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Praxis 9. Jänner 2007

Ab sofort Impfstoffe in der Praxis

Ab 2007 besteht für die niedergelassenen Ärzte in der Steiermark auf freiwilliger Basis die Möglichkeit, Impfstoffe gleich in der Ordination abzugeben und zu „verimpfen“.

„Ich möchte mit dem Gerücht aufräumen, dass die Ärztekammer Apotheken abschaffen oder in Frage stellen will“, sagte Dr. Dietmar Bayer, Präsident der Ärztekammer für Steiermark, bei der Vorstellung des neuen Projekts. „Es geht uns vielmehr darum, gemeinsam mit den Apothekern und Apothekerinnen die Versorgung der Bevölkerung zu verbessern.“ Die Versorgung mit Medikamenten sei laut Bayer zwar gut, aber immer noch verbesserungswürdig.
Das bestätigt eine jüngst vom Market-Institut durchgeführte Erhebung: 84 Prozent der Bevölkerung in der Steiermark wollen Impfstoffe oder andere wichtige Medikamente direkt beim niedergelassenen Arzt bekommen. Diesen Wunsch müsse man ernst nehmen und rasch umsetzen, so Bayer. So wie es für eine Tankstelle selbstverständlich sei, das für einen Ölwechsel notwendige Motoröl im Regal stehen zu haben, gebe es keinen Grund, warum das bei Medikamenten nicht genauso sein sollte.
Für den Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte auf Bundesebene, Dr. Jörg Pruckner, ist der Vorstoß vor allem als Begradigung der Wege des Patienten zu sehen. „Wir wollen den Weg des Medikaments im Sinne einer Impfsicherheit und im Sinne der Sicherheit des Patienten verkürzen.“
Pruckner nennt neben dem Vorteil des kurzen Wegs auch die gesicherte Kühlkette, die er bei herkömmlicher Abgabe in Apotheken mitunter gefährdet sieht. Gerade bei saisonal wichtigen Impfungen sei es wichtig, Impfstoffe direkt in der Ordination abgeben und auch sofort impfen zu können. „Diese Art des Dispensierrechts sei übrigens nicht in der Steiermark, sondern in der Bundeskurie ausgearbeitet worden“, betonte Pruckner.

Volkswirtschaftlich sinnvoll

Dr. Martin Georg Millauer verweist als stellvertretender Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte Steiermark auf die volkswirtschaftliche Bedeutung der Initiative: „In Großbritannien wird ein Allgemeinmediziner mit einer Prämie belohnt, wenn er mehr als 50 Prozent seiner Patienten impft. In Österreich hatten wir bis dato in dieser Angelegenheit schwierige Umstände durch das Abholen der Impfstoffe in Apotheken.“

Der nächste Schritt: Injektabilia und Infusionen

Die neue Regelung ermögliche ein wesentlich dichteres Versorgungsnetz für Impfungen. Mill-auer: „Das ist ein erster wichtiger Schritt, wobei man auch schon weiter denken muss. Nämlich an die Abgabe von Medikamenten, die als Injektabilia oder Infusionen verabreicht werden können.“ Es sei beispielsweise für so manchen Schmerzpatienten heute eine Zumutung, wenn er extra vor der Behandlung eine oft weit entfernte und gegebenenfalls dann sogar geschlossene Apotheke aufsuchen müsse.
Millauer sieht den Vorstoß der steiermärkischen Ärztekammer auch als Schluss der Entwicklungen rund um die e-Card: „Nicht der Patient soll laufen, sondern das Rezept. Die Weiterführung ist daher logisch, nämlich dass das Medikament läuft.“ Gerade für ältere, oft immobile und auch finanziell wenig strapazierfähige Patienten sei dies eine spürbare Entlastung.

 Pressekonferenz
Dr. Martin Millauer (li.), Dr. Jörg Pruckner und Dr. Dietmar Bayer informierten bei einer Pressekonferenz im Dezember über die in der Steiermark nun mögliche Abgabe von Impfstoffen in Ordinationen.

Keine Gegenwehr von Apothekern erwartet

Nachdem diese Form des Dispensierrechts in Kooperation mit den Apothekern gestaltet wird, rechnet die Standesvertretung mit wenig Gegenwehr und schon gar nicht mit einer Klage oder ähnlichen Schritten. Vorgesehen ist, dass Ärzte die Impfstoffe in öffentlichen Apotheken erwerben. Deshalb sei keine Umsatzreduktion bei öffentlichen Apotheken zu erwarten, sondern eher das Gegenteil.
Den Ärztevertretern aus der Steiermark geht es bei der Impfstoffregelung auch nicht um finanzielle Aspekte, sondern um eine Verbesserung für den einzelnen Patienten sowie die gesamte Volkswirtschaft. „Manche Impfungen sind sehr wichtig, lassen sich aber bei der Zielgruppe aus den genannten Gründen nur schwer anbringen, weshalb eine sehr niedrige Durchimpfungsrate besteht“, gab Pruckner zu bedenken. „Dieses Manko wird mit der Abgabe von Impfstoffen in Ordinationen effektiv beseitigt.“
Bayer freut sich über die neue Partnerschaft zwischen Ärzten und Apothekern im Sinne von Patientenzufriedenheit und Volksgesundheit, die mit „Noch“-Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat akkordiert ist. In Summe gesehen betrifft die neue Möglichkeit der Abgabe von Medikamenten in Ordinationen etwa 50 bis 80 Präparate.

Vorgaben der WHO für Impfstrategien besser erfüllbar

„Nun können wir Ärzte gewissen Vorgaben der WHO einfach besser nachkommen als mit der Behinderung der Abgabe von Impfstoffen über die Apotheken“, so Millauer. Aufgrund der höheren Mobilität der Bevölkerung bestehe ohnehin ein viel größeres Ansteckungsrisiko, etwa für exotische Krankheiten.
Für Pruckner war es „höchste Zeit, diese Maßnahme im Sinne von Lebens- und Verbrauchernähe endlich zu setzen respektive endlich einmal der Realität ins Auge zu schauen und ein sinnvolles System zu etablieren“. Die Steiermark ist das erste und bisher einzige Bundesland, in dem diese bundesweit gültige Regelung umgesetzt wurde. Alle an-deren Bundesländer sind somit in Zugzwang.

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