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Praxis 11. Oktober 2006

Ansteckende Gerüchte

Achtung - allein das Lesen einer textbasierten Mail kann Ihr Betriebssystem schädigen. Das glauben Sie nicht? Sie meinen, nicht ohne infizierte Dateien als Anhängsel? Das ist aber durchaus möglich, doch nicht mit einem digitalen, sondern einem ganz anderen Virentypus. Es sind - und wir entlehnen jetzt einen Begriff aus der Evolutionsbiologie - die Viruses of the Mind. Und diese können von einer kreativen, trotzdem destruktiven Schöpferkraft, gänzlich ohne Programmierfertigkeiten, in Umlauf gebracht werden. Der Ausdruck Viruses of the Mind wurde von Richard Dawkins, dem bekannten Evolutionsforscher, geprägt. Dawkins definierte sie auch als Meme, das sind Informationseinheiten, die sich ähnlich den Genen reproduzieren und weiter fortpflanzen. Doch diese Viren nisten sich nicht, wie ihre biologischen und digitalen Pendants, in Organen oder auf Festplatten ein, sondern diese Schädlinge haben es allein auf unseren Geist abgesehen.
Der Warner ist der Schädling
Gemeint sind die so genannten Hoaxes. Sie tarnen sich als Warnungen vor angeblichen, digitalen Viren, um sich als geistige Viren fortzupflanzen. Somit genügt ein pures Gerücht, um Ihr System zu schädigen, ohne dass es jemals mit einer infizierten Datei in Kontakt gekommen ist. Hier ein einfaches und reales Beispiel: der JDBGMGR-Hoax. Der erste Schritt beginnt mit der Einnistung des Parasiten. Eine harmlos aussehende Mail, meist von einem Bekannten, trudelt ein. Nach dem Öffnen der Botschaft beginnt das Einlesen der zerstörerischen Botschaft - diesmal jedoch nicht in den Rechner, sondern in den Kopf:
Der besorgte User, der dieser Anleitung laut dem Text in nebenstehendem Kasten folgt, begeht zwei Fehler:
A) Er hat eine reguläre Datei des Windows-Betriebssystems gelöscht, denn die JDBGMGR.exe ist eine reguläre Systemdatei, der so genannte Debugger Manager für Microsofts Java Runtime Engine (Java DeBuGger ManaGeR).
B) Er sorgt für die Reproduktion und Vervielfältigung des Mindvirus.
Wie gehen Sie richtig vor?
Zunächst Ruhe bewahren und diverse Warnungen nicht vorschnell weitersenden. Sammeln Sie Infos und suchen Sie im Internet nach dem angeblichen Virus. Internetlisten mit einigen Hoax-Datenbanken finden Sie am Ende dieses Artikels. Falls Sie nichts finden, ist es vermutlich ein noch unbekannter Hoax. In diesem Fall posten Sie den Inhalt in einem Hoax-Forum. Ansonsten ist Nichtstun das Beste, denn irgendwelche User sollten das Schneeballsystem mal unterbrechen. Benachrichtigen Sie bestenfalls Ihnen persönlich bekannte "Virenwarner", dass sie einem Hoax zum Opfer gefallen sind.
Hoaxes können meist durch einen kritischen Blick enttarnt werden. Die Betreffzeile enthält zumeist den Begriff "Viruswarnung" oder einen sonst alarmierenden Augenfänger. Die Wirkung des angeblichen Virus wird überaus dramatisch dargestellt, oft mit der Androhung einer Festplattenformatierung bzw. einer irreversiblen Schädigung der Computerhardware. Ganz typisch für einen Hoax ist die Aufforderung, die Information möglichst bald möglichst vielen Bekannten weiter zu senden: "Wenn Sie den Virus finden, müssen Sie jeden in Ihrem Adressbuch informieren." Gerne werden als Quelle große Softwareschmieden wie Microsoft, AOL, IBM, etc. angegeben. Übrigens muss nicht jeder Hoax die destruktive Kraft in sich tragen wie der JDBGMGR-Hoax, denn zu den Viruses of the Mind gehören auch harmlose Varianten wie Ketten- und Tränendrüsenbriefe, Petitionen und diverse Großstadtmärchen (Urban legends).
Fazit: A) Vergessen Sie nie, dass das Internet die größte Gerüchteküche der Welt ist. B) Scannen Sie verdächtige Dateien mit Ihrem Antivirenprogramm und seltsame Virenwarnungen mit kritischer
Logik.

Zur Zeit gern verteilter Hoax-Text

WICHTIGE WARNUNG!

Wir sind informiert worden, dass unser Computer von dem Virus jdbgmgr.exe infiziert worden ist. Das Virus breitet sich per E-Mail automatisch aus, da er sich im E-Mail Adressbuch versteckt. Er kann nicht mit Norton oder McAfee Antivirus entdeckt werden und bleibt 14 Tage inaktiv, bevor er das komplette Computer-System beschädigt. Er kann aber gelöscht werden, bevor er Ihre Daten beschädigt. Bitte gehen Sie wie folgt vor:
Klicken Sie auf "Start"
Klicken Sie auf "Suchen" und suchen Sie die Datei: JDBGMGR.EXE
Vergewissern Sie sich, dass in C: gesucht wird.
Klicken Sie mit der rechten Maustaste auf das kleine Bärensymbol und wählen Sie "Löschen" (das Virus wird in den Ordner "Papierkorb" verschoben).
Klicken Sie mit der rechten Maustaste auf den Papierkorb und wählen Sie "Papierkorb leeren".
Wenn Sie das Virus auf Ihrem Computer gefunden haben, schicken Sie diese Mitteilung an alle Adressanten in Ihrem E-Mail Adressbuch.

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 7/2003

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