zur Navigation zum Inhalt
 
Praxis 24. Oktober 2006

„Freier Beruf“ Arzt wird untergraben

Bedenkliche Richtersprüche, unzählige Verordnungen, begehrliche Patienten etc. Die IGMed (InteressensGemeinschaftMedizin), vormals Ärzteplattform Mostviertel, will den „Arzt im Recht“ ins rechte Licht rücken.

„Einige Gerichtsurteile haben in den vergangenen Monaten für Unruhe und Verunsicherung in Ärztekreisen gesorgt“, so Dr. Christian Eglseer von der IGMed. Eines der Urteile ging mit Freispruch aus: Ein mehrfacher Familienvater hatte aus finanziellen Gründen – da er sich kein weiteres Kind mehr leisten wollte – eine Sterilisation durchführen lassen. Trotzdem wurde er nochmals Vater und klagte den Urologen. Der Freispruch erfolgte mit der Begründung, ein Kind sei kein Schaden. Anders beim nächsten Urteil. Ein Gynäkologe stellte bei der sonographischen Schwangerschaftsuntersuchung die richtige Verdachtsdiagnose einer möglichen Missbildung und schickte die Patientin in eine Risikoambulanz. Die Patientin ging dort erst nach vielen Wochen hin und gebar ein behindertes Kind, da für einen Schwangerschaftsabbruch die Frist zwischenzeitlich verstrichen war. Der Gynäkologe wurde wegen mangelnder Aufklärung verurteilt, da ein behindertes Kind aus Sicht der Justiz einen Schaden darstellt.

Berufsausübung wird massiv eingeschränkt

„Doch nicht nur diese beiden Urteile beschäftigen uns Ärzte“, so Eglseer. „In den letzten Jahren wurden wir sowohl im extra- als auch im intramuralen Bereich durch die unzähligen Erlässe, Verordnungen und Gesetze, zusammengefasst unter dem Begriff ‚Bürokratiewahnsinn’, in unserer Berufsausübung massiv eingeschränkt.“ Aus der bereits seit längerem vorhandenen „Fünf-Minuten-Medizin“ heraus werden die Ärzte aufgrund der geänderten Bedingungen nun quasi gezwungen, eine Zwei-Minuten-Medizin auszuüben. Verzweiflung und Frust prägen den beruflichen Arzt­alltag – nicht nur im Mostviertel. Vor diesem Hintergrund wehren sich selbstverständlich auch die Patienten, die mit der gebotenen Betreuung oft nicht zufrieden sind. Sie klagen an, sie klagen auch immer häufiger vor Gericht. „Nur, sie klagen die Falschen, nämlich jene, die ebenfalls mit dieser Situation unzufrieden sind“, so Eglseer. „Sie klagen uns Ärzte. Dabei werden wir selbst zwischen den Mühlsteinen der Gesetze, Auflagen der Kassen sowie steigenden medizinischen Standards und begehrlichen Patienten zermahlen.“

Täglich der Gefahr von Klagen ausgesetzt

Viele Ärzte sind sich bis heute noch nicht bewusst, dass sie – trotz ihres oft übermenschlichen Einsatzes zu Gunsten der Patienten – praktisch bei jeder Behandlung Fehler begehen können. Dadurch sind sie, juristisch gesehen, täglich der Gefahr einer Klage ausgesetzt. Dies ist die Motivation der Initiatoren der IGMed, nach einigen spannenden Vorwahl-Diskussionen mit Politikern nun mit handverlesenen Themen in die eigentliche Problematik der Ärzteschaft einzusteigen. So wird am Dienstag, den 23. Jänner 2007, ein Informations- und Fortbildungsabend rund um alle juristischen Probleme der Ärzteschaft veranstaltet (siehe Kasten).

Juristische Angriffsflächen reduzieren

„Wir wollen mit dieser Veranstaltung versuchen, durch gezielte Information die juristische Angriffsfläche auf unseren Berufsstand zu reduzieren“, so Eglseer. Quasi nebenbei will man den für diese Misere verantwortlichen Personen aus Politik und Sozialversicherungssystem zeigen, was sie „angerichtet“ haben und hinterfragen, ob sie sich durch ihre Vorgaben und Gesetze im juristischen Sinn nicht selbst mit strafbar gemacht haben. Mit den Podiumsteilnehmern wird noch verhandelt. Fix zugesagt haben der Niederösterreichische Patientenanwalt Dr. ­Gerald Bachinger, der bekannte Sozialversicherungsrechtler Prof. Dr. Wolfgang Mazal und die Rechtsanwältin Dr. Karin Prutsch. Neben diesen sollte noch je ein Vertreter der Kassen, ein Vertreter der Ärztekammer sowie ein „betroffener“ Politiker mit am Podium sitzen.

Ärzte sollen Fragen einbringen

Eglseer hofft wieder auf rege Beteiligung. „Eigentlich müsste dieses Thema ebenso viele Ärzte ansprechen wie die Vorwahldiskussion mit der Gesundheitsministerin. Ganz im Stil der bisherigen Veranstaltungen wird die Ärzteschaft – nicht nur aus dem Mostviertel – eingeladen, sich mit Fragen und Problemen an die Plattform zu wenden. Eglseer: „Wir werden die eingehenden Fragen anonym dem Podium stellen und konkrete Antworten und Tipps einfordern.“ Da am Veranstaltungsabend sicher nicht alle Fragen bis ins Detail beantwortet werden können, arbeitet man an einem besonderen Service: Alle eingehenden Fragen werden auch schriftlich von einem der Podiums­teilnehmer beantwortet werden.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben