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Praxis 10. November 2006

Der informierte Patient

Dreiteilige Serie über ein "Phantom" (Teil 1) 

An allen Ecken des modernen Gesundheitswesens wird der informierte Patient beschworen. In der Praxis stößt er noch häufig auf Unverständnis, in den Köpfen hat er bereits jene aktive und starke Rolle, die der zeitgenössischen Mentalität entspricht. Unsere Serie versteht sich als Essay über die Eigenheiten des neuen Gesundheitsbewusstseins. 

Die Akteure des Gesundheitswesens setzen große Hoffnung in dieses Phantom. Der informierte Patient erscheint als Garant für eine optimale Compliance. Die Medizingeschichte ist reich an Anekdoten von eigenwilligen Kranken; das Nichtbefolgen ärztlicher Anweisungen ist verbreitet, seit es die Arzt-Patient-Beziehung gibt. Dies soll nun anders werden: Patienteninformation kann bedürfnisorientiert zugeschneidert und durch neue technische Möglichkeiten verbreitet werden. Je informierter der Patient seinem Arzt gegenübertritt, umso effizienter erfolgt die Behandlung. Auch diverse Prozeduren in der Begegnung von Arzt und Patient lassen sich in den Cyberspace auslagern.

In den Köpfen geistert der informierte Patient bereits herum: Um sich über seine Gesundheit zu informieren, nutzt er mehrere Informationskanäle. Zuweilen kommt er mit Internet-Ausdrucken in die Praxis, um sie mit dem Arzt zu diskutieren. In diesem Bild gipfelt derweil die Vorstellung vom informierten Patienten, die mit einem neuen Arzt-Bild korreliert: Um den Anforderungen der Zeit gerecht zu werden, muss der Arzt sein Wissen stetig aktualisieren. Nicht mehr der "Gott in Weiß" ist das zeitgenössische Ideal, sondern die Vorstellung eines flexiblen Gesundheitsberaters. Der informierte Arzt ist das obligatorische Pendant zum informierten Patienten: Er sorgt nunmehr auch für die Integration des Wissens.

Die Praxis sieht anders aus. Die Ärzte reagieren noch mit Skepsis auf die Informationstechnologie. An dieser Grundhaltung hat sich am Beginn des dritten Jahrtausends wenig geändert, ebenso wenig wie an der Internetdurchdringung der Praxen. "Die Ärzte müssen ihre Zurückhaltung gegenüber neuen Medien aufgeben und auf breiter Front den Schritt in den Cyberspace wagen", fordert Dr. Gunther Eysenbach von der Forschungsgruppe Cybermedizin an der Uni Heidelberg. Bezeichnend für die aktuelle Situation sind die Verhaltensregeln, die dem informierten Patienten noch empfohlen werden. "Wenn Sie nur eine einfache Frage haben, vermeiden Sie es, überhaupt Internet-Ausdrucke in die Praxis mitzubringen... Dies vermeidet eine negative Reaktion des Arztes, wenn er prinzipiell das Wort Internet schon gar nicht mehr hören kann", schreibt Eysenbach in einer "Knigge" für den modernen Patienten. "Treten Sie nicht zu forsch auf und gehen Sie niemals mit einer fordernden Haltung zum Arzt."

Der informierte Patient gehört also noch nicht zum Praxisalltag, sondern wird von vielen Ärzten anscheinend als Irritation erlebt. Daher sollten die Patienten "mit angewandter Psychologie vorgehen und auch Verständnis für den Arzt aufbringen", empfiehlt Eysenbach. "Wenn Sie merken, dass Ihr Hausarzt ins Schwimmen gerät, lassen Sie den Arzt nicht das Gesicht verlieren, sondern geben Sie ihm Gelegenheit, Nachforschungen anzustellen, indem Sie ihm die Internet-Ausdrucke dalassen." Trauen wir den Patienten die neue Rolle also eher zu als den Ärzten? 

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