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Praxis 18. Jänner 2007

Schwindsucht in der Brieftasche?!

Dr. Markus L. versteht die Praxiswelt nicht mehr, denn seine Einkommensentwicklung steht Kopf. Ein Fall für einen Profi in finanziellen Angelegenheiten: Die Analyse zeigt, dass Veränderungen der Rahmenbedingungen schleichend ihren Tribut zollen.

Dr. L. ist ratlos. Eigentlich führt er eine ganz normale Ordination für Allgemeinmedizin, aber der finanzielle Druck auf ihn ist in den vergangenen Jahren extrem angestiegen. Die Betriebskonten erholen sich zeitweise nur mehr sehr langsam, so tief wie nach den letzten Personalsonderzahlungen im November waren sie überhaupt noch nie. Hingegen war vor etwa einem Jahrzehnt noch alles in Ordnung, an der Betriebsführung und am Lebensstandard wurde jedoch nichts geändert.

Guter Start im Jahr 1992

Ein Profi muss her – und er beginnt mit der Erhebung der Eckdaten. Die Ordination besteht seit 1992, Dr. L. hatte die frei gewordene Kassenstelle seines Vorgängers in einer mittelgroßen Land-gemeinde übernommen. So kam er schnell in Schuss und hatte auch bald die 1.000-Scheine-Schallmauer seines Vorgängers übertroffen. Nach oben ging jedoch nicht mehr viel, dafür gab die vorliegende Infrastruktur zu wenig her.
Fünf Jahre später (1997) war für L. das erste Jahr im Normalbetrieb. Rein arbeitsmäßig war der Zenit erreicht, Steuern, Kammerbeiträge und Sozialversicherung waren auf Normalniveau. Auch der Privatbereich hatte sich eingependelt. Die Familie L. hatte bereits Nachwuchs, Frau L. kümmerte sich neben den Kindern von damals 3 und 6 Jahren auch noch um die Geschicke der Ordination.
An Umsatz wurden 1997 bereits 178.000 Euro (Wert 2 in Tabelle) erwirtschaftet. Damals waren die Anfangsinvestitionen von 350.000 Euro (200.000 für das Ordinationsgebäude und 150.000 für Einrichtung und Geräte) über die Abschreibungen auch noch voll in der Steuer drin.

Schöne Bilanz nach 5 Jahren

So ergab sich ein steuerlicher Gewinn von etwa 63.000 Euro (Wert 8) bei einem Cashflow von etwa 90.000 Euro (wert 9). Die Kredite waren solide angelegt, die 200.000 Euro für den Ordinationsbau wurden mittels Rate rückgeführt, für die 150.000 Euro Investition in Einrichtung und Geräte wurde ein endfälliger Praxisgründungskredit gewählt.
Nach Abzug der Steuer sowie der Kredittilgungen vom Cashflow ließ sich ein Wert von etwa 48.000 Euro (Wert 13) für die private Lebenshaltung errechnen. Unter Berücksichtigung des Gehalts von Frau L. ergab sich ein monatliches Familieneinkommen von netto knapp 5.000 Euro (Wert 16). Davon wurde die Mietwohnung mit 850 Euro inklusive Nebenkosten finanziert, für die private Lebensführung inklusive Urlaube wurden 3.700 Euro aus dem Budget verwendet. Es blieben 450 Euro, die Dr. L. langfristig gebunden als Ansparung für Zukunftssicherung verwendet sehen wollte (Werte 17 bis 20).
Aus damaliger Sicht war das finanzielle Gebäude von Dr. L. solide, also eigentlich vorbildlich aufgebaut: Die Ordinationskredite hielten sich im üblichen Rahmen und waren gemischt refinanziert. Die Laufzeiten waren halbwegs fristenkonform angelegt. Man hatte auch bereits damals erkannt, dass sich zusätzlich zum Ordinationsbau eine weitere Immobilieninvestition zunächst nicht ausgeht und man durchaus etwa zehn Prozent seines Einkommens in Zukunftssicherung anlegen sollte.
Nicht ganz zehn Jahre danach hat sich die Situation offenbar verändert. Obwohl in Bezug auf Geld die gleichen Vorsätze regieren, fühlt Dr. L. seit einigen Jahren einen immer stärker werdenden Finanzdruck, dem wir als Nächstes auf den Grund gehen.
Zunächst zum Betrieb: Die Ordination hält sich noch immer knapp über 1.000 Scheinen. Der Scheinschnitt hat sich auf etwas über 40 Euro erhöht, allerdings auch die wöchentliche Arbeitszeit. Der Umsatz stieg 2006 auf 197.000 Euro (Wert 2), das entspricht einer Steigerung um fast elf Prozent in neun Jahren, mit der man eigentlich zufrieden sein könnte.

