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Praxis 13. November 2006

Der Arzt, der aus der Ferne kam II

In der letzten Ausgabe behauptete der Autor dieser Zeilen, dass Telemedizin und ganzheitliche Medizin scheinbar nicht kompatibel wären. Dieser eher oberflächlichen Behauptung sollte an dieser Stelle, zumindest teilweise, widersprochen werden. Denn digital übermittelte Patientendaten können an Ärzte verschiedener Fachrichtungen gesendet werden. Die Telemedizin kann den behandelnden Ärzten neben den Rohdaten des Patienten auch die Möglichkeit geben, sich untereinander und mit dem Patienten zu verständigen, um sich auf die geeignete Therapie zu einigen. Dazu braucht es keine große Vorstellungskraft. Miteinander online verbundene Ärzte betrachten gemeinsam am Computerschirm ein Ultraschallbild, kommunizieren mit Hilfe von Kopfhörern, kennzeichnen mit unterschiedlich gefärbten Mauszeigern Teile des Bildes und sprechen dabei ihre Diagnosen ab. Hier liegt die hervorragende Gelegenheit, den Tunnelblick der eigenen Spezialisierung aufzuweichen und einen Lernprozess in Gang zu bringen, um neue Aspekte in die eigene Heilkunst einfließen zu lassen. 

Weg vom Inseldenken

Besonders niedergelassene Ärzte können aus ihren isolierten Ordinationen elektronisch "ausbrechen" und viel von diesem Informationsaustausch profitieren. Ein Denkmodell dazu wären örtlich unabhängige, virtuelle Gemeinschaftspraxen. Neben Konsultationen von Kollegen anderer Fachrichtungen, Einholung von Zweit- oder Drittmeinungen besteht zudem die Möglichkeit, Erkundigungen bei hoch qualifizierten Spezialisten in Kompetenzzentren einzuholen.

Behandelnde Fachärzte als Instruktoren

Patienten ziehen es eben vor, im regionalen Krankenhaus nahe bei Familie und Freunden, anstatt in einem entfernten Schwerpunktkrankenhaus behandelt zu werden. Vorreiter auf diesem Gebiet gibt es in der Neurologie. Unter dem Begriff "Telestroke" werden in Deutschland Behandlungen unter der Führung und Beratung zentraler Spezialkliniken in peripheren Krankenhäusern durchgeführt.
Widersprüchlich ist, ob die Telemedizin tatsächlich Kosten sparen kann. Unbestritten ist jedoch, dass ein rechtzeitiger Besuch beim Arzt nicht nur für die Patienten großen gesundheitlichen Benefit bringen kann. Auch das Gesundheitssystem profitiert durch Kostenersparnis. Patienten werden motiviert, rechtzeitig zum Arzt zu gehen, wenn sie dabei nicht allzu viel Zeit verlieren. Dies wäre vor allem dann der Fall, wenn sie ihre Gesundheitsdaten zu Hause ermitteln, um sie anschließend drahtlos an den Computer ihres behandelnden Arztes schicken könnten. Für Diabetiker, Schlaganfall- und Herzrisikopatienten wurden bereits einige Projekte gestartet, aber die kontinuierliche Überwachung medizinischer Daten ist erst im Kommen. Handy und die drahtlose Übertragung digitaler Daten machen das aber möglich. Vor allem in der Kardiologie werden einige tragbare EKG-Geräte für den Hausgebrauch angeboten.

Dies alles sind Denkmodelle, die in punktuellen Projekten bereits realisiert wurden. Von einer globalen Anwendung der Telemedizin kann aber noch lange nicht gesprochen werden. Außerdem müssen noch gewisse Ressentiments der Datenschützer überdacht werden, deren Einwände durchaus ernst zu nehmen sind. Ebenso bestehen noch Defizite in der Akzeptanz solcher Projekte sowohl bei Ärzten wie bei Krankenkassen und Patienten.

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 33/2002

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