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Praxis 10. November 2006

Patientenleid am Internet-Pranger

Mittlerweise ist es erwiesen, wie intensiv Patienten das Internet mit seiner Informationsfülle nützen. Zum Teil fordert das von Ärzten, sich selbst mehr mit dem Thema zu beschäftigen. Nachdem die medizinische Klientel auch selbst als "Medienherausgeber" agieren kann, dürfte es dem Arzt nicht egal sein, welche Möglichkeiten weltweit nahezu jedem offen stehen.

Behandlungsfehler

Die Technologie wird im Handumdrehen von Menschen genützt, um ihr Leid darzustellen und die Thematik des ärztlichen Fehlers zu bearbeiten. "Alles, was der Arzt sagt, soll wahr sein, aber nicht alles, was wahr ist, muss er sagen" (Kernaussage beim 2. Internationalen Kongress für medizinische Ethik 1966). Dieses Zitat findet sich in der Einleitung von www.behandlungsfehler-arzt-pfusch.de. Abgesehen von den erschütternden Berichten der Betroffenen oder von Angehörigen beinhaltet diese Homepage eine lange Liste von Web-Adressen, News und Foren, die medizingeschädigten Personen zur Verfügung stehen.
Die Seiten der Leidtragenden sind in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen. Sich öffentlich äußern zu können, integriert sich in den Coping-Prozess, in die Trauerarbeit. Außerdem schafft es eine Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu bekommen und auf vermeintliche Kernprobleme in der medizinischen Gesellschaft hinzuweisen. Schließlich zeigt es den Medizinern, wie ausführlich sich die Betroffenen informieren und sich mit "Ärztepfusch" auseinandersetzen. Werden die Punkte des (vermuteten oder tatsächlichen) Versagens aufgezählt, liest der User zum Beispiel Übernahme einer Diagnose / Behandlung / Beratung trotz mangelnder Kompetenz oder Zeit, großzügige Indikation (Durchführung nicht indizierter Eingriffe) in Diagnostik und/oder Therapie, unvollständige und/oder unterlassene Aufklärung, unvollständige und/oder unterlassene Dokumentation und Organisationsmängel.
Die Internet-Präsenz der Patienten, die Schaden durch medizinische Fehler davongetragen haben, kann man versuchen als banal abzutun. Doch sich die Situationen einmal durchzusehen, die Konsequenzen - persönlich, aber auch rechtlich - nachzulesen, während der Leser selbst "am Trockenen sitzt", könnte immerhin auch aufhorchen lassen und lässt Rückschlüsse ziehen. Schließlich sind dies auch genau jene Mängel, die in den Akten der Patientenanwaltschaften Stöße von Papier füllen.

Gabriele Sprung

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