Unerwartete Probleme nach 10 Jahren

Die Betriebskosten (Wert 7) blieben mit 118.000 Euro (115.000 Euro in 1997) hingegen fast konstant, was eigentlich auf den ersten Blick auf ein erfreuliches Gesamtergebnis schließen lassen müsste. Nimmt man diese Betriebskosten genauer unter die Lupe, zeigt sich hingegen eine deutliche Umschichtung. Allein die Personalkosten (Wert 3) sind um fast 50 Prozent gestiegen; ein Resultat vor allem der ständig steigenden Lohnkosten an sich, gekoppelt mit einer notwendigen Ausweitung der Dienstzeiten aufgrund größeren Arbeitsanfalls. Während sich viele Positionen einfach nur im Rahmen der Normalität entwickelt haben, sind die Abschreibungen (Wert 6) um fast 60 Prozent gefallen – mit enormen Folgen für das Einkommen.
Das lässt sich an Cashflow und Gewinn beobachten: Dr. L. hat 2006 elf Prozent mehr Umsatz, aber etwa gleiche Kosten wie 1997. Das bedeutet, dass er einen um 27 Prozent höheren steuerlichen Gewinn ausweist als 1997 (Wert 8), verbunden mit einer Erhöhung der Einkommensteuerzahlungen um fast 40 Prozent (Wert 10). Der Cashflow blieb hingegen mit knapp 90.000 Euro in der Größenordnung gleich (Wert 9).

Hohe Nachinvestitionen und deren Folgen

Woran liegt das? Die Anfangsinvestitionen sind abgeschrieben, in der Zwischenzeit wurde jedoch im Ausmaß von insgesamt 70.000 Euro nachinvestiert, wieder mittels endfälligem Kredit. Der aushaftende Kreditsaldo hat sich von 340.000 Euro in 1997 auf 310.000 Euro in 2006 nur minimal reduziert (Wert 1), der Tilgungsaufwand jedoch von 18.000 Euro in 1997 auf 22.000 Euro in 2006 etwas erhöht (Werte 11 und 12).
Das alles ergibt für 2006 nur noch ein Familiennettoeinkommen von knapp 4.200 pro Monat, im Vergleich zu 1997 um 800 Euro monatlich weniger (Wert 16).

Den Kostentreibern im Privatbereich auf der Spur

Die Entwicklung der Kosten der privaten Lebensführung macht „das Gefühl“ von Dr. L. auch auf dem Papier klar: Durch die Erhöhung von Miete und Lebenshaltungskosten im Rahmen der Inflation allein stieg der Bedarf in den neun Beobachtungsjahren um 400 Euro (Wert 20). Die Kinder sind nun 12 und 15 Jahre alt, also auch anspruchsvoller und sicher nicht billiger als 1997.
2006 lässt sich für Dr. L. eine Unterdeckung von fast 15.000 Euro (Werte 21 und 22) errechnen, die er natürlich auf seinen Konten spürt. Eine Unterdeckung, die sich trotz gesteigertem Umsatz und Gewinn sowie Beibehaltung aller betrieblichen und privaten Ausgabegewohnheiten ergeben hat.

Wenig erfreuliche Perspektive

Wie geht es weiter? Dr. L. ist sicher ein typisches Opfer einerseits der Sparpolitik der Kassen, welche die Honorare kaum an die Inflation anpassen. Andererseits lässt sich 2006 deutlich die Auswirkung der Bürokratieschikanen erkennen, die sich nicht nur unmittelbar aus einigen Kostenpositionen ablesen lässt, sondern allgemein in einem gesteigerten Aufwand, verbunden mit Mehrarbeit und dadurch auch höheren Personalkosten.
Dr. L. hat zwar die Perspektive, dass der Praxisgründungskredit 2007 ausläuft. Das wird ihm jedoch wenig nutzen, da die in den vergangenen Jahren durchgeführten Kontoüberziehungen auch einmal kontrolliert rückgeführt werden müssen. Die Kinder werden größer, ob und wie sich ein Studium mit diesem Einkommen finanzieren lässt, ist auch noch nicht geklärt.

Hoffnungsloser Versuch?

Wenn Gesundheitspolitik und Krankenkassen nicht umschwenken, ist eine weitere Reduktion des Nettoeinkommens von Dr. L. in den kommenden Jahren nicht zu verhindern. Was bleibt, ist der eigentlich hoffnungslose Versuch, die Lebenshaltungskosten auf das erforderliche Maß zu reduzieren. Für Dr. L. lässt sich bereits heute eine Reduktion um 30 Prozent als Minimum errechnen. Er dürfte jedoch kein Einzelfall sein. Speziell Ärzte im mittleren Alter zwischen 45 und 50 leiden wahrscheinlich bereits verstärkt unter dieser bedenklichen Entwicklung.

 Tabelle

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