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Praxis 6. Februar 2007

Schuldenfalle Praxisgründung

Die Steuergesetzgebung in Österreich bevorzugt im betrieblichen Bereich die Aufnahme von Fremdkapital. Zinsen von Betriebskrediten sind steuerlich abzugsfähig, die Finanzierung mit Eigenmitteln ist im Gegensatz dazu steuerlich gesehen nichts wert. In vielen Fällen einer Praxisgründung sind diese Gedanken mangels Eigenmittel aber ohnehin müßig.

Die Kreditaufnahme zählt zu den heikelsten Themen jeder Praxisgründungsfinanzierung. „Die steuerliche Situation führt logischerweise auch dazu, dass ein Arzt im Normalfall endfällige Kredite bevorzugt. Diese sind mit gleichbleibend hoher, steuermindernder Zinsenlast ausgestattet, während sich im steuerlichen Privatbereich ein so genannter Tilgungsträger ansparen lässt“, erklärt Dagmar Triller, Financial Manager des Basler Ärztedienstes in Graz und Referentin bei den Praxis&Wirtschaft-Gündungsseminaren, die in Kooperation zwischen Basler Ärztedienst und ÄRZTE WOCHE mittlerweile im fünften Jahr durchgeführt werden.

Schuldenfalle ohne mangelnde ganzheitliche Planung

Ärzteberater sind sich einig (siehe auch Seite 22, Stammtisch „Hausart in Not“): Solche Modelle rechnen sich in aller Regel sehr gut, sind aber auch mit Gefahren behaftet. Um einen Steuervorteil möglichst lange behalten zu können, werden Verträge meist über eine Laufzeit abgeschlossen, die über die Nutzungsdauer der angeschafften Wirtschaftsgüter hinausreicht. Wer das in seiner ganzheitlichen Finanzplanung nicht berücksichtigt, kann schnell in die Schuldenfalle geraten. Doch nicht nur der Umgang mit Geld steht auf dem Seminarprogramm. Heutzutage muss sich jeder Arzt, egal ob mit Kassen oder ohne, um seine Patienten als Kundschaft Gedanken machen. Es reicht auch längst nicht mehr, einfach irgendwann irgendwo aufzumachen. Standortanalyse und Marketing spielen eine immer wichtigere Rolle und werden deshalb auch im Seminar entsprechend berücksichtigt.

Folgekosten im Auge behalten

In erster Linie sollten aber Finanzierungsfragen geklärt sein. So müssen bereits bei Praxisgründung die „Folgekosten“, wie Sozialversicherung, Wohlfahrtsfonds und vor allem Einkommensteuer, hochgerechnet werden. Auch der wahrscheinlich bestehende Privatbedarf der betroffenen Arztfamilie sollte einkalkuliert werden. Schließlich kann niemand auf die Lebensgrundlagen ohne weiteres verzichten, nur weil eine Ordinationseröffnung ins Haus steht. Diese teils enormen Größenordnungen schlagen oft erst zeitlich versetzt zu Buche. „Was zu bösen Überraschungen ab dem dritten Ordinationsjahr führen kann“, darauf macht Dir. Wilhelm Zieger von Basler Ärztedienst aufmerksam. „Hier hilft geschickte Planung, schmerzhafte Fehler von Anfang an zu vermeiden.“ Ein niedergelassener Arzt muss sich heute auch einiger Risiken bewusst sein. Zur finanziellen Verantwortung für Ordination und Familie kommt noch dazu, dass der Arzt als Unternehmer für vieles geradestehen muss, was im Angestelltendasein kein Thema ist. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass die Themen Aufklärung und ärztliche Haftung derzeit heiß diskutiert werden (siehe Bericht Seite 24). Jeder Arzt muss sich mehr denn je bemühen, die gesetzlichen Anforderungen zu erfüllen, um sich gegen mögliche Angriffe zu schützen. Im Bereich Honorargestaltung werden von Wahlärzten gerne leistungsorientierte Honorare gewählt. Hier ist es notwendig, die Honorarnoten von Anfang an „kassengerecht“ zu gestalten, um den Patienten den Wettbewerbsvorteil einer möglichen teilweisen Rückerstattung zu eröffnen. Auch der EDV-Einsatz in der Praxis hat mittlerweile einen hohen Stellenwert. Für einen Kassenarzt bereits selbstverständlich und lebensnotwendig zur Führung einer Ordination, gehen auch immer weniger Wahlärzte ohne dieses selbstverständlich gewordene Organisationshilfsmittel in die Niederlassung.

Steuervorteile richtig nutzen

Schließlich bildet die bei Niederlassung wichtige steuerliche Komponente einen Seminarbestandteil. Das Förderungsgesetz für Klein- und Mittelunternehmen hat einige wichtige Neuerungen parat, die auch für Praxisgründer relevant sind, etwa die Änderung zum Verlustvortrag. Ärzte dürfen ihre Einkünfte mittels Einnahmen-Ausgaben-Rechnung ermitteln. Bei dieser Art der Gewinnermittlung sind ab 2007 die Verluste aus den vorangegangenen drei Jahren vortragsfähig. Können diese nicht innerhalb der folgenden drei Jahre verwertet werden, sind sie künftig verloren, wenn sie nicht mittels Bilanzierung ermittelt wurden. Nach der bisherigen Gesetzeslage konnten Praxisgründer ihre Einkünfte in den ersten drei Jahren völlig sorglos mittels Einnahmen-Ausgaben-Rechnung ermitteln. Ein Übergang auf die Methode der Bilanzierung war aus Sicht der Verlustverwertung nur dann nötig, wenn im vierten Jahr nach Praxisgründung immer noch Verluste anfielen. Damit blieb bisher ein Großteil der Ärzteschaft von der Erstellung einer Bilanz verschont.

Deutliche Mehrkosten

Der Wegfall der bisher unbefristet vortragsfähigen Anlaufverluste führt nun dazu, dass es in Zukunft Fälle geben wird, bei denen es notwendig ist, bereits im ersten Jahr eine Bilanz zu erstellen und damit eine vergleichsweise aufwändigere doppelte Buchhaltung zu führen. Da insbesondere bei Wahl- und Privatarztpraxen zum Zeitpunkt der Gründung eine sichere Prognose der Gewinne vier Jahre im Voraus kaum möglich ist, wird aus Vorsichtsgründen unter Umständen zur Bilanzierung anzuraten sein.

Spielerisch lernen beim Praxisgründungs-Planspiel

Einer der Höhepunkte des Seminars ist das Praxisgründungs-Planspiel mit interaktiver Gestaltungsmöglichkeit durch die Teilnehmer. Bei diesem immer beliebter werdenden Seminarteil werden alle für einen Arzt relevanten Geldflüsse zusammengefasst. Ausgehend von einem Niederlassungswunsch, erarbeiten die Teilnehmer in der Gruppe die Niederlassungsmöglichkeiten eines fiktiven Arztes unter Zugrundelegung der privaten Finanzplanung. So lassen sich etwa die finanziellen Auswirkungen bis zum Nettoeinkommen von Investitionen oder Personalentscheidungen spielerisch nachvollziehen. In Summe entsteht daraus eine komplette Finanzplanung für den betrieblichen und privaten Bereich, in der alle nur erdenklichen Kosten- und Ertragspositionen nachvollziehbar ersichtlich sind.

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