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Praxis 13. November 2006

Der Arzt, der aus der Ferne kam

Tele-, griechisch, bedeutet "in der Ferne". So fern scheint diese Vorsilbe so gar nicht zur Medizin zu passen, in der Attribute wie Fühlen, Riechen und Hören so wichtig erscheinen. Doch je mehr fortschrittliche Geräte sich in die moderne Medizin integrieren, desto weniger abstrus kommt uns das vor. Wie viel Diagnosen werden heutzutage allein aufgrund nackter Fakten und Zahlen begründet? Natürlich widerspricht dies dem wieder einsickernden ganzheitlichen medizinischen Denken.
Definitionsgemäß geht es in der Telemedizin darum, medizinische Daten (Befunde, [Röntgen-]Bilder, etc.) über große Entfernungen hinweg elektronisch zu verschicken, um so eine diagnostische oder therapeutische Interaktion zu ermöglichen. Dies geht manchmal schon mit Hilfe einer banalen Telefonleitung. Doch die Telemedizin entwickelt sich mit jeder neuen technologischen Kommunikationsinnovation weiter, egal ob es sich hierbei um ISDN, Breitband-Netze, mobile Kommunikation oder das Internet handelt.

Astronauten, die ersten telemedizinischen Patienten

So jung ist dieser medizinische Zweig gar nicht. Wie viele andere Entwicklungen hat auch die Telemedizin ihre Wurzeln in der Raumfahrt. Die ersten bemannten Raumschiffe wurden von terrestrischen Ärzten medizinisch überwacht. Nach diesen ersten erfolgreichen Projekten zogen sich zivile Einrichtungen Mitte der 70er Jahre aufgrund des sehr ungünstigen Kosten-Nutzen-Verhältnisses von der Telemedizin zurück. Die Militärs blieben freilich weiterhin am Ball, um wertvolle ärztliche Ressourcen von der Front fern zu halten. Aber auch in Gegenden schlechter medizinischer Versorgung setzte sich die Telemedizin weiterhin durch. Sie wurde zum Beispiel für die medizinische Versorgung der ländlichen Bevölkerung Australiens oder für Arbeiter auf Nordsee-Ölplattformen unverzichtbar.

Anwendung breit gefächert

Radiologen waren die ersten Fachärzte, die sich umfassend mit der Telemedizin beschäftigten. Nachdem Probleme mit Bildauflösung, Übertragungsrate und Speicherung heutzutage keine Hürde mehr darstellen, hat sich die Teleradiologie bestens etabliert. Die Vision des Patienten, der sich nach erfolgter radiologischer Untersuchung nicht mehr um den Transport der Bilder zum behandelnden Facharzt kümmern muss, steht im Raum.
Die neue Konsultationsvariante verspricht außerdem verbesserte Heilungschancen, da Spezialisten jetzt weltweit Behandlungen per Bildschirm durchführen können. Unter dem Zauberwort "kooperative Diagnose" versteht man die Zusammenarbeit entfernter Fachleute an einer gemeinsamen Diagnose und Therapie. Ein interessantes Beispiel liefert ein telemedizinisches Netzwerk in Oberbayern. Dort haben sich fünf neonatologische Zentren zusammengeschlossen. Frühgeburten, denen eine Netzhautablösung droht, werden von speziellen Weitwinkelkameras fotografiert. Die Aufnahmen werden digital ins Uniklinikum Regensburg geschickt. Ergibt der Befund der dortigen Spezialisten Handlungsbedarf, so komplementiert ein mobiles Lasergerät die telemedizinische Behandlung. Aufwändige und für die Frühchen stressige Transporte werden dadurch gänzlich vermieden.
Ein nahezu klassisches Anwendungsgebiet ist der Einsatz während medizinischer Versorgungskrisen. Mit Hilfe der Telemedizin können bei akutem (Naturkatastrophen) oder chronischem Mangel der medizinischen Grundversorgung (zum Beispiel in den Entwicklungsländern) entferntere Infrastrukturen zugezogen werden. 
Eines sollte immer bedacht werden: Die Telemedizin ist kostenintensiv und zahlt sich nur aus, wenn durch ihren Einsatz entsprechende Einsparpotenziale im Gesundheitssystem ausgeschöpft werden können. 

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 32/2002

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