krepler, Ärztlicher Direktor des AKH Wien, und Mag. Peter Soswinski, Vizerektor der Medizinischen Universität Wien, als weitere Referenten geladen. Prof. Dr. Michael Hiesmayr, Prof. Dr. Herbert Koinig und Prof. Dr. Georg Grubhofer präsentierten die praktische Umsetzung eines Qualitätsmanagementsystems im klinischen Alltag. Hier mögen Modelle aus dem wirtschaftlichen und technischen Bereich eine gewisse Orientierung bieten, ein Ziel darf aber nicht aus den Augen verloren werden: Alle Abläufe und Prozesse sollten letztendlich für Patienten und Mitarbeiter transparent(er) werden.

Prof. Dr Georg Grubhofer,
Klinische Abt.f.Herz-Thorax-Gefäßanästhesie und
Allgemeine Intensivmedizin (HTG)

Hinweis: Alle Referate der Tagung sind unter www.meduniwien.ac.at/htg/ in voller Länge abrufbar

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