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Praxis 11. Oktober 2006

Online-Tipps gegen Tablettensucht zu Rate ziehen

Lifestyle-Drugs werden häufig via Internet zum Verkauf angeboten. Im Web lassen sich jedoch auch viele Informationen und einige wenige Forschungsberichte über das Verlangen nach Aufputschern und "Sich wohl fühlen-Pillen" finden.

Experten sprechen von Abhängigkeit, wird auf der Schweizer Seite www.toppharm.ch erklärt, "wenn innerhalb eines Jahres wiederholt ein starker Wunsch nach Medikamenten entsteht, wenn Medikamente unkontrolliert eingenommen werden oder wenn beim Absetzen Entzugserscheinungen auftreten."
Medikamentenabhängigkeit gilt als heimliche Sucht. Freunde und Bekannte bemerken kaum, wenn jemand von Medikamenten abhängig ist, die entweder anregend oder dämpfend auf die Psyche wirken.

Unterschätzte Abhängigkeit

Laut Prof. Dr. Gerd Glaeske, Arzneimittelversorgungsforscher an der Universität Bremen, ist die Medikamentenabhängigkeit ein völlig unterschätztes und in der Öffentlichkeit vernachlässigtes Thema. Der Medikamentenmissbrauch habe in den letzten 15 Jahren erheblich zugenommen. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für Österreich. Medikamentensucht steht hierzulande nach der Alkoholabhängigkeit an zweiter Stelle: Derzeit gibt es rund 300.000 Alkohol- und 100.000 Medikamentenabhängige. Besonders betroffen sind Frauen und ältere Menschen.
"Das Problem ist dabei leider, dass viele Ärzte in den notwendigen psychosozial-kommunikativen Kompetenzen nicht ausreichend ausgebildet sind", kritisiert Glaeske in einem Interview (www.br-online.de/umwelt-gesundheit/thema/medikamente/): "Sie greifen dann auch rasch zu den Lösungsstrategien mit Arzneimitteln, die oft dauerhafte Begleiter von Frauen werden. Diese Präparate machen stabiler und funktionstüchtig. Sie lösen aber im Grunde das Problem nicht, sondern dämpfen es nur."

Suchtprobleme am Arbeitsplatz

"Wissensvermittlung, Grenzsetzung zwischen Genuss, Missbrauch und Abhängigkeit; Erkennen eines Mitarbeiters mit Suchtproblem, Ansprechen des Problems" ist das Thema eines Seminars, das die Züricher Gesellschaft für Personal-Management, www.w-a-b.ch, mehrmals jährlich für Personalverantwortliche und Führungskräfte anbietet. Es geht dabei vor allem um Medikamentenabhängigkeit am Arbeitsplatz. Betriebsräte verschiedenster Firmen geben immer häufiger einen Suchtleitfaden heraus, so beispielsweise die Deutsche Elektronen-Synchrotron (www.desy.de/betriebsrat/sucht/teil3.html).
Vorgesetzte sollen sich dabei nicht allein auf die "Gefahrenabwehr" besinnen, sondern auch für eine ärztliche Behandlung des Mitarbeiters sorgen. Dabei bekommt der Vorgesetzte auch Tipps, wie sich eine eventuelle Medikamentenabhängigkeit bei seinen Mitarbeitern auswirkt: Der medikamentenabhängige Mitarbeiter braucht täglich eine regelmäßige Medikamentendosis, um körperliche und seelische Entzugserscheinungen zu vermeiden. Bei fortgeschrittener Erkrankung wirken medikamentenabhängige Menschen im Gespräch apathisch und ausdruckslos. Das Interesse an Kontakten lässt nach.

Fallbeispiel Krankenschwester

"In der Arbeitswelt sind die Beschäftigten aller gesellschaftlichen Schichten mit einer Vielzahl von Suchtkrankheiten konfrontiert, sei es, weil sie mit Süchtigen zusammenarbeiten oder weil sie selbst gefährdet oder krank sind", heißt es auf www.pflegenet.com. Medikamentenabhängige schädigen nicht nur ihre eigene Gesundheit, sondern stellen wegen des erhöhten Unfallrisikos eine Gefährdung für alle dar. Die große Zahl von Arbeitsunfällen, bei denen Menschen verletzt oder gar getötet werden, ist dafür ein trauriger Beweis. Medikamentensucht am Arbeitsplatz ist daher ein wichtiges Thema. Medizinisches Personal wie Krankenschwestern sind nicht selten davon betroffen. Am Fallbeispiel einer Krankenschwester wird am Pflegenet darauf hingewiesen, dass die Vorgesetzten die Verantwortung haben, dem Mitarbeiter zu einer Therapie zu verhelfen. Im Interesse der Arbeitssicherheit und zur Vermeidung weiterer Störungen auf der Station wurde der betreffenden Krankenschwester nahe gelegt, das Suchtproblem mit Hilfe interner und externer Stellen zu lösen. Weiters teilte man ihr mit, dass sie bei einem im Medikamentenrausch verschuldeten Arbeitsunfall den Versicherungsschutz in der gesetzlichen Unfallversicherung verlieren würde. Aufgrund der Unterstützung ihrer Mitarbeiter und Vorgesetzten entschied sie sich zur Therapie.
Diese Webseite bietet auch ein Literaturverzeichnis an. Der Autor dieses Berichtes, Gerhard Bieber, beantwortet Fachfragen unter ,  ein Service des BAH-Bundesverbandes der Arzneimittel-Hersteller in Bonn. Hier werden nicht nur Medikamente der verschiedenen Fachbereiche beschrieben, sondern man gelangt über verschiedene Links zu den Herstellern.

Cornelia Mayr, Ärzte Woche 16/2003

